Er brachte die Räume zum Leuchten

Der Münchner Architekt Andreas Meck ist am 20. August gestorben.

Meck gründete 1989 in München sein Büro, das seit 2001 unter dem Namen meck architekten firmiert. Er vermied es bewusst, sich zu spezialisieren und nahm stets neue Herausforderungen an: Er widmete sich dem sozialen Wohnungsbau, dem Sakralbau und dem Bau von Ehrenmalen mit dem gleichen Enthusiasmus. Das Ehrenmal der deutschen Bundeswehr war es auch, das ihn 2008 einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte. Seine Architektur sticht durch das Spiel mit Licht und Schatten hervor: Andreas Mecks Ziel war es stets, Raumatmosphäre zu schaffen. Dazu nutzte er unter anderem eine außergewöhnliche Lichtgestaltung, die zu seinem Markenzeichen wurde.

Sein Bedürfnis sich auszutauschen und zu theoretisieren, führte Andreas Meck zu einem Lehrauftrag und einer Professur, bis er 2013 das Dekanat der Fakultät für Architektur an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München übernahm. Neben seiner Tätigkeit als Architekt und Dekan beriet Meck Städte und Gemeinden in Fach- und Gestaltungsbeiräten, saß in Wettbewerbs-Jurys und engagierte sich für das Architekturmuseum der TU München. Seit 2008 war Andreas Meck auch als Stadtplaner tätig. Er empfand die Architektur, der er mit Begeisterung seine Zeit widmete, als seine Berufung und wollte seinen Beitrag zur Baukultur leisten.

Andreas Meck und seine Projekte waren im Laufe der Jahre immer wieder im Baumeister vertreten, denn er war eine wichtige Persönlichkeit in der Architekturszene. Und das nicht nur in München. Seine großartigen Architekturen brachten ihm zahlreiche Preise ein. Jüngst erhielt er für das Kirchenzentrum Seliger Pater Rupert Mayer in Poing die Große Nike. Meck verband laut der Jury die Zeitschichten und Bedeutungsebenen eines sakralen Baus in einer ganzheitlich wirksamen Raumfigur: Seine Architektur erzeugt Überzeitlichkeit. Für die Jury stach dabei die Lichtführung besonders heraus.

Fotos: Michael Heinrich, Florian Holzherr

Ebenfalls für die Architektur eines sakralen Orts, dem Dominikuszentrum in München, erhielt Meck den Fritz-Höger-Preis für Backstein-Architektur. Baumeister-Chefredakteur Alexander Gutzmer sprach damals mit Andreas Meck und einem weiteren Fritz-Höger-Preisträger, Dominikus Stark. Das Gespräch drehte sich um Bauen in Afrika, Backstein und qualitätsvolle Architektur.

Aus gegebenem Anlass möchten wir das Interview an dieser Stelle veröffentlichen.

Bauen um zu bleiben

Betrachtet man die drei Siegerprojekte, so fällt auf, dass diese sich in Kontext und Bautypus stark voneinander unterscheiden. Es scheint, als wäre Backstein ein überraschend anpassungsfähiger Baustoff, eine Art Chamäleon der Architektur.

Andreas Meck: Das Material ist in der Tat flexibel. Das ist gerade im Bereich des öffentlichen Bauens wichtig.

Dominikus Stark: Hier spielt die Haptik eine große Rolle. Haptik und Maßstäblichkeit des Backsteins halten gerade öffentliche Räume gut zusammen. Das ist in vielen unterschiedlichen Baukontexten bedeutsam.

Herr Meck, an ihrem Projekt lobte die Jury die Haptik – und die erzeugte Lebendigkeit. Was macht das Dominikuszentrum denn so lebendig?

Andreas Meck: Aus meiner Sicht die Kombination aus Homogenität und Abwechslung. Wir haben eigentlich einen sehr homogenen Baukörper geschaffen. Schaut man aber näher hin, so entwickelt der viel Abwechslung: Es gibt viele sprechende Details, der Bau entfaltet ein Spiel von Licht und Schatten. Sicher spielt auch die blaue Farbigkeit eine Rolle.

Dominikus Stark: Lebendigkeit stiftet der Backstein auch durch seine Kleinteiligkeit. Die Größe ist ja an der menschlichen Hand orientiert. Deshalb sind Backsteine in allen Kulturen der Welt etwa gleich groß. Eine weitere Rolle spielt der Symbolwert des Bodens. Backstein ist stark mit der Erde verbunden, aus der er kommt.

Gerade dieser Gedanke spielte auch bei ihrem Lernzentrum in Ruanda eine Rolle.

Dominikus Stark: Stimmt. Unsere Vorgabe war es, handwerklich zu bleiben und den Bau nicht von teuren Maschinen abhängig zu machen. Wir wollten etwas schaffen, das vor Ort verankert ist. Daher die Entscheidung für Backstein. Der wird dort von Einzelunternehmern vor Ort handgestrichen. Das macht die Textur sehr schön, weil lebendig. Vorsortiert ist da nichts.

Spannungsreiche Flächen

Sie scheinen sich mit den örtlichen Produktionsbedingungen auszukennen …

Dominikus Stark: Wir haben tatsächlich intensiv recherchiert. Es war nicht einfach, die richtigen Kleinfirmen zu finden. Firmenverzeichnisse oder Produktunterlagen waren schlicht nicht vorhanden.

Sie klingen angetan vom afrikanischen Backstein. Könnte man den auch hier einsetzen – oder die Produktionsweisen adaptieren?

Dominikus Stark: Könnte man sicher, aber das wäre doch etwas aufgesetzt. Zwar setzen wir hier ja teils auch auf recycelten Backstein, der in seiner Handwerklichkeit und Unregelmäßigkeit dem Stein in Ruanda sehr ähnlich ist, aber mit unseren maschinellen Methoden nachmachen kann man den afrikanischen Ziegel nicht.

Andreas Meck: Allerdings gibt es ja auch in Deutschland noch einen Ringbrandofen. Der Stein aus dem Ringbrandofen ist die Lösung, die wir im Dominikuszentrum gefunden haben. Der Stein wird von oben befeuert. Die Ziegel schmelzen oben fast und backen zusammen. Man muss sie hinterher regelrecht auseinanderschlagen, das schafft spannungsreiche Flächen.

Spannungsreiche Flächen schaffen Sie im Dominikuszentrum auch – vor allem mit ihrem blauen Andachtsraum.

Andreas Meck: Die Farbe Blau verweist auf das übergeordnete Thema des Glaubens und ist die Farbe der Maria. Die Künstlerin Anna Leoni schafft hier ein großes monochromes Bild. Interessant ist, dass die Farbe in bis zu 15 Schichten angebracht werden musste. Der Himmel der blauen Farbe legt sich metaphorisch über die Erde, den Ziegel.

Eine lange Tradition mit Backstein

Entsteht so auch die Identität, die gerade dieser Ort braucht?

Andreas Meck: Das wäre zu hoffen. Ich bin froh, dass die Kirche hier Verantwortung übernimmt, inmitten des WDVS-Fassaden etwas Solides hinzustellen. Das ist auch wegen der sozialen Lage des Stadtteils wichtig: Die bedeutet für das Material eine starke Beanspruchung.

Stichwort Graffiti …

Andreas Meck: Richtig, oder Fußballspiel gegen Wände. Kein anderer Baustoff hätte das so gut überstanden.

Dennoch stellt der Bau ein Stück weit auch einen Solitär dar, gerade in seiner Robustheit. Herr Stark, für Ihr Lernzentrum in Nyanza gilt dies ganz sicher auch.

Dominikus Stark: Klar. Es ging hier auch um eine Setzung. Der Bau liegt an einer Fernstraße zwischen den beiden größten Städten des Landes. Gerade da war es wichtig, ein substanzielles Gebäude zu realisieren.

Spielte auch hier die Idee der Identität eine Rolle?

Dominikus Stark: Ja, gerade wegen der zersiedelten Struktur. Früher übrigens war dort der Königssitz. In Ruanda existiert eine lange Tradition mit Backstein, gerade bei öffentlichen Gebäuden.

Wer ist denn der Bauherr?

Dominikus Stark: Ein Verein, der eigens für das Projekt gegründet worden ist. Hauptspender ist eine Italienerin, die ihr Einfamilienhaus verkauft und damit dieses Zentrum finanziert hat.

Mehr Sinn für qualitätsolle Architektur

Basierend auf einem Wettbewerb?


Dominikus Stark: Nein, man wählte mich direkt aus. Das Projekt entwickelte sich über Jahre auch ständig weiter. Erst ging es um eine Handwerksschule. Dann entschied man sich, eine Art duales System wie in Deutschland einzuführen, dem dieser Ort Heimat bieten soll. Wichtig war aber auch der Aspekt Sicherheit. Alle sind misstrauisch.

Was ist der größte Unterschied zwischen dem Bauen in Ruanda und in Deutschland?

Dominikus Stark: Bei uns ist die Arbeitskraft teuer, dort das Material. Hat man das aber, kann man sehr schöne Projekte realisieren, mit viel Detailliebe. Schauen Sie die Präzision der Fugen an.

Klingt, als wollten Sie noch mehr in Afrika bauen.

Dominikus Stark: Das würde ich sofort, aber natürlich bin ich kein Entwicklungshelfer, sondern Architekt.

Andreas Meck: Aber interessant ist, dass dort offenbar eine Art Bauen möglich ist, die bei uns nicht geht.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür?


Andreas Meck: Man denkt bei uns nur noch über Funktionen und Kostenoptimierungen nach. Raumqualität, Bauqualität werden oft missachtet. Wir führen darüber auch keine Diskussionen mehr.

Haben hier auch Preise wie der Fritz-Höger-Preis für Backstein-Architektur ihre Funktion? Als Schaukästen für Qualitätsbauten?

Andreas Meck: Ja, der Preis erfüllt eine wichtige Aufgabe. Wir brauchen einfach mehr Sinn für qualitätvolle Architektur.

Backstein artikuliert Beständigkeit

Wie kann man diesen schaffen?


Andreas Meck: Das geht nur über einen Bewusstseinswandel. Wir merken das gerade bei einem Bauvorhaben, das wir in München planen. Jeder Baubereich hat beim Bauherren einen eigenen Vertreter: die Kosten, die Haustechnik. Nur die Raumqualität nicht.

Diese Haltung erleben wir auch gerade bei der aktuellen Diskussion über die Bauprozesse im Erzbistum Limburg. Es geht um Kosten und Politik; die Architektur wurde noch kaum diskutiert.

Andreas Meck: Man müsste zumindest mal die Frage stellen, ob die Gelder dort sinnvoll investiert sind.

Aber hier sind auch die Architekten gefragt.

Dominikus Stark: Vielleicht. Für eine tragfähige Kostenaussage im Vorfeld ist eine Planung notwendig. Häufig werden Kosten kommuniziert, ohne dass der Umfang der Maßnahme klar ist.

Dabei haben wir doch offenbar ein grosses gesellschaftliches Bedürfnis nach öffentlichen Räumen. Das zeigt ja auch dieser Preis.

Andreas Meck: In diesem Fall haben wir das Glück, dass die Auftraggeber nicht rein funktional gedacht haben, sondern sich ihrer baulichen Verantwortung bewusst waren. Klar muss ein Kapellenraum nicht so hoch sein wie unserer. Aber das stiftet letztlich eben die räumliche Atmosphäre.

Hat dieses Verständnis von Raumqualität auch etwas mit der Idee der Nachhaltigkeit zu tun?


Dominikus Stark: Natürlich. Der ausschließliche Fokus auf die letzten zehn Prozent Energieeffizienz lässt außer Acht, dass Gebäude nachhaltig sind, wenn sie akzeptiert werden, und bleibenden Wert für Menschen haben.

Andreas Meck: Und hier kommt wieder der Backstein ins Spiel. Das Material artikuliert Beständigkeit.

Mehr Sinnlichkeit

Und wann bleibt etwas?

Andreas Meck: Warum leben wir heute noch so gern in Gründerzeithäusern? Weil sie Raumqualität haben und sich im Laufe der Jahre für unterschiedliche Nutzungsbedingungen eigneten.

Lassen sich hier Regeln formulieren?


Dominikus Stark: Die Basis muss stimmen: Gut proportionierte Räume, auch in der Höhe, mit richtig gesetzten Öffnungen. Wir bauen gerade ein altes Offizierskasino zu Büros um. Das funktioniert gut. Bei guter Raumqualität verzeiht man einem Gebäude auch kleine Fehler. Es geht nicht um Perfektion.

Das Stichwort für Chipperfields neues Museum in Berlin. Imperfektion ist hier geradezu das Prinzip.

Dominikus Stark: Klar, der Ansatz des Weiterbauens. Döllgast ist hier sicher ein Vorbild. Ich finde es wichtig, dass solche Projekte in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit bekommen. Projekte, die klug und mit schöner Materialität arbeiten, zugleich aber etwas leiser daherkommen.

Dem Berlin-Besucher fordert Chipperfield einiges an Verständnis ab.


Andreas Meck: Chipperfield verweigert sich der vordergründigen Attitüde. Er baut konzeptionell und geradlinig. Der Backstein hilft hier. Das Material ist gleichzeitig streng und sinnlich. Es hat eine Allgemeingültigkeit.

Und genau danach besteht vielleicht gerade momentan eine Sehnsucht …


Dominikus Stark: Dieter Bartetzko hat das in seiner Rede bei der Verleihung des Fritz-Höger-Preises gut formuliert: Es gibt den Wunsch nach etwas, das bleibt.

Und die Architekten sind offen, dies zu liefern? Gerade auch jüngere Architekten – ihre Generation, Herr Stark?

Dominikus Stark: Wir müssen uns nicht mehr zwanghaft gegen die Vergangenheit stellen. Wenn ich an der Akademie der Künste am Brandenburger Tor vorbeigehe, denke ich immer: Hier würde etwas weniger Flüchtiges, etwas stärker im Boden Stehendes guttun.

Andreas Meck: Ich weiß nicht, ob das eine Generationenfrage ist. Ich bemerke aber auch ein neues Bewusstsein in der Architektur: Wir brauchen Bauten mit mehr Sinnlichkeit. Das Material Backstein fügt sich da bestens ein.

Dominikus Stark: Das Material unterstützt gutes Bauen. Aber am Ende zählt natürlich die Idee.