Ein Wunder, vom Abriss bedroht

Als „Augenabenteuer“ bezeichnete sie Manfred Sack. Seiner enthusiastischen Besprechung, die im Juni 1975 in der „Zeit“ erschien, gab er gar den Titel „Das Wunder von Mannheim“. Gemeint war die Mannheimer Multihalle, laut Sack das „komplizierteste einfache Dach der Welt“. Heute ist es vom Abbruch bedroht. Carlfried Mutschler, Joachim Langner und Frei Otto planten die bisher größte Holzgitterschalenkonstruktion der Welt für die Bundesgartenschau 1975. Derzeit ist von diesem 1998 unter Denkmalschutz gestellten Wunder nur noch eine verkommene Dachhaut übrig, die zwar eine Fläche von 7.400 Quadratmeter überwölbt, deren Standsicherheit aber nicht mehr zu gewährleisten ist. Die helle PVC-Folie, die gegen Frei Ottos Widerstand seit 1981 das Dach bedeckt, ist verdreckt, vermoost, verschimmelt. Tauwasser hat das Holz der Randträger beschädigt. In Betonkeile verankerte, provisorische Holzpfosten stützen das Dach zusätzlich ab. Als dem Mannheimer Gemeinderat im Juni 2016 ein Konzept für eine Generalsanierung vorgelegt wurde, die 11,6 Millionen Euro kosten sollte, entschied er sich für den Abbruch, ließ sich aber ein Hintertürchen offen: Wenn bis Ende 2017 ein namhafter Betrag über externe Zuschüsse oder Crowdfunding zustande komme und eine dauerhafte, die Betriebskosten finanzierende Nutzung gesichert sei, könne man auch über eine Sanierung reden.

Generalsanierung, Abriss oder Crowdfunding?

Nun darf man mit Recht fragen, weshalb die Stadt in der über 40 Jahre währenden Existenz dieses Baus nicht selbst auf eine tragfähige Nutzungsidee gekommen ist. Obwohl sie doch, wie ihre Vertreter glaubhaft versichern, beachtliche Summen zum Unterhalt aufgewendet habe. Immerhin gründete die Stadt selbst – mit Oberbürgermeister Peter Kurz an der Spitze – in Kooperation mit der Architektenkammer Baden-Württemberg einen Verein, der das Wunder nun retten soll. Eine Agentur wurde beauftragt, ein Fundraising-Konzept zu erarbeiten. Dass am 1. April 2017 OB Kurz einen interdisziplinären Workshop besuchte, der Nutzungsideen entwickeln sollte, war kein Aprilscherz, sondern echtes Interesse. So scheint denn der Rückbau alles andere als beschlossen. Er bedarf einer denkmalrechtlichen Genehmigung, wobei das Landesamt für Denkmalschutz das Gebäude seit der Verleihung des Pritzker-Preises an Frei Otto als „Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung“ einschätzt.

Nutzungskonzepte für die Multihalle Mannheim

Das Hauptproblem ist die Klimatisierung der bis zu 20 Meter hohen Halle, die nur einen kleinen Teil der vom Dach überwölbten Fläche ausmacht. Weil Dämmung und Speicherfähigkeit komplett fehlen, scheitert jede Dauernutzung, die der Klimatisierung bedarf, an den Betriebskosten. So machten auch die am Ende des besagten Workshops präsentierten Ideen vor allem eines deutlich: Man muss sich entscheiden, ob eine Nutzung zu suchen ist, die zur Halle passt. Oder ob man die Halle für eine zu findende Nutzung umbaut. Ein Vorschlag griff ein altes Anliegen Frei Ottos auf: unterschiedlich große pneumatische Konstruktionen, die unter dem Dach klimatisierte Räume bieten. Ein anderer bot ein komplettes Eventprogramm für die nächsten drei Jahre – vom Filmfestival bis zum Kirchentag.

Ein dritter Vorschlag wollte ein Zentrum für Trendsportarten errichten und dabei sämtliche vertikale Wände abbrechen. Ein vierter erklärte die Multihalle zum Bestandteil eines „digital-industriellen Innovation loops“, wollte die Halle zu einem Meeting-Center umbauen und das dafür nötige Geld durch Verkauf städtischer Grundstücke beschaffen, worauf Gebäude mit einer BGF von 50.000 Quadratmetern entstehen sollten. Freilich, all diese Ideen generierten kein faszinierendes Bild, das verschiedene Milieus bezaubern und Energien freisetzen könnte. Vielleicht kann man das von einem Workshop nicht erwarten, vielleicht braucht man das gar nicht. Schließlich ist die Konstruktion fesselnd genug. Doch die Uhr tickt, als nächstes steht ein Symposion mit Fachingenieuren und eine Konferenz für die internationale Fachpresse an. Stargast ist ein Architekt, der wie Frei Otto den Pritzker-Preis wegen seiner kreativen Verwendung unkonventioneller Materialien erhielt: Shigeru Ban.

Fotos: Daniel Lukac