Mail aus Tokyo (1)

Philipp Kutschker studiert Architektur an der University of Applied Science and Arts in Dortmund. Sein Start bei der Baumeister Academy war nicht leicht, denn das Visum wurde zuerst nur für drei Monate genehmigt. Kaum in Tokyo angekommen, waren die Mitarbeiter von Nikken Sekkei aber so von unserem deutschen Studenten begeistert, dass sie sich für seinen Aufenthalt in Tokyo einsetzten. Nun darf er sechs Monate bleiben – und hier regelmäßig von seinen Erfahrungen im Büro und in Tokyo berichten.

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Was Tokyo von deutschen Städten unterscheidet? Ich brauchte einen Moment, um mir meiner Antwort bewusst zu werden, viel eher hätte die Frage lauten sollen, was Tokyo nicht von deutschen Städten unterscheidet.

Bunte Farben, grelle Lichter, fremdartige Zeichen und sprechende Rolltreppen. Die Ankunft in Tokyo nach 16 Stunden Flug war dank der Temperaturen um die 38 Grad mit einigen Schweißausbrüchen verbunden. Dann ging es, gegen alle Vernunft, übermüdet und mit absoluten Kulturschock den weiten Weg ins klimatisierte temporäre Zuhause.

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Direkt am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg zur Arbeit. Der Verkehr kam einer Naturdokumentation über Ameisen gleich: Es bildeten sich Straßen aus Menschen und glich einem Fluss, gegen welchen man nicht ankommen kann. Es bietet sich keine Möglichkeit, kehrt zu machen oder anzuhalten, Hauptsache ankommen.

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Ankunft im Büro. 14 Etagen mit 1.200 Mitarbeitern, die in Großraumbüros arbeiten, aber dank der Schweigsamkeit der Japaner ist die ruhige Atmosphäre sehr angenehm. Die Kollegen, welche ich bisher kennengelernt habe, sind mehr als zuvorkommend, auch wenn die Englischkenntnisse gering sind. Die Erwartungen an mich scheinen groß. Ich durfte bereits am zweiten Arbeitstag ein Interview für ein bedeutendes japanisches Architekturmagazin geben. Die erwarteten Praktikumsarbeiten bleiben aus. Die Aufgabenbereiche im Büro liegen weit über dem, was ich mir vorgestellt habe, zudem wird mir die Ehre zuteil, in direktem Kontakt zu einem der Chefdesigner zu arbeiten.

Nikken Sekkei ist eines der größten Architekturbüros weltweit und genießt vor allem in Tokyo ein sehr hohes Ansehen. Seit 1900 hat das Büro über 20.000 Bauvorhaben verwirklicht, wodurch mein Architekturguide für Japan durch und durch von diesem Namen geprägt ist. Bei Projekten wie dem „Skytree“, dem zweitgrößtem Gebäude der Welt, oder dem „Osaka Dom“ war meine Einstellung dem Büro gegenüber anfangs zwiegespalten. Meine Befürchtung, dass bei so einer Architekturmaschinerie das Feingefühl für ausgewählte Architektur verloren ging, bestätigte sich jedoch nicht. Tatsächlich spielt die Sensibilität für den Ort und die Umgebung bei den mir vorgestellten Projekten eine essenzielle Rolle bei dem Entwurfsprozess.

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Die Entdeckung der Stadt Tokyo gestaltet sich aufgrund der straffen Arbeitszeiten äußerst schwierig. Dennoch versuche ich, steht’s nach der Arbeit, doch vor allem am Wochenende, dem unermesslichen Angebot Tokyos gerecht zu werden. Neben der skurrilen Architektur, den zahlreichen Museen, den ohrenzerreißenden Spiele-Arkarden, den extravaganten Shoppingcentern und den traditionellen Schreinen ist gerade der Besuch von japanischen Restaurants immer ein kulinarisches Abenteuer.

Anfangs stellt sich einem dabei oft die Frage: Wie nehme ich das vorgesetzte Essen zu mir? Peinlich kann es vor allem werden, wenn Kollegen und führende Geschäftspersonen zum Essen einladen. Das Essen mit Stäbchen war mir bislang nicht fremd, aber japanische Nudeln mit einer Länge von 50 Zentimetern aufzugreifen ist dann doch eher eine Kunst für sich.
In jeder Hinsicht ist das Leben in Tokyo eine Herausforderung, welche erstmals gemeistert werden muss. Ich hoffe, ihr konntet einen kurzen Einblick über das ganze Drumherum bekommen und freue mich Euch mehr über meinen Aufenthalt in Japan zu berichten…

Die Baumeister Academy wird unterstützt von Graphisoft und der BAU 2017