Mail aus Rotterdam (2)

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Während ich über diesem Text hier sitze, denke ich darüber nach, was genau die niederländische Architektur eigentlich ausmacht – oder besser gesagt, was der Unterschied zu deutscher und österreichischer Architektur und deren Wahrnehmung ist. Eine Freundin kam mich letzte Woche besuchen und hat es auf den Punkt gebracht, als wir in Amsterdam mit den Rädern durch die Stadt fuhren: „Wenn es auch manchmal nur kleine Projekte sind – hier steht soviel außergewöhnliche Architektur rum. Wie machen die das?“

Es ist Samstag Morgen, 8.00 Uhr, als sich eine kleine Gruppe „MVRDV’s“ am Roterdam Centraal trifft und sich auf den Weg zum Ausflug nach Amsterdam macht. Auf dem Programm stehen vier Projekte: Silodam, das Lloyds Hotel, Westerdok und das Studio Thonik. Angekommen und ausgestattet mit Rädern geht es auch schon los. Auf zu Silodam.

Der im nördlichen Teil der Stadt gelegene Wohnbau beeindruckt auf den ersten Blick: zehn Geschosse hoch, 20 Meter tief, 130 Meter lang und bunt. Während der Führung, die wir von zwei Bewohnern des Hauses bekommen, hören wir von einer Teppichreinigungs-Sonderkommission der Bewohner „Lost Space“ der zur Gemeinschaftsbibliothek wurde und den unterschiedlichen Wohnungen. Die unterschiedlichen Typen werden jeweils einer Farbe wie auch einer Fassade zugeordnet, was die Orientierung im Haus einfacher macht und das äußere des Gebäudes so charakteristisch erscheinen lässt. Das Highlight wie das Ende der Tour ist der Besuch von zwei Wohnungen, auf die wir einen Blick werfen dürfen und die Frage nach unserer Meinung. „Super-Dutch and Super-MVRDV“ ist es, was als erstes in den Raum geworfen wird. Die leuchtenden Farben, die Lage am Wasser und die Art wie die Bewohner im Haus gemeinsam entscheiden, sind Eindrücke, die man mitnimmt.

Unser nächstes Ziel ist das Lloyd Hotel. Ein in den 1920er Jahren entstandene Auffangstation für Emigranten, die erst zum Gefängnis und dann zum heutigen Hotel wurde. Der begriff „Gast“ hat sich über die Jahr immer wieder verändert, so musste sich auch das Gebäude an heutige Ansprüche anpassen. Noch bevor das Gebäude vollständig unter Denkmalschutz gestellt wurde, begann der Umbau. Ein großer Schnitt wurde ins Bauvolumen gesetzt und ein Teil des Dachs verglast, um das beengte und dunkle Innere zu öffnen und einen Gemeinschaftsraum für Gäste zu schaffen. Die Verbindungskorridore und die erhaltenen Erschließungstreppen haben ihren Charme behalten und verbinden die jeweils von Künstlern unterschiedlich gestalteten Zimmer. Vom 1-Stern bis zum 5-Sterne-Zimmer, über die Badewanne neben dem Bett bis hin zur Schaukel mitten im Raum ist alles dabei.

Vom kurzfristigen exklusiven Aufenthalt im Hotel geht es zurück zu einem weiteren Wohnbau – dem Westerdok. Auf der Westerdokseilan, einem ehemaligen Anlegeplatz, sind in den 2000er Jahren mehrere große Wohnbauprojekte entstanden. Das straßenseitig eher zurückhaltende Gebäude erstreckt sich hofseitig in voller Größe. Auch hier konnten wir uns eine Wohnung – im neunten von zehn Geschossen – ansehen. Die rundum verglaste Wohnung gibt den Blick über die ganze Stadt frei. Öffnet man die Schiebetüren zum umlaufenden Balkon, kann man auch von außen von Zimmer zu Zimmer spazieren.

Das letzte Projekt, das wir uns am späten Nachmittag ansehen, ist das heute private Wohnhaus Studio Thonik, das ehemals auch das Grafikstudio beheimatete. Als wir nach einer Fahrt durch die Innenstadt in einem ruhigen Hinterhof ankommen, leuchtet uns ein grüner Kubus entgegen. Die Hausherrin erzählt uns zu aller erst von der ehemals orangen Farbe des Hauses, das den Nachbarn viel zu grell war und deshalb geändert werden musste. Danach dürfen wir auch hier ins Innere und erleben einmal mehr niederländisches Wohnen. Das Rätsel der höhenversetzten Fenster löst sich – jede Wohnfunktion hat eine andere Höhe, was die Sprünge der Fenster und spannende Innenräume mit sich bringt.

Wie machen die Niederländer das also? Vier Projekte rund ums Wohnen, ob temporär oder langfristig, haben wir uns an diesem Tag angesehen und jedes war für sich speziell. Was allerdings bei allen auffällt, ist, dass man eine ganz andere Einstellung zu Privatheit und Wohnen hat, als in Deutschland. Wohnungen im Erdgeschoss? Kein Problem. Vorhänge? Na, wenn es sein muss. Auch wenn wir an diesem Tag ausschließlich Projekte von MVRDV besichtigt haben, wurde klar, dass nicht das Gebaute an sich allein verantwortlich ist für den Stellenwert und die Ausprägung von Architektur, sondern und vor allem auch die Wahrnehmung der Nutzer. Man bekommt das Gefühl, dass Lebensraum hier einfach anders wahrgenommen wird. Man hat Spaß an Architektur und lebt gern in einem besonderen Umfeld – auch gern in einem Neuen. Wie erfolgreich neuer, auch großformatiger Wohnbau bei Nutzern sein kann, beweißt Amsterdam auch im Besonderen mit den Projekten rund um die neu entstandenen Inseln KNSM, Borneo und Sporenburg nach dem Masterplan von West 8, die definitv bei meinem nächsten Besuch in Amsterdam auf dem Programm stehen.

Und was war währenddessen im Büro los? Quick Update – die letzten 4 Wochen im Büro

Gesehen: Fünf überformatige, fertige Wettbewerbsplakate vom eigenen Projekt. Ein wahnsinns Gefühl.
Gelesen: Arch+ über Hardcorearchitektur und brandeins über die Zukunft des Typus Büros
Geklickt: Winy Maas im Interview zum Vertical Village
Gedacht: Oh hallo Deadline, du schon wieder. Wettbewerb Nummer zwei ist gestartet und auch fast schon wieder vorbei.
Gefragt: Wohin mit all den Quadratmetern?
Gelernt: It’s all about composition!

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