Mail aus Berlin (2)

Überstimuliert von einer Masse an Kultur, Architektur und Nachtleben beobachtete ich wie die letzten zwei Monate an mir vorbei zogen. Mit tiefen Zügen sog ich die mich umgebende, vor Kreativität knisternde Luft ein, um mich in einem benommenen Zustand der Übersättigung wieder zu finden. Langsam legt sich der wundervoll übersaturierte Nebel um mich und es scheint so, als gelänge es mir von einem passiven Beobachter zu einem aktiven Bestandteil meiner Umgebung zu werden.

Zugegeben – ich kam nicht mit der Erwartung nach Berlin, von der Stadt außerordentlich beeindruckt zu werden. Durch vorhergegangene Besuche kannte ich touristische Sehenswürdigkeiten. Die kulturelle Nähe Österreichs zu Deutschland ließ mich ähnliche Mentalitäten erwarten und durch die allgegenwärtige Nachahmung des „Berliner Stils“ hatte ich das Gefühl, mich in eine mir bereits bekannte Umgebung aufzumachen – mein bisheriger Aufenthalt belehrte mich eines anderen.

Allem voran steht die überwältigende Erfahrung in einem Architekturbüro wie Jürgen Mayer H von internationaler Größe arbeiten zu dürfen. Angefangen von der Typologie, Größe und des Budgets der Projekte, über Wissen, Routine und Arbeitsweise der Mitarbeiter bis zu öffentlichem Auftreten, Pressearbeit und Selbstdarstellung des Büros, hinterließ alles anfangs einen einschüchternden Eindruck und die Frage was ich als Bakkalaureat-Student im 5. Semester eigentlich hier soll in mir zurück. Mit bewältigten Herausforderungen und einkehrendem Arbeitsrhythmus begreift man allerdings seine Rolle als Praktikant im Büro. Trotz hohem Grad an eigenständigen Arbeiten wird man von erfahrenen Büromitarbeitern unterstützt und gleichzeitig in erprobte Vorgehensweisen eingeführt. Von neuer Entwurfsmethodik, über systematischer Arbeitsweise, Workflows, konstruktivem Wissen bis zu neuer Software, erhält man Einblicke in ein System das bereits tolle Architektur hervorgebracht hat und beginnt gleichzeitig Entstehungsprozesse hinter Projekten des Büros besser zu verstehen. Je mehr man versteht, umso besser gelingt es sich selbst positiv in die Arbeit einzubringen.

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Zwar bleibt neben dem Arbeitsalltag nicht allzu viel Freizeit, jedoch stellt sich jene als nicht weniger spannend heraus. Ist das Wochenende einmal da, gilt es sich der Qual der Wahl zu stellen um aus dem weitreichenden Angebot von Veranstaltungen, Besichtigungen und Freizeitangeboten zu wählen. Museumsbesuche, Grillen im Mauerpark, Streetfoodmarkets in Neukölln, Tanzen im Berghain oder doch ein Besuch der vielen Berliner Architekturikonen… Namen wie Gehry, Foster, Liebeskind, und Eisenman tummeln sich in meiner Liste der „bereits besuchten Gebäude“, welcher eine noch längere von „noch nicht besuchten“ gegenüber steht, die es in kommender Zeit jedoch noch abzuhacken gilt. Neben physischer Architektur komplementieren architekturbezogene Veranstaltungen wie Symposien, Vorträge und Ausstellungen das Programm.

Der Martin-Gropius-Bau widmete sich beispielsweise in einer Ausstellung dem russischen Konstruktivismus, genauer gesagt der Kunsthochschule Wchutemas und seinen Schülern. Gezeigt wurde eine zusammengetragene Sammlung an studentischen Entwürfen, die von 1920-30 an der Schule gefertigt wurden. Sie widmeten sich dem interessanten Versuch durch die Kombination von Kunst und Architektur eine „neuen Menschen“ und eine neue Gesellschaftsstruktur zu entwickeln und begründeten unteranderem den Grundstein für die russische Avantgarde.

Das aktuelle Thema der Rolle der Architektur in unserer Gesellschaft behandelte wiederum das Symposium „VI Encuentro Hispano-Alemán de Cultura: Architectus Omnibus?“ welches durch eine Kooperation des Instituto Cervantes in Berlin und dem Goethe Institut in Madrid veranstaltet wurde. Mit Vorträgen und Diskussionsrunden der Teilnehmer (darunter auch der spanische Architekt Andrés Jaque) wurden an jedem Veranstaltungstag unterschiedliche Themen behandelt. Ich verfolgte die Diskussion über die Beziehung zwischen Architektur und Medien, in der auf Fragen über neuen Medien, das Zielpublikum für Architekturpublikationen, rücklaufenden Magazinverkäufe und die Beziehung zwischen Text und Bild eingegangen wurde.

Das nächste Woche stattfindende ‘Make City-Festival“,  eine Veranstaltungsreihe für Architektur und Stadt verspricht schon viel Interessantes für die nächsten Tage. Eines ist klar, langweilig wird mir in meiner Zeit in Berlin nicht! Viel mehr tut sich das Problem auf das gesamte mögliche Angebot Berlins auszuschöpfen zu können, doch das ist wohl ein Luxusproblem mit dem ich Sie nicht belasten will.

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