London, Town Hall Hotel

Das Town Hall Hotel im Osten Londons ist eine Reise in eine andere Zeit und Atmosphäre.Wer hier eincheckt, erlebt Bürokratiemuff als Designfaktor. Politik, könnte man sagen, ist die Kunst, Sichtbarkeit strategisch herzustellen. Gute Politiker verstehen es, präsent zu sein, wenn es Pluspunkte bringt – und abzutauchen, wenn Abtauchen die eigene Position verbessert. Es mögen Überlegungen wie diese gewesen sein, die das Design des Londoner „Town Hall Hotel“ im East End inspiriert haben. Dieses nämlich kombiniert auf originelle Weise die normalerweise inkompatiblen Bereiche „Lokalpolitik“ und „Innenarchitektur“. Das Hotel residiert in einem ehemaligen Stadtteil-Rathaus in Bethnal Green. DasManagement von Visibilität ist eine der Rafinessen im Konzept des umgebauten Bürokratiepalasts. Hauptvehikel ist hier die dünne und löchrige Aluminiumhaut, die die Anbauten bestimmt. „rare architects“ aus Paris und London haben mit ihrer kraftvollen und subtilen Umgestaltung einen Parcours überraschender Einblicke geschaffen.

Wer in den oberen Etagen auf sein Zimmer saniert, sieht plötzlich rechts neben sich das Satteldach des Ursprungsbaus. Die Aluminiumhaut gestattet aus Zimmern und Fenstern auf den Fluren Ausblicke auf den rauen Londoner Osten, wirkt von außen aber undurchsichtig. So wird jeder Gast ein Stück weit zum Spion. Was auch zur Historie des Gebäudes passt. Denn der erste Teil des Gebäudes, ein imposanter Stadtpalast mit Eingang Richtung Cambridge Heath Road, wurde 1910 in Betrieb genommen – am Vorabend des Ersten Weltkriegs also, als in Europas Politik diplomatische Rochaden zum Tagesgeschäft gehörten. 1937 dann, in nicht minder politisch brisanter Zeit, erweiterte man den Bau; auf 7500 Quadratmetern breitet dieser sich seither aus. Die Aluminiumhaut desTown Hall Hotels zitiert das Muster eines alten Lüftungsgitters. So modern sie ist, bringt sie doch die historische Fassade letztlich um so mehr zur Geltung. Seit 1993 stand das Gebäude leer – bis der asiatische Hotelunternehmer Loh Lik Peng es im Jahr 2007 entdeckte. Der Mann hat sich auf die Umwandlung charaktervoller „Locations“ zu Hotels spezialisiert. Ein ehemaliges Provinzrathaus in einem Problemviertel passte da gut rein. Also durften rare architects einen Flügel hinter dem Ursprungsgebäude anbauen sowie dem Hotel eine zusätzliche Etage hinzufügen. Im Sinne eines vulgär-postmodernen „außen alles alt, innen alles neu“ verfahren sie dabei nicht. So viel wie möglich wird erhalten. „Dieses Gebäude ist voller Überraschungen. Diesen Geist wollten wir beibehalten“, sagt rare-Mitgründerin Nathalie Rozencwajg, während wir eine Schnelltour durch den Riesenbau unternehmen. Auch das schöne Bodenmosaik im Eingangsbereich behielten sie bei. Visueller Ankerpunkt des gesamten Komplexes ist ein Muster, das Rozencwajk und ihr Kollege Michel da Costa Goncalves an Lüftungsgittern entdeckt haben. In immer neuen Varianten kehrt dieses wieder – in der Aluminiumhaut, an Zimmerschränken, an Gittern für die Klimaanlage. Die verwendeten Materialien – Corian, grüner Marmor, viel Glas – drängen sich nicht so stark auf, dass der Charakter des ehemaligen Rathauses in Vergessenheit geriete. Nicht auszuschließen, dass einige Besucher so ihre Probleme haben mit der eigentümlichen Atmosphäre dieses Gebäudes.

Es ringt einem einiges ab an Toleranz und Neugier. Wer die nicht mitbringt, dem kommen beim Frühstück im dunkelholzigen Frühstücksraum unliebsame Erinnerungen an die Zeiten, in denen man in ungemütlichen Landschulheimen pappige Brötchen vorgesetzt bekam. Die gibt es hier nicht. Auf die gewohnten Erfreulichkeiten guter Hotels muss hier keiner verzichten. Im Keller wartet die Standardkombi körperbewusster Businessreisender, Pool und Gym.Wer sich einen gut und gerne 100Meter langenMarsch durch dunkle Gänge und vorbei an einer kuriosen Sammlung an (kein Scherz) Zahnarztstühlen zutraut, der wird durch das absolut besuchenswerte Restaurant Viajante von Koch Nuno Mendez belohnt. Dennoch: Gefallen wird am Town Hall Hotel nur, wer sich einlässt auf das Spiel mit Historie und Atmosphäre britischer Lokaladministration. Eine eingängige Luxusabsteige ist das Hotel nicht. Daran ändern auch die gelben Quietscheentchen nichts, die wie ein Produkt gewordenes Augenzwinkern Zimmer und Poolbereich bevölkern.

Adresse

TownHall Hotel
Patriot Square
Bethnal Green
E2 9NF London
www.townhallhotel.com