Was heißt Lebensqualität?

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Im November fand im Münchner Haus der Kunst das „Festival of Independents“ statt. Unter dem Titel „Munich/Now/Here“ wollten die Macher die kreative Ursuppe dieser oft so reguliert und auch selbstzufrieden wirkenden Stadt offenlegen. Baumeister war Medienpartner des Festivals. In diesem Interview erklärt Museumschef Okwui Enwezor, warum gerade München eine solche Initiative braucht.

Baumeister: Herr Enwezor, was ist die Idee hinter dem Festival?
Okwui Enwezor: Zunächst geht es uns darum, die Rolle eines Museums neu zu interpretieren. Wir wollen Inkubator für Ideen sein und programmatisch arbeiten, nicht nur als Ausstellungsfläche. Es geht darum, Dialoge zu inszenieren – gerade auch mit Initiativen, die sich traditionell nicht in Museen sehen. Gelingt dies, so können wir einen neuartigen Beitrag für die Identität dieser Stadt leisten.

B: Das Konzept „Festival of Independents“ ist als Reihe ausgelegt. Sie beginnen mit München. Mal abgesehen davon, dass dies nun mal Ihr Standort ist – warum gerade München? Gibt es nicht spannendere, weil kreativere Orte?
O E: München ist ein sehr interessanter Fall, gerade weil diese Stadt vermeintlich so stark reguliert, so komplett ist. Wir wollen überkommene Gewissheiten hinterfragen. Das geht besonders gut in einer Stadt, die viele Gewissheiten hat. Zum Beispiel das Mantra, München biete eine so hohe Lebensqualität. Sicher kann man das sagen. Aber muss man da stehen bleiben? Was heißt „Lebensqualität“ überhaupt? Gibt es nicht auch kulturelle Praktiken, die die Lebensqualität in München weit weniger hoch aussehen lassen als gemeinhin behauptet?

B: Sie sprechen damit das Thema der urbanen Repräsentation und der Vorstellungskraft unterrepräsentierter gesellschaftlicher Schichten an. Derer will sich das Festival besonders annehmen…
O E: Ja, uns wird es um Imagination gehen. Wo sind in München unabhängige Kräfte oder soziale Bewegungen überhaupt sichtbar? Wo können sie sich selbst sehen und eine Identität ausprägen? Hier ist ja alles staatlich unterstützt. Das ist einerseits natürlich gut, macht es zugleich aber schwer, ein Gefühl von Unabhängigkeit, von „independent“, entstehen zu lassen. Es fehlen die gänzlich unabhängigen Räume, die beispielsweise Städte in meinem Heimatland Nigeria auszeichnen. Es fehlt die Vitalität, die Gesellschaften im Übergang auszeichnet. Doch existent sind unabhängige Bewegungen hier ja auch. In diesem Sinne wollen wir München mit neuen Augen sehen und das Vorhandene offenlegen.

B: Wenn Sie von „Unterrepräsentierten“ sprechen – zählen Sie Architekten auch dazu? Oder sind diese für Sie grundsätzlich Teil des „Systems“?
O E: Definitiv sind Architekten unterrepräsentiert – paradoxerweise gerade in einer Stadt wie München, die auf sich selbst städtebaulich so stolz ist. München mag sich, will aber keine Veränderung. Das marginalisiert Architekten als Treiber räumlicher Veränderung. Hier wirkt alles sehr reguliert. Selbst die Tatsache, dass Häuserfassaden jeweils unterschiedlich sind, wirkt reguliert. Die Frage also: Welche Rolle kann die Architektur überhaupt spielen in einer Stadt, die sich so sehr auf ihre Vergangenheit konzentriert?

B: Welche denn?
O E: München ist schön, auch schön grün – aber vielleicht auch zu grün. Architekten haben da die Rolle, Störungen zu schaffen. Berlin bietet hierfür natürlich viel mehr Gelegenheiten. Das einzige Hochhaus hier begegnet mir auf meinem Weg zum Flughafen. Und es steht recht einsam herum.

B: Was bedeutet in diesem Zusammenhang das Programm zur temporären Nutzung, das Sie für den neu gegründeten Stadtteil Freiham planen?
O E: Es geht uns um die Erforschung der Art, wie Städte wachsen. Freiham ist ein Stück horizontales Wachstum – in Amerika spricht man hier von „urban sprawl“. Dessen Mechanismen interessieren den Initiator, den Künstler Olaf Nicolai.

B: Mich erinnert der Freiham-Part im Programm an die Ausführungen des Soziologen Marc Augé zu „Nonplaces“.
O E: Der klassische Nonplace Augés ist eher ein Transitraum. Wir wollen unterschiedliche Planungsideale hinterfragen. Dahinter verbirgt sich immer die Frage: Welche Stadt wäre möglich gewesen? Wie viel Dichte hätte München vertragen?

B: Freiham ist zunächst mal aber auch ein identitätsloser Ort.
O E: Natürlich. Und dieses Thema wird die Zukunft unserer Städte mit entscheiden: Wie gehen wir mit Orten ohne Identität um – oder mit solchen, die durch Schrumpfungsprozesse ihre Identität verlieren? Nehmen Sie Detroit – ein wilder Ort mit vielen leeren Nachbarschaften. Oder Liverpool. Es entsteht eine neue Art Urbanität, die wir aber noch nicht verstehen. Hier sind im übrigen auch Architekturmagazine wie der Baumeister ganz neu gefordert. Sie dürfen sich nicht mehr nur auf die architektonische Form konzentrieren, sondern müssen urbane Identitäten erforschen.

B: Im kuratorischen Bereich nimmt man diese Herausforderung zunehmend an. Das Programm des neuen Chefs des Münchner Architekturmuseums, Andres Lepik, geht in diese Richtung…
O E: Absolut. Andres hat einen neuen Level an Dringlichkeit in das Prinzip Architekturschau eingeführt. Ihm geht es um das Verhältnis von Architektur und sozialem Wandel. Das ist auch ein Plädoyer gegen einen zu provinziellen Lokalismus. Es geht darum, über die Qualität konkreter Strukturen hinauszudenken. Wie können wir heute viel aus wenig machen? Wie können wir Räume für die Selbst-Repräsentation unterschiedlicher sozialer Gruppen schaffen?

B: Wenn Sie Ihren Anspruch ernst nehmen, müsste auch das Haus der Kunst ein solcher Raum werden. Zunächst einmal aber steht die Renovierung durch David Chipperfield an. Wieso haben Sie gerade ihn ausgewählt?
O E: Das war natürlich nicht allein unsere Entscheidung. Das Bauamt hat die Vergabe bekannt gemacht und viele sehr elaborierte, ambitionierte Bewerbungen großer Büros erhalten. Warum Chipperfield? Sein Büro hat nicht nur die technische Expertise für den Umgang mit historischen Gebäuden. Er versteht es, zeitgenössische Qualitäten aus einem historischen Kern herauszuschälen. Außerdem gefiel uns seine Vision – er will von dem bestehenden Gebäude lernen. Er hat uns auch keine fertigen Entwürfe angeboten. Und er teilt unser Selbstverständnis vom Museum als Programmraum, nicht nur als Ausstellungsraum. Er will wie wir das Museum zurück ins urbane Umfeld rücken.

B: Sie wollen das Gebäude auch zur Stadt hin öffnen – was schwer sein dürfte angesichts der Position zwischen Englischem Garten und der breiten Prinzregentenstraße.
O E: In der Tat – das Gebäude ist bisher abgeschnitten. Ich will Chipperfield nichts vorwegnehmen. Nur so viel: Dieses Gebäude hatte früher viele Eingänge. Daran wird sich Chipperfield sicher orientieren.

B: Der Architekt renoviert momentan auch die Neue Nationalgalerie in Berlin. Hat Sie das beeinflusst?
O E: Überhaupt nicht. Wir haben uns eher bisherige Bauten Chipperfields angeschaut, den Umbau des Neuen Museums, das Folkwang-Museum in Essen. Da haben wir gesehen: Er kann mit ikonischen Gebäuden umgehen.

B: Wie ist denn Ihr Verhältnis zu Berlin? Wird die Bundeshauptstadt zum Thema des nächsten Festival of Independents? Oder interessiert Sie eher Lagos, angesichts Ihrer nigerianischen Wurzeln?
O E: Lagos ist natürlich eine hochspannende Stadt. Wir werden eine Partnerschaft mit einem dortigen Performancefestival eingehen. Ich finde: Wir sehen zu wenige Afrikaner aus der kreativen Szene in München. Insofern könnte ich mir ein afrikanisches Festival sehr gut vorstellen. Aber vielleicht konzentrieren wir uns nicht nur auf Lagos, sondern stellen einen panafrikanischen Kontext her, mit Kino, Musik. Performance. So entsteht vielleicht eine ganz eigene urbane Ikonografie. Und darum geht es uns.

Mehr dazu im Baumeister 11/2013

Porträt: Dominik Gigler