Kopenhagen, SAS Hotel

1960 vollendete Arne Jacobsen die elegante Hochhausscheibe neben Kopenhagens Bahnhof. Leider wurde die Ausstattung dem Hotelstandardprogramm geopfert – bis auf wenige Ausnahmen.

Auf diese Idee würde heute keine Fluggesellschaft mehr kommen: Scandinavian Airlines SAS beauftragte vor sechzig Jahren den damals schon international bekannten Architekten Arne Jacobsen, ein Hotel zu bauen. Die Gesellschaft spekulierte mit der Nähe zum Flughafen Kastrup und ließ einen verwegenen Hybrid errichten: ein Hotel mit angeschlossenem Terminal und Check-in. In den boomenden 1950er Jahren träumten die SAS-Manager vom Zeitalter der globalen Mobilität: Passagiere, die mit dem Zug anreisten, sollten direkt am Ankunftsort einchecken und, vor einer langen Flugreise, im „Radisson Blu Royal Hotel“ noch einmal geruhsam übernachten können. Hartnäckige Kritiker, die vor einer übermäßigen Verkehrsbelastung am innerstädtischen Tivoli und dem historischen Vesterbro warnten, überhörte man geflissentlich.

Jacobsen setzte die Hotelscheibe – damals mit siebzig Metern das höchste Gebäude Dänemarks – quer auf einen lang gestreckten, zweigeschossigen Flachbau, der neben Foyer, Restaurant, Bar, Café und Wintergarten auch über eine Terminalhalle verfügte. Berühmt wurde sie zudem durch die universale Gestaltungsmacht des dänischen Architekten und Designers: Er gestaltete nämlich alles, von der Konstruktion bis zum Aschenbecher. Über derartige Gestaltungsfreiheit sollte Jacobsen bis zu seinem Tod nicht mehr verfügen.

Noch heute gilt das Radisson SAS Royal – trotz der eingestandenen Ähnlichkeit mit dem noch berühmteren „Lever House“ – als eines der schönsten Hochhäuser. Und doch schwebt über Jacobsen Gesamtkunstwerk heute ein Schleier der Vergeblichkeit. Bereits drei Jahre nach Fertigstellung wurde der Wintergarten umgebaut und 1980 vollständig demontiert. Mittlerweile sind außerdem alle 270 Hotelzimmer dem Zeitgeschmack und dem Standardprogramm der SAS-Kette gnadenlos angepasst worden. Mit zwei Ausnahmen: einem Hotelzimmer und einer Suite, die beide die Zeit überdauert haben. Sie wirken wie Museumsstücke, sind aber anzumieten. Das einfache Zimmer gewährt, durch ein ums Eck geführtes Fensterband, einen grandiosen Blick auf Kopenhagens Stadtlandschaft. Ansonsten dominieren im Innern das von Jacobsen geliebte Lindgrün, das ebenfalls grüne Stuhl-Ei und die hinterm Bett angebrachte Holzfurnierwand mit hinterleuchteten, elliptischen Milchglaseinfassungen. Im „authentischen“ Zimmer 606 sind das allgegenwärtige Jacobsen-Grün und der braune Teppichboden nun doch etwas penetrant geraten.

Das Hotelunikat wurde Geschichte. Und trotzdem: Wer heute das Foyer betritt, wird noch immer überwältigt sein von seiner zeitlosen Eleganz. Alles ist noch da: Die hellgrauen Marmorplatten des Fußbodens, die Wendeltreppe aus gefalzten Stahlplatten, aufgehängt an 14 Stahlseilen, die schwarzen und roten Stuhl-Eier, die schwarze Marmorwand an den Aufzügen. Und die Bar mit ihrem betörenden Rot umgarnt die Gäste noch immer mit sinnlichem Charme wie ehemals. Sicher, das Gesamtkunstwerk des Arne Jacobsen ist verloren. Doch hier im Foyer ist die Leichtigkeit des nordischen Designs ungebrochen.

Adresse

Radisson Blu Royal Hotel Kopenhagen
Hammerichsgade 1, Kopenhagen
www.radissonblu.com