Jukkasjärvi, Eishotel

Der Abenteuerurlaub im Eishotel beginnt für die meisten Touristen mit einer haarsträubenden Taxifahrt auf vereis­ten Straßen. Wer es rustikaler mag, nimmt einen Hundeschlitten, von dem man sich auf Wunsch vom Flugplatz abholen lassen kann.

Es ist der 1. Februar, 12 Uhr. Die Sonne scheint seit einer Stunde und wird in etwa zwei Stunden wieder unter­gehen. Jetzt beträgt die Außentemperatur – 29 °C, später, nach Sonnen­untergang, wird sie bis auf – 35 °C sinken. Unsere Fahrt nach Jukkasjärvi, das etwa zwanzig Kilometer entfernt von der Lappländischen Hauptstadt Kiruna in Schweden liegt, führt uns durch verschneite Wälder.

Egal wie man dort hinfindet, als erstes flüchtet man in die nahegelegene Blockhütte, die als Rezeption ausgeschildert ist. Dort wird man durch einen „Icehotel“-Aufkleber für alle weithin sichtbar als „Gast“ gekennzeichnet. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Bis 17 Uhr haben wir noch „freien Ausgang“, können schon einmal unsere Schlafgemächer in Augenschein nehmen, uns von den Tages-Tou­risten neidisch als Auserwählte be­staunen lassen. „Are you going to sleep here tonight?“

Der erste Eindruck belohnt uns für den langen Weg und die Kälte: Das Iglu, so wird es an der Rezeption genannt, be­steht aus vielen verschiedenen Schneegebäuden, alles ist viel grö­ßer und beeindruckender als wir es erwartet hatten. Zu der auf insgesamt 3500 Quadratmetern entstandenen An­lage gehören das Foyer, eine Bar, das Hotel mit 37 Zimmern, eine Kirche, eine Galerie und der Garten. Das Foyer beeindruckt durch seine fast durchsichtigen Stirn­wände aus Eis, durch die die „Abend­sonne“ den etwa fünfzehn Meter langen Raum mit seinen Eissäulen und -skulpturen in immer wieder neue Stimmungen taucht.

An der Rezep­tion (aus Eis) bekommt man heißen Brombeertee, den man in der Kaminecke (komplett aus Eis) unter einem (Eis-)Lüster oder dem Elchgeweih schlürfen kann. Von dort gelangt man in die Eisbar, die offensichtlich von der schwedischen Wodkafirma „Absolut“ gesponsert wird. Das Eingangsportal ist in der typischen Flaschenform gestaltet, die Getränke kommen zum größten Teil nicht ohne diesen Wodka aus. Aber noch ist die Bar, die seit 1994 zu den weltweit hippsten Theken gehört, nicht offiziell geöffnet.

Zur Zeit findet gerade ein Fotoshooting statt. Die Tochter eines bekannten amerikanischen Modemoguls wird für ein Magazin auf ihrer Reise durch Lappland abgelichtet. Auf Nachfrage teilt sie mit, dass sie nicht beabsichtigt, hier zu schlafen. Ein Hotelangestellter mustert den Zustand des Schnees auf dem Boden und weist an, diesen auszutauschen. Die Bar öffnet um 21 Uhr, auch Fotografen und Kameramänner müssen bis dahin diesen sensiblen Bereich räumen. Zeit um die Eis-Galerie zu bewundern. Um die Ausstellung des japanischen Naturfotografen Hoshino haben 29 japanische Eiskünstler eine Galerie mit japanischem Garten gebaut.

Beim Gang durch die eher labyrinthisch angelegte Abfolge von kleineren und größeren Iglus macht uns langsam die Kälte zu schaffen. Drau­ßen wird es dunkel (es ist schließlich schon halb drei), beim Austritt aus einem Iglu gefriert die warme Atemluft in der Nase und auf den Wangen. Trotz arktischer Verpackung kühlen die Arme und Beine langsam aus. Selbst die Kamera hat Pro­bleme mit dem Klima, die Linsen beschlagen und gefrieren, der Film lässt sich nur noch schwer transportieren. Auch der Brombeertee nützt nichts mehr.

Während wir der ersten Verzweiflung nahe sind, entdecken wir den Schlaftrakt. Hinter dünnen Vorhängen warten unterschiedlich kleine „Zimmer“ auf ihre Gäste. In den meis­ten steht, recht schmucklos, le­diglich ein zwei mal zwei Meter großer Eisklotz. Rentierfelle darauf verraten, dass es sich um unsere Schlafplätze handelt. Zahlreiche Kerzen spenden ein wenig Licht. Einige der Zimmer sind von Künstlern aus Schweden und Kanada üppig verziert worden. Fruchtbarkeitssymbole schmücken beispielsweise eine der beiden Hochzeitssuiten. In der heutigen Nacht bleiben diese unbenutzt, und auch in der Kirche (aus Eis) bleibt heute die Orgel kalt. Häufig jedoch werden dort ganze Hochzeitsgesellschaften beherbergt.

Bereits gegen halb vier beginnt sich die (warme) Rezeption zu füllen, denn um fünf sollen sich alle Icehotel-Gäste dort versammeln, um Instruktionen für die bevorstehende Nacht zu erhalten. Ein Hotelangestellter, der sehr stark an einen amerikanischen Ranger in einem Reservat erinnert, weist uns ein. Er gibt Tipps, wie man die Nacht am besten übersteht – nicht ohne den Mythos noch zusätzlich zu stärken.

Den Ausführungen nach erinnert diese Übernachtung eher an einen Survival-Trip, etwas für Hartgesottene. Die Gruppe besteht jedoch zum größten Teil aus relativ normalen Urlaubern aller Kontinente, vornehmlich aus den USA, Japan – und Baden-Württemberg. Eine Minderheit bilden ein Mexikaner, ein Australier, ein wildentschlossenes niederländisches Pärchen und ein weitgereister englischer Architekt.

Die Stimmung ist erwartungsvoll, jeder hat schon schlimme Dinge über die Übernachtung im Eishotel gehört. Daher wirkt es etwas ernüchternd, als der Führer berichtet, dass auch schon Afrikaner die Nacht überstanden haben. Be­tont emotionslos erzählt er Fakten über die heilende Wirkung des Schlafes bei – 8 °C, dann werden die Schlafsäcke verteilt. So bewaffnet geht es an die Verteilung der Zimmer.

Wir erfahren viel über das Iglu, mit dessen Bau bereits Mitte Oktober begonnen wurde. Für den Bau der ganzen Anlage benötigen 26 Personen circa eineinhalb Monate. Das Eis für die Bar und die Säulen stammt aus dem benachbarten See und wird schichtweise aufgetürmt. Die Dicke der Eisfläche misst Mitte Januar ungefähr 70 Zentimeter. Aufgrund der besonderen Qualität dieses Eises hat es sich auch zum Exportschlager entwickelt und wird zur Zeit mit etwa 200 Kronen (etwa 20€) je Zentner gehandelt.

Es folgt ein weiteres Highlight des Abends, das Dinner im nahegelegenen (und weit und breit einzigen) „Wärdshus“, einem Blockhütten-Restaurant mit schwedisch gesalzenen Preisen. So aufgewärmt können wir uns der nun endlich geöffneten Ice-Bar hingeben. Bei bunten Ge­tränken aus unergonomischen „Eisklotzgläsern“ werden internationale Kontakte geknüpft, wobei das vornehmliche Thema der Weitgereisten die Angst vor dem Fliegen ist. Rentierfelle machen auch hier die Eis­sitze erst gemütlich, die Raucher, hier ohne spezielle Verbote mit den Nichtrauchern verbrüdert, aschen stilgerecht in gefrorene Becher.

Währenddessen läuft nebenan im Ic(e)inema „Batman und Mr. Freeze“. Nach und nach lichten sich die Reihen, es verbleiben einige lebenshungrige Schwäbinnen und der Barkeeper, der unser Unternehmen gegen null Uhr dreißig mit einem gelangweilten „Last Order“ zum eigentlichen Höhepunkt begleitet: Schlafengehen. Jetzt ist sich jeder selbst der Nächste, beim kalten Sprung in den Schlafsack zeigt sich, wer entschlossen und konsequent handeln kann (oder einfach genug getrunken hat). Wichtig dabei: nicht zuviel Kleidung, wer schwitzt friert.

Wider Erwarten wärmt der Schlafsack sehr gut, lediglich das freiliegende Ge­sicht wird sehr kalt. Ich träume erst gar nicht, dann von Eisbergen, dann werde ich wach aus Angst, mein Hirn könnte einfrieren. Ich muss verzweifelt realisieren, dass es morgens um drei keine Möglichkeit der Flucht in die Wärme gibt. Leise wimmernd schlafe ich unbeachtet wieder ein.

Am nächsten Morgen (es gibt ihn) werden wir von einer Eskimofrau wachgerüttelt und mit dem berühmten Brombeertee wieder ins Leben gerufen. Jetzt beginnt der nächste Kampf: raus aus dem warmen Schlafsack, rein in die kalten Kleider, raus aus dem Zimmer, und dann ein erstes Aufatmen auf der Toilette, die – wie sich später herausstellt – während der ganzen Nacht beheizt war. Sauna und Frühstück runden das Fitness-Programm am Polarkreis ab. Ein einmaliges Erlebnis, das für die meisten einmalig bleiben wird.

Adresse

Icehotel
98191 Jukkasjärvi
Schweden
www.icehotel.com

Das Hotel öffnet jedes Jahr von Dezember bis zur Schneeschmelze, meist April.

Fotos: Christopher Hauser