09.03.2023
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Heinrich Tessenow in Dresden: Schlüsselfigur der Frühmoderne

Kultur
Festspielhaus Hellerau, ca. 1912, Foto: unbekannt, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen
Festspielhaus Hellerau, ca. 1912, Foto: unbekannt, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen

Heinrich Tessenow. Architektur und Möbel

Die Arbeit des Architekten und Möbelentwerfers Heinrich Tessenow ist eng mit Dresden verknüpft: Mit dem Festspielhaus in Dresden-Hellerau leistete er hier einen der bedeutendsten Beiträge zur Frühmoderne in Deutschland. Jetzt zeigt das Stadtmuseum Dresden bis zum 29. Mai 2023 eine Sonderausstellung zum Leben und Werk Tessenows anhand ausgewählter Projekte und übergeordneter Themen.


Die Anfänge

Heinrich Tessenow nimmt eine wegweisende Stellung am Beginn der Moderne in Deutschland ein. Seine Übersetzung des klassischen Architekturvokabulars in höchst reduzierte stereometrische Formen wird bis heute immer wieder aufgegriffen. Spuren seines Schaffens finden sich in den Bauten von Architekten wie Aldo Rossi oder O. M. Ungers.

1876 in Rostock geboren, war Tessenow damit etwa zehn Jahre jünger als die „Pioniergeneration“ der Moderne – Peter Behrens, Henry van de Velde, Richard Riemerschmid, Joseph Maria Olbrich, die alle in den mittleren 1860er Jahren zur Welt kamen. Umgekehrt war er wiederum etwa zehn Jahre älter als die Generation um Gropius, Mies van der Rohe sowie Le Corbusier. Wie bei vielen Wegbereitern der Moderne liegen Tessenows künstlerische Anfänge in München. An der Technischen Hochschule studierte er unter anderem als Gasthörer bei Karl Hocheder, Martin Dülfer und Friedrich von Thiersch.

Architekt Heinrich Tessenow ist im Stadtmuseum Dresden bis zum 29. Mai 2023 eine Sonderausstellung zu seinem Leben und Werk gewidmet. Foto: unbekannt
Porträt Heinrich Tessenow, um 1930, Fotograf unbekannt, Akademie der Künste, Berlin, Foto-PrAdK Nr. 825
Architekt Heinrich Tessenow ist im Stadtmuseum Dresden bis zum 29. Mai 2023 eine Sonderausstellung zu seinem Leben und Werk gewidmet. Foto: unbekannt
Harald Dohrn, Wolf Dohrn, Alexander von Salzmann, Heinrich Tessenow auf den Stufen des Festspielhauses (v. li. nach re.), ca.1913, Fotograf unbekannt, Bibliothèque de Genève

Rückkehr zum klassischen Vorbild

Die Anfänge als Architekt fallen bei Tessenow mit dem zügigen Ende der kurzlebigen Jugendstilavantgarde in Deutschland zusammen. Bald nach der Jahrhundertwende wurden wilde Schwünge sowie florales Ornament von einer neuen Suche nach Monumentalität abgelöst. Behrens baute tempelartige Industriebauten für die AEG und ein Krematorium in Hagen, für das er Anleihen bei der Florentiner Protorenaissance nahm. Bei Olbrichs Villa Feinhals in Köln standen dorische Säulen Spalier. Und beim Wettbewerb um ein Bismarck-Nationaldenkmal in Bingen reichten Mies und Gropius Beiträge ein, deren Monumentalität aus heutiger Sicht fast totalitär wirkt.

Heinrich Tessenow zeigte sich dagegen anfänglich einem zurückhaltenden Heimatschutzstil verpflichtet, der den gleichzeitigen Arbeiten von Richard Riemerschmid verwandt war. Mit ihm arbeitete er ab 1909 bei der Errichtung eines lebensreformerischen Großprojekts zusammen: der Gartenstadt in Hellerau bei Dresden. Hier entstand neben der Möbelfabrik der „Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst“ eine Gartenstadt nach dem Ideal Ebenezer Howards. Tessenows Stunde schlug, als es den Gründern von Gartenstadt sowie Fabrik gelang, den Schweizer Reform-Musikpädagogen Émile Jaques-Dalcroze zur Übersiedlung nach Hellerau zu bewegen.

Am Schänkenberg in Hellerau, zeitweise Wohnhaus von Tessenow, um 1920, Fotograf unbekannt, Landesamt für Denkmalpflege Sachsen

Eine Schule für die Musikpädagogik

Gemeinsam mit Jaques-Dalcroze, Alexander von Salzmann und Adolphe Appia entwickelte Heinrich Tessenow die Pläne für ein musisches Internat, die „Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus“. Zentrum des Projekts war der heute landläufig als „Festspielhaus“ titulierte Bühnenbau. Tessenow schuf eine streng symmetrische Anlage, für dessen prägnanten Ausdruck hauptsächlich der Pfeilerportikus mit seinem Dreiecksgiebel verantwortlich zeichnet. Alles ist dabei aufs Minimum zurückgeführt, alles gehorcht einem strengen, geometrischen System. Kein Fassadenschmuck, nur Andeutungen von Gesimsen – die Antike ist gleichzeitig präsent und dennoch fast ungreifbar. So eine radikale Vereinfachung des klassischen Formenkanons war neu.

Der Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus war nur ein kurzes Leben beschieden. Sie schloss bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wieder ihre Tore. Die Gebäude wurden somit anderweitig genutzt. Tessenow durchlief dagegen in den folgenden Jahren eine erfolgreiche Karriere. Der wahrscheinlich bedeutendste Auftrag, den er in der Zwischenkriegszeit erhielt, war der Umbau von Schinkels Alter Wache zur „Gedenkstätte für die Gefallenen des Weltkriegs“ im Jahr 1931. Tessenows Raumerfindung mit einer kreisrunden Lichtöffnung in der Decke ist nach Umbauten zu DDR-Zeiten inzwischen wieder erlebbar.

Architekt Heinrich Tessenow ist im Stadtmuseum Dresden bis zum 29. Mai 2023 eine Sonderausstellung zu seinem Leben und Werk gewidmet. Foto: Martin Boesch
Postkarte Neue Wache Berlin um 1932, Martin Boesch, Zürich

Hochschullehrer in Dresden und Berlin

Tessenows Wirkung auf die Architektur liegt nicht zuletzt in seiner Tätigkeit als Hochschullehrer begründet, die er fast bis an sein Lebensende ausübte. Zunächst lehrte er in Wien an der Kunstgewerbeschule, dann an der Dresdner Akademie, später ebenso an der TU Berlin als auch an den Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Künste. An der TU war Albert Speer übrigens einer seiner Assistenten. Tessenows stilistischer Einfluss auf Speer ist zuweilen unübersehbar. Allerdings steigerte der Schüler die menschlichen Maße der Architektur seines Lehrers ins Gigantomanische. Tessenows hochdisziplinierte Formen wichen dabei in Speers Projekten einem vage historisierenden Neoklassizismus mit martialischem Ornament.

Heinrich Tessenow starb 1950 in Berlin. Sein Hauptwerk, die Jaques-Dalcroze-Schule in Hellerau, war bereits in den Dreißigerjahren zur Kaserne geworden, zunächst der Polizei, dann der Roten Armee. Erst nach der Wiedervereinigung konnte begonnen werden, die nur noch in Teilen erhaltenen und stark in Mitleidenschaft gezogenen einstigen Gebäude der Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus zu restaurieren. Inzwischen nutzt und bespielt das „Europäische Zentrum der Künste Hellerau“ den Komplex.

Blick in die Ausstellung, Foto: Stadtmuseum Dresden, Philipp WL Günther

Heinrich Tessenow, nicht nur Architekt

Die Ausstellung „Heinrich Tessenow. Architektur und Möbel“ im Stadtmuseum ist die erste Tessenow gewidmete Schau seit über dreißig Jahren in Dresden. Sie basiert auf der von Martin Boesch für Mendrisio erarbeiteten Schau, die 2022 in Mendrisio in der Schweiz zu sehen war. Die Ausstellung über Tessenow nimmt zwar sein Gesamtwerk in den Blick, legt aber einen Schwerpunkt auf die Arbeiten, die der Architekt in und für Dresden entwarf. Neben der Schulanlage in Hellerau sind dabei besonders die Ausstellungsbauten im Großen Garten und die Landesschule Klotzsche zu nennen. Aber die Schau präsentiert nicht nur den Architekten Tessenow. Mit Hilfe zahlreicher Leihgaben aus Privatbesitz wird auch der vielseitige kunstgewerbliche Entwerfer vorgestellt.

Neben klassischen Exponaten in Form von Objekten, Zeichnungen, Modellen und Fotografien finden sich in der Ausstellung im Dresdner Stadtmuseum ebenso mehrere digitale Stationen. Hier sind unter anderem Filme zu Einzelobjekten und -themen zu sehen, die einen kurzweiligen Einstieg in das Werk Tessenows ermöglichen. Die Ausstellung wird zudem durch zahlreiche Begleitveranstaltungen ergänzt. So spricht im März unter anderem der Architekt und Hochschullehrer Martin Boesch aus Zürich, der das Grundkonzept der Ausstellung entwickelt hat, über „Das große und das kleine Haus“ bei Tessenow.


„Heinrich Tessenow. Architektur und Möbel“ – Ausstellungsinfos

Die Ausstellung „Heinrich Tessenow. Architektur und Möbel“ ist noch bis zum 29. Mai 2023 an allen Wochentage von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. An Freitagen sogar bis 19.00 Uhr. Es finden Führungen zu der Ausstellung am 23.02., 03.03, 11.03, 20.04. und am letzten Tag der Ausstellung, den 05.05., statt.  Mehr zu der Sonderausstellung, Führungen und Vorträgen könne Sie auf der Website des Stadtmuseums nachlesen.

Falls Sie schon vorab einen Überblick über Tessenows Projekte gewinnen wollen, entdecken Sie doch die Videoreihe der Museen Dresden über Tessenow auf Youtube.

Wilsdruffer Straße 2
(Eingang Landhausstraße)
01067 Dresden

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