Fels der Ideen

„Ein eigenes Büro könnte ich mir gar nicht leisten“, sagt die zweiunddreißigjährige Stella Dobewall. Und Homeoffice sei ihr zu einsam. Die freie Szenografin arbeitet lieber im Coworking Space und sitzt mit ihrem Laptop stets im Zentrum des Geschehens. Dobewall ist eine von gegenwärtig rund 730 Coworkern, die seit September 2016 in Hannovers Nordstadt die Arbeitswelt der Zukunft testen. An der Kreuzung eines kleinteiligen Gewerbegebiets gelegen und in fußläufiger Entfernung zur immer hipper werdenden Quartiersmeile Engelbosteler Damm sowie in Rufweite der Leibniz Universität sitzen sie gemeinsam in einem grauen Monolithen aus Beton, genauer gesagt im Hafven. Der ist die Speerspitze des Coworkings mit einem bundesweit einmaligen Konzept und einem Architektur-Statement, das es in sich hat.

Die Mischung machts

Coworker müssen Mitglied im Hafven werden, die monatlichen Kosten zwischen zehn und 190 Euro sind moderat und variieren je nach gebuchtem Kontingent. 70 Arbeitsplätze stehen zur Verfügung, vom Schreibtisch bis zur CNC-Fräse. Was es allerdings nicht gibt sind Einzelbüros. Über ein Community-Management werden Arbeitszeiten online organisiert, im Bürobereich des Open Space oder in den Werkstätten des Maker Space kommt man sich so nicht in die Quere. „Bei uns trifft Programmierer auf Grafiker auf Schreinermeister“, sagt Hafven-Geschäftsführer Jonas Lindemann über das Konzept. „Wenn die im Hafven gemeinsam Mittag essen, entstehen Ideen, die es so sonst nicht gegeben hätte.“ Lindemann, der in den USA und Australien selbst 14 Monate Coworking ausprobierte, ist der Meinung, dass vor allem der Austausch der Nutzer entscheidend für den Erfolg eines solchen Projekts sei. „Ein stylishes Loft mit Designermöbeln allein nutzt nichts. Geile Leute mit geilen Ideen, darum geht’s.“ Derzeit feilen 20 Start-ups im Hafven an ihren Ideen.

„Wenn viele zusammenkommen, werden die Ideen größer“, sagt auch Pauline Raczkowski, die im Hafven zuständig für die Kommunikation ist. „Und, obwohl dies gesellschaftlich meist noch immer streng getrennt wird, sind Kopf- und Handarbeit bei uns gleichberechtigt.“ Dieser Ansatz ist bundesweit einzigartig. „Wir wollen mit dem Konzept aber keine starre Setzung vornehmen“, so Raczkowski, „wenn etwas nicht funktioniert, reißen wir es wieder ein.“ Sie selbst braucht wie viele andere hier nur einen Laptop und ein Handy zum Arbeiten und bewegt sich den Tag über durch die Räume, sitzt mal hier, mal dort. Ihr Traum ist es, im kommenden Jahr im dann grünen Innenhof zu arbeiten. Der ist als Urban-Gardening-Projekt konzipiert und kommt vor allem dem Café zugute, das Herz, Treffpunkt und Bühne des Hafvens ist – und auch eine Transitzone. Nach dem Espresso geht es von hier aus zu den Arbeitsplätzen. Im Sommer werden die Mitarbeiter des Cafés Tomaten und Kräuter ernten, die im Rahmen eines Flüchtlingsprojekts in Hochbeeten angepflanzt wurden. Die Verwendung regionaler Produkte ist dabei kein hohles Label, sondern Anspruch der Hafven-Food-Community.

Einfach und komplex

So geschlossen der Bau von außen wirkt, so offen empfängt er die Menschen in seinem Kern. Entworfen wurde er vom jungen Berliner Architekturbüro Mensing Timofticiuc. Ihr erst zweites realisiertes Projekt erhielt 2017 gleich eine Anerkennung beim Deutschen Architekturpreis und schaffte es auf die Shortlist des DAM-Preises 2018.

„Der Hafven war ein total rationales Projekt“, sagt Marius Mensing, einer der Partner des Berliner Büros. Es sei zwar ein komplexer Raum, der in der Wahrnehmung schwer zu verstehen sei und dessen Lesbarkeit man sich erst erarbeiten müsse, der aber doch ein einfaches Regelwerk habe. Auf drei Geschossen, ähnlich wie in alten Stockwerk-Fabriken, orientieren sich die Räume auf durchlaufenden Geschossdecken um einen zentralen Innenhof. Die 25 Zentimeter starken Betonaußenwände erlauben es den Nutzern, bei Bedarf Löcher zu bohren, dazu kommen Ausbauwände aus Kalksandstein im Innern – Leichtbauwände hätten nicht zum rauen Charme des Hafvens gepasst. „Wir haben nach der Kraft alter Produktionsgebäude gesucht. Wir wollten eine moderne Halle, und wir wollten die Gegend mit einem besonderen Typus bereichern“, sagt Mensing über das Gebäude.

Aneignung des Orts

Die ungewöhnliche Geometrie des Hauses ergibt sich aus dem schwierigen Grundstückszuschnitt und aus der heterogenen Nachbarschaftsbebauung. Die Fassade steigt über dem Eingang pultartig an, um die umliegenden Höhen aufzunehmen, während die vertikalen Schlitze der Fenster an die Kolossal-Ordnung alter Fabriken erinnern. Ursprünglich hatten  die Architekten mehr Glas vorgesehen, doch erst der Beton habe introvertierte Räume geschaffen, die sich zum Hof hin öffnen und sich dadurch gut für konzentriertes Arbeiten eignen. „Das Haus ist eine Herausforderung“, sagt Pauline Raczkowski über die Architektur und deren Aneignung. „Doch die Herausforderung tut gut. Das Haus bildet die rohe Leinwand, auf der wir uns austoben.“

Im Quartier stößt der Koloss wegen seiner hermetischen, fast brachialen Anmutung nicht überall auf Gegenliebe. „Sicher, das Haus provoziert“, sagt Raczkowski dazu. „Aber wir versuchen, seinen Zweck zu erklären, und arbeiten an seiner Öffnung zum Quartier.“ Regelmäßig finden deshalb Kulturveranstaltungen statt, der Hafven sei zwar kein rein lokales Projekt, aber eben lokal angebunden.

Trend-Spielwiese

In den Werkstätten ist es möglich, Kleinstserien von Produkten herzustellen, 300.000 Euro Maschinenwert stehen zur Verfügung. Deshalb entdecken auch Konzerne wie Bosch oder KPMG den Hafven und schicken Mitarbeiter dorthin. „Es geht um Innovationsmanagement“, sagt Geschäftsführer Jonas Lindemann dazu. „Die Leute sollen kreative Luft schnuppern.“ So gewinne man heute den Kampf um Talente. Auch Pauline Raczkowski ist von der Zukunftsfähigkeit des Konzepts überzeugt: „Die Erfahrungen zeigen, dass die Bedürfnisse der Menschen danach, ihr eigenes Ding zu machen, steigen. Sie wollen das Arbeitsleben stärker selbst bestimmen.“ Der Hafven ist Spielwiese dieses Trends, die Vision eines flexiblen, selbstbestimmten Arbeitslebens wird hier tagtäglich erprobt. Die Architektur transzendiert die Idee des Work in Progress und schafft so einen Zukunftsort.

Stella Dobewall, die hannoversche Freelancerin, ist jedenfalls begeistert von ihrem Arbeitsplatz: „Ich muss mich hier nicht festlegen, sitze jeden Tag woanders, arbeite gern. Ich treffe neue Leute und alte Bekannte, lasse mich inspirieren und auch mal ablenken. Ich genieße die Atmosphäre. Der Hafven, das sind meine Kolleginnen und Kollegen, das ist auch ein Stück Zuhause.“

Diese Kritik stammt aus der Januar-Ausgabe des Baumeister. Das komplette Heft kann hier über den Shop bezogen werden.