Ein Haus namens Helene Fischer

Architektonische Genialität hat immer auch mit Risiko, Sinnlichkeit und einem Hauch von Wahnsinn zu tun. Dafür gibt es in der deutschen Baukultur nur wenig Platz. Stattdessen ist Deutschland mit Kalkül, Präzision und Makellosigkeit gesegnet. Warum ist das so?

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Deutsche Präzision: Gepäckband auf einem Flughafen

Fotos: Wojciech Czaja

Bei den ersten Weltausstellungen in London, Dublin, Paris, Wien und New York galten deutsche Waren noch als Billigimporte. Messer, Scheren und Rasierklingen wurden als minderwertig bezeichnet. Um die Klientel zu schützen und die Herkunft transparent zu machen, führten die Briten erstmals eine nationale Kennzeichnungspflicht für Produkte ein. Doch die Angst vor dem deutschen Siegel ist längst Geschichte. Laut einer aktuellen Studie des internationalen YouGov Cambridge Globalism Project ist Made in Germany die höchste Auszeichnung, mit der sich ein industriell gefertigtes Produkt rühmen kann. Im Reich der Mitte ist die Herkunftsquelle Deguo zhi zao sogar zu einem Synonym für Luxus und Perfektion geworden. 

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Der Preis für den deutschen Perfektionismus

Kein anderer Heimatstandort, so scheint es, bietet so viele Jahre Garantie und so wenige Millimeter Maßtoleranz wie jener von Adidas, Bosch, Miele, Krups und Kärcher. Ganz zu schweigen von der deutschen Automobilindustrie, die in Sachen Präzision weltweit die Rangliste anführt. Wenn man im neuesten VW Golf, achte Generation, Baujahr 2019, die Fahrertür zuschlägt, wird man mit Entsetzen feststellen – sollte man auf die Idee kommen, dies ausprobieren zu wollen –, dass man in die Fuge zwischen Tür und Karosserie nicht einmal mehr ein in deutscher Kochzeit aufgequollenes Spaghetto hineinzuquetschen vermag. Mehr als 35 Millionen Golfs wurden bislang produziert, und die Nudelfugen werden immer dünner und dünner.

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Gelungener Dialog zwischen Alt und Neu?

 

Doch der deutsche Perfektionismus hat auch seinen Preis – nicht nur bei den Industrie- und Konsumgütern, sondern auch im Bauwesen. „Was die Normen, Richtlinien und technischen Anforderungen in der Bauausführung betrifft, hat Deutschland den Anspruch, auf einem höheren Niveau zu agieren als seine europäischen Nachbarn“, sagt Riklef Rambow, Architektur- und Umweltpsychologe in Berlin sowie Leiter des Fachbereichs Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). „Ob es möglich ist, diesen Anspruch in der Praxis zu halten, ist eine andere Frage. Und ohne jeden Zweifel ist dies ein Anspruch mit erheblichen Konsequenzen auf die Architekturqualität in diesem Land, denn Pedanterie und Genie sind kommunizierende Gefäße.“ 

Genialität ist nicht planbar

Anders als etwa in Frankreich, Spanien und in den Niederlanden, wo die Architekturstudierenden zu Träumen und Visionen ermutigt würden, erklärt der KIT-Professor, erfahre man in Deutschland tendenziell mit jedem Semester mehr und mehr, dass der Spaß aufhöre, sobald man erst einmal in der Planungspraxis angelangt sei. Dann zählten nur noch Funktionalismus und Perfektion. „Und das ist natürlich ein großes Dilemma“, so Rambow, „denn Architektur als kulturelle Disziplin kann ja gar nicht perfekt sein. Genialität ist nicht planbar. Ganz im Gegenteil: Um architektonische Innovation zu produzieren, braucht es Freiräume, in denen man sich gedanklich ausspinnen darf. Vor allem aber muss man erleben können, dass die eine oder andere Vision – mit allen Risiken, mit allen Vor- und Nachteilen – auch in die Realität umgesetzt wurde.“ 

“Stars sind unverzichtbare Zugpferde”

So gering die Liebe zum Wahnsinn in der Ausbildung ist, so selten anzutreffen ist der von Visionen getriebene Wahnsinn in der gebauten Architekturlandschaft. Deutschland bietet zwar eine schier unüberblickbare Menge an guten Büros und beeindruckenden Architekturpositionen, keine Frage, doch nach einem in den Medien und in der breiten Bevölkerung namentlich und visuell verankerten Genie in der Größe und Kompromisslosigkeit von Zaha Hadid, Richard Rogers, Jean Nouvel, Rem Koolhaas, Daniel Libeskind, Peter Eisenman und Santiago Calatrava wird man lange suchen müssen. 

„Ich glaube, wir sind uns darin einig, dass der Begriff des Stararchitekten erstens absolut beknackt ist und zweitens noch lange keine Aussage über die sich dahinter befindliche Architekturqualität beinhaltet“, sagt Riklef Rambow. „Aus der Sicht des Kommunikations- und Vermittlungstheoretikers jedoch ist unbestritten, dass jedes Kultursegment seine Stars und Sternchen braucht, damit es nicht nur in die Tiefe der Expertinnen und Experten, sondern auch in die Breite der gesamten Gesellschaft hineinwirken kann. Stars sind so gesehen unverzichtbare Zugpferde.“

Auf der Suche nach Frivolität

In Deutschland jedoch, so Rambow, gebe es diese Spezies mit internationaler Strahlkraft schlicht und einfach nicht. Weder fallen Henn, Behnisch, Ingenhoven und gmp Architekten darunter, noch die beiden einzigen deutschen Pritzker-Preisträger Gottfried Böhm oder Frei Otto. Und auch die dem roten Teppich nicht abgeneigten Weltgestalter Graft, Hadi Teherani und Jürgen Mayer H. stehen auf dem nationalen und internationalen Parkett nicht immer im besten Scheinwerferlicht da.

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