Ein Dach, das verbindet

Eine offene Struktur, ein gemeinschaftliches Bewusstsein – und ein Dach als verbindendes Element: Die Wohnbaugenossenschaft wagnis hat in ihrem Projekt wagnisART einen Gebäudekomplex geschaffen, dessen Gebäudeteile durch Brücken miteinander verknüpft sind. Dieses konzeptuelle Gefüge wirkt sich auf die Interaktion und das Nachbarschaftsverhältnis der Bewohner aus. Verantwortlich für den Bau waren ARGE Bogevischs Buero und SHAG Schindler Hable Architekten.

Bei der Wohnanlage, die über 9.500 Quadratmeter Wohnfläche verfügt und das Gewinnerprojekt des DAM-Preises 2018 ist, handelt es sich um fünf Passivhäuser mit 138 Wohnungen für gemeinschaftliches Wohnen und Arbeiten in München. Neben den Wohnungen besitzt der Komplex einen Veranstaltungsraum, ein Restaurant, Ateliers, Werkstätten, Büros, Gästeappartements und ein Waschcafé mit Nähstube – Räume, die der öffentlichen und gemeinsamen Nutzung dienen.

Ein Bau, der Gemeinschaft begünstigt

Der verbindende Charakter der Architektur reicht vom Erd- bis ins Dachgeschoss: Ab der dritten und vierten Etage des fünfgeschossigen Baus sind die Fassaden zurückgesetzt. Dadurch entstehen Räume für Terrassen, die über Brücken aus Stahlbeton-Fertigteilen miteinander verbunden sind. Das Geflecht aus Baukörpern bildet eine Wohnlandschaft, die vor allem in ihrer gemeinschaftlichen Erscheinung harmonisch wirkt.
Insofern erfüllen und verstärken die Brückenkonstruktionen auf geradezu allegorische Weise die Idee und den Wunsch nach nachbarschaftlichem Zusammenhalt. Dabei wirken die Verbindungen nicht aufdringlich, sondern eher wie eine freundliche Einladung zusammen zu kommen. Rut-Maria Gollan, Vorstandsmitglied der wagnis eG, sagt dazu: „Architektur ist nicht aktiv im Sinn, dass sie Gemeinschaft oder Nachbarschaft erzeugt. Sie kann aber den Rahmen bilden, der den Weg dorthin stark begünstigt oder ermöglicht.“

Das Dach als Gemeinschaftsfläche

Das Projekt folgt in puncto Dachnutzung dem aktuellen Trend der Dachbegrünung. Die fünfte Fassade soll folglich mehr sein als ein oberer Abschluss des Gebäudes, der lediglich Platz für Klimaanlagen und Dachrinnen bietet. Das Dach ist vielmehr ein Begegnungsort, eine grüne Wohlfühloase und eine nachhaltige Nutzfläche. Sowohl der Dachgarten mit den in den Boden eingelegten Beeten als auch kupferne Tröge dienen dem Anbau von Zier- und Nutzpflanzen. Die Freiräume sind bei den Bewohnern besonders beliebt, jeder darf an den Beeten Hand anlegen, säen und ernten. Die einzige Vorgabe ist, dass am Ende wieder Ordnung herrscht.

Die zukünftigen Bewohner konnten bei der Planung und Gestaltung mitbestimmen. Seit dem Bestehen der Baugruppe sind grundsätzliche Fragen zum Thema Wohnen erörtert worden, etwa wie sich Raumgrenzen bilden oder welche Nähe und welche Distanz zum Nachbarn gewünscht sind.

Neben seinem partizipativen Ansatz demonstriert das Projekt auch, wie Dächer heutzutage auf vielfältige Weise nutzbar gemacht werden können. Der einst stiefmütterlich behandelte und häufig unökonomisch verwendete Raum birgt nämlich viel Potenzial für die Zukunft: Er schafft neue Platzmöglichkeiten und bietet ästhetischen sowie ökologischen Wert. Die Bewohner des wagnisART-Gebäudekomplexes dürfen sich auf jeden Fall schon jetzt auf den Sommer freuen – umgeben von Blumen, Pflanzen und Nachbarn, mit einem Panoramablick über die Stadt.