Ein Duplexhaus von NKBAK

Am Rande des Frankfurter Stadtwaldes bauten Nicole Kerstin Berganski und Andreas Krawczyk vom Architekturbüro NKBAK ein Doppelhaus, das mit gewohnten Grundrisskonzepten bricht: Neben der Funktion stellten die Architekten das Raumerlebnis in den Mittelpunkt ihres Entwurfs.

 

 

Der Bauherr ist ein Wiederholungstäter: Bereits vor einigen Jahren hat er sein Haus, eine Villa der Nachkriegsmoderne am Frankfurter Stadtwald, von Nicole Kerstin Berganski und Andreas Krawczyk vom Architekturbüro NKBAK erweitern lassen. Jetzt beauftragte er die Architekten, neben sein Wohnhaus ein extrem schmales und langgezogenes Grundstück zu bebauen.

Berganski und Krawczyk sind inzwischen Experten für schwierige Bauplätze. Für die Designplattform Stylepark haben Sie einen Hinterhof in der Frankfurter Innenstadt bebaut, den an drei Seiten Häuser und an einer die historische und denkmalgeschützte Mauer eines Kirchhofs begrenzten. Nur mit dem Kran ließen sich Baumaterialien auf die Baustelle befördern. Die Mauer selbst durfte nicht durchbrochen werden, so dass NKBAK Innenhöfe einplanen mussten, um Tageslicht in das Erdgeschoss des Neubaus zu leiten. Abstandregeln und Anleiterflächen für die Feuerwehr brachten weitere Einschränkungen mit sich. Trotz all dieser Limitierungen gelang es den Architekten am Ende, ein herausragendes Bauwerk zu errichten, das es 2020 unter die fünf Finalisten des DAM-Preises schaffte.

 

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Foto: Thomas Mayer

 

Zwei Hälften im Sechseck

Einige Elemente, die beim Stylepark-Bau erscheinen und die für die Architektur von NKBAK charakteristisch sind, finden sich auch bei dem Neubau am Frankfurter Stadtwald wieder: die abwechslungsreiche Modulation der Raumhöhen etwa. Und die Grundrissgestaltung als strenge Konsequenz aus den Gegebenheiten des Baugrundes. Aufgabenstellung des Bauherrn war es, dass der Neubau zwei Wohneinheiten aufnehmen sollte, die jeweils Platz für eine Familie bieten.

Die Architekten setzten dies nicht in Form von zwei Etagenwohnungen um, sondern teilten den Bau mittig, so dass zwei Maisonette mit Gartenzugang entstanden. Doch anstatt das Haus, dem das Grundstück einen langgestreckten Baukörper aufzwingt, konventionell an seiner kurzen Querachse zu teilen, entschieden sich Berganski und Krawczyk dafür es längs in zwei Hälften zu gliedern. Mit gutem Grund: Das Grundstück ist nämlich in Nord-Süd-Richtung orientiert, die Aufteilung verhindert also, dass es eine bessere und deutlich schlechtere Hälfte gibt.  Da NKBAK die Langseiten des Baukörpers beidseitig noch einmal sanft knickt, ergibt sich ein gestrecktes unregelmäßiges Sechseck als Grundform.

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Fotos: Thomas Mayer

 

Geknickte Wände, schräger First

Das Erdgeschoss gliedern die Architekten in beiden Haushälften zwar nicht identisch, jedoch ist die Anordnung im Wesentlichen gleich: Im Norden ist jeweils der Eingangsbereich mit Gäste-WC und einem Abstellraum platziert. Im Süden befindet sich der große und firsthohe Wohn- und Essraum. Zwischen diesen beiden Bereichen eingeschoben sind die offene Küche und die Treppe in die oberen Stockwerke.

Im ersten Stock befinden sich drei Räume, von denen einer als Empore zum Wohnraum ausgebildet ist. Unterhalb des Firstes liegt in beiden Haushälften im Dachgeschoss ein weiterer Raum, der sich jeweils zu einer in das Dach eingeschnittenen Loggia öffnet. Der Firstverlauf orientiert sich übrigens weder an der Längs- noch an der Querachse des Hauses, sondern verbindet die beiden „Knicke“ in den Längswänden, die sich nicht gegenüber liegen, sondern versetzt zueinander sind. Das Ergebnis ist ein Baukörper, dessen komplexes Volumen sich erst aus der Vogelschau ganz erschließt. Doch wie schon beim Stylepark-Gebäude ist die Form nicht willkürlich gewählt. Jeder Winkel, jede Neigung dient einer Funktion.

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Fotos: Thomas Mayer

 

Jeder Raum eine Erfahrung

Während vieles eher praktischer Natur ist, verfolgen die Architekten mit ihrem Entwurf auch ganz klar ästhetische Ziele. Raumerfahrung ist in dieser Hinsicht ein zentraler Begriff im Wortschatz der Architekten. Beim Haus am Frankfurter Stadtwald spielen dabei die Wand- und Dachflächen, die in immer neuen Winkeln aufeinandertreffen, die zentrale Rolle. Dieses Spiel mit den sich kreuzenden Linien, dem auf immer wieder anderer Höhe ansetzenden Dach, bringt auf allen Stockwerken spannende Räume hervor, die ihre jeweils ganz eigene Stimmung besitzen. Nicht zuletzt die originellen Dachloggien, die halb Zimmer, halb Balkon sind, bereichern die Raumerfahrungen, die das Haus erlaubt, um eine überraschenden Aspekt.

Gemeinsam mit der Villa aus den Fünfzigerjahren und dem bereits bestehenden Anbau bildet das neue Doppelhaus nun ein Ensemble, das sich harmonisch zusammenfügt und doch auf den ersten Blick drei völlig unterschiedliche Prinzipien der Raumorganisation verrät. Die drei Baukörper scharen sich um einen Gartenraum im Zentrum, der dadurch einen sehr intimen Charakter erhält. Auch wenn klar abzulesen ist, dass die drei Bauten nicht gleichzeitig errichtet wurden, so scheint die kleine Gruppe doch äußerst planvoll entstanden. Das ist nicht allein das Ergebnis sorgfältiger Komposition, es ist auch das Ergebnis der hohen architektonischen Qualität, die den Neubau mit seinen beiden Nachbarn verbindet.

 

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Foto: Thomas Mayer