Die Indianer von der Spree

„TeePee“ heißt das von Bauzäunen begrenzte Dorf in bester Wasserlage. Es besteht aus gut 20 Zelten, 50 Bewohnern – und einem Häuptling. Der Mann mit der Wikingerstatur und den grauweißen Haaren ist um die 50, er selbst nennt sich „Flieger“.

„Meine Wohnung hat mich erdrückt, deshalb bin ich hier raus“, erklärt Flieger, während er Seile an seinem Indianerzelt spannt. Dabei baumelt eine Kette mit dem fingerlangen Zahn eines Wildschweins um seinen Hals. Mit langsamen, bedachten Handgriffen befestigt Flieger das Seil. „Ich habe TeePee nicht aus Protest gegen steigende Mieten gegründet, mein Ansatz ist sozial, nicht politisch“, sagt Flieger und deutet hinter sich, wo zahlreiche junge Menschen an ihren improvisierten Behausungen hämmern. „Ich heiße die Welt hier willkommen!“

Als „Spree-Indianer“ werden die TeePee-Bewohner von manchen bezeichnet, weil viele ihrer Zelte an die Tipis der Indianer erinnern. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich in den Augen vieler Kiezbewohner gegen die zunehmende Übernahme der letzten Freiflächen durch Investoren wehren, deren Wohntürme bis an die Grenze des Zeltdorfs reichen. Dessen Wege sind ordentlich gefegt und mit Steinen von den Blumenbeeten abgegrenzt. „Kreativ, nicht chaotisch“ soll das Leben hier sein, sagt ein junger Litauer, während er an Flieger vorbei Holz zu seiner Hütte trägt.

Dieser Armuts-Jetset profitiert von dem, was die Gesellschaft übrig lässt, von Pfandflaschen und Suppenküchen, von alten Baumaterialien, die sie zu schicken Hütten zusammenzimmern. Gründervater und Häuptling Flieger fühlt sich sichtbar wohl, wenn er die internationale Jugend um sich herum wuseln sieht. Dass sie mit ihrem sozialen Experiment auf öffentlichem Grund leben, den sie nicht bezahlt, sondern besetzt haben, stört ihn nicht.

Bevor Flieger das erste Zelt im TeePee aufbaute, hatte er schon einige Kilometer weiter – ebenfalls an der Spree – die „Cuvry“ ins Leben gerufen. Dort ist mittlerweile Berlins erste von der Lokalpresse so genannte Favela entstanden – mit all den sozialen Problemen, die eine solche Siedlung aus Wellblechhütten mit sich bringt. „Die Betrunkenen fackeln sich da gegenseitig ab, mir wurde das zu viel“, erklärt Flieger seinen „Umzug“. Im TeePee dagegen herrscht Ordnung, die Aussteiger leben dort durchaus nicht ohne Regeln. „Kein Alkohol in der Küche“ ist so eine Regel, die auf einem Zettel an der Küchentür prangt. „Na ja, da halten sich nicht alle dran“, sagt ein junger Mann mit Dreadlocks. Trotzdem funktioniere alles gut, auch ohne ein gewähltes Oberhaupt. Probleme werden einmal die Woche im Plenum besprochen und gemeinsam gelöst.

Doch die zunehmend knapper werdenden Freiräume in Berlin machen sich sogar an einem Ort wie TeePee bemerkbar. „Wir sind keine Wagenburg. Hier ist jeder willkommen!“, erklärt Flieger zwar stolz. Doch auf Nachfrage wird klar, dass damit Besucher und nicht neue Bewohner gemeint sind. Das improvisierte Zeltdorf ist nämlich sehr beliebt – und deshalb bereits voll.

Mehr dazu gibt es ab 1. September im Baumeister 9/2014.

Fotos: William Veder