Die hängenden Gärten von Lima

 

Shelley McNamara und Yvonne Farrell von Grafton Architects sind die Baum­eister der Stunde: Nächstes Jahr werden sie die Architekturbiennale in Venedig kuratieren und gerade wurde ein be­eindruckendes Universitätsgebäude 
in Lima fertiggestellt. Wir sprachen mit Shelley McNamara über das Projekt.

 

 

Baumeister: Wie kamen Sie zu dem Auftrag?

Shelley McNamara: Durch einen Wettbewerb. Utec, der Bauherr, hatte Frederick Copper Llosa, einen bedeutenden Architekten aus Lima, mit der Organisation eines Wettbewerbs betraut. Llosa schrieb daraufhin viele Architekten an und forderte sie zur Teilnahme auf. Er lud auch uns ein, weil er eines unserer Gebäude, die Università Bocconi in Mailand, gesehen hatte. Die engere Auswahl umfasste ungefähr 65 Architekten, davon circa 50 aus Peru. Mit unserem Wettbewerbsbeitrag kamen wir in die Gruppe der letzten Fünf, die zu einem Interview eingeladen wurden. Die vier anderen waren peruanische Büros. Yvonne Farrell, die mit mir zusammen das Büro führt, bestritt das Interview in Lima, und damit hatten wir gewonnen.

B: Wie haben Sie sich auf den Wettbewerb vorbereitet? Haben Sie vorab den Bauplatz in Lima besichtigt?

S M: Nein, das haben wir nicht, in unserem Büro arbeitet aber eine Architektin, die längere Zeit in Peru verbracht hat und Lima ziemlich gut kennt. Sie hat die Stadt mit ihren Schilderungen für uns lebendig werden lassen. Außerdem haben wir Lima analysiert und zwar auf die für uns übliche Art und Weise – das heißt, wir haben uns eingehend mit dem Klima, der Kultur und der Umgebung befasst. Es war natürlich nicht möglich, in der wenigen Zeit, die man für einen Wettbewerb hat, alles über Lima zu erfahren, aber wir haben so viele Informationen wie möglich gesammelt, um einen angemessenen Vorschlag machen zu können.

B: Um was für ein Gebäude handelt es sich?

S M: Es ist ein Universitätsgebäude für Ingenieure, insbesondere Bergbauingenieure. Utec, der Bauherr, ist eine private, gemeinnützige Universität. Die Studentenschaft besteht aus Selbstzahlern und Stipendiaten. Wir waren wirklich begeistert von den Ausschreibungsunterlagen. Am meisten hat uns dabei beeindruckt, dass der Bauherr Kultur und Ingenieurwesen zusammenbringen wollte: Das Gebäude ist eine Kombination aus Laboren, Unterrichtsräumen und einer Bibliothek, umfasst aber zugleich auch ein Theater, ein Kino und Ausstellungssäle. Der Universitätsleitung war es wichtig, den Künsten einen Platz im Gebäude zu geben. Parallel zu den naturwissenschaftlichen Kursen werden deshalb auch kreative Kurse in verschiedenen künstlerischen Disziplinen angeboten.

B: In was für einem Stadtviertel liegt das Gebäude?

S M: Die Universität liegt an der Grenze zweier sehr unterschiedlicher Stadtviertel. Nördlich des Geländes beginnt Miraflores, ein eher wohlhabendes Viertel mit vielen neuen Restaurants, Hotels und schicken Läden. Auf der südlichen Seite liegt das sehr schöne alte und ruhige Wohnviertel Barranco. Aber die Gestaltung des Gebäudes orientiert sich auch an einem der beiden grünen Täler Limas, die die Stadt mit dem 40 Meter tiefer liegenden Pazifischen Ozean verbinden. Es gibt eine imposante Steilküste: Oben ist die Stadt, und unten verläuft eine Schnellstraße parallel zum Strand. Das Gebäude liegt in einem der grünen Täler, einem Seitenarm, der die Stadt mit dem Meer verbindet. Die verschiedenen geografischen Bedingungen sind in ihren Kontrasten sehr dramatisch: der Gegensatz zwischen der lauten Stadtautobahn und Barranco zum einen, das Verhältnis von Steilküste und Meer und von Steilküste und Stadt zum anderen.

B: Was ist das architektonische Konzept des Gebäudes?

S M: Das Gebäude ist 300 Meter lang und wird in drei Abschnitten erstellt. Der erste Abschnitt, der bereits fertiggestellt ist, hat eine Länge von 120 Metern. Es ist eine sehr umfangreiche Aufgabe, weil hier keine bereits vorhandene Universität in einen Neubau umzieht, sondern eine völlig neue Universität entsteht – mit einem neuen Studienkonzept, neuen Lehrplänen, alles dort ist neu. Das Baugrundstück ist lang und schmal und hat die Form eines Bumerangs. Es war uns schnell klar, dass eine Erschließung von der Stadtautobahn aus nicht möglich ist und der Zugang stattdessen von Barranco aus erfolgen musste. Wir haben der Seite des Gebäudes, das zur Stadt und zur Autobahn weist, ein öffentliches und prägnantes Gesicht gegeben. Da diese Nordseite wegen des starken Verkehrs lärmbeeinträchtigt ist, liegen hier vor allem die Erschließungszonen, während die Unterrichtsräume zu den ruhigeren Wohngebäuden von Barranco ausgerichtet sind.

B: Das Gebäude ist sehr hoch. Wie interagiert das Gebäude mit der kleinmaßstäblichen Bebauung von Barranco?

S M: Die größeren Laborräume und Vorlesungssäle wurden alle im Erdgeschoss untergebracht. Wenn man sich in die höheren Stockwerke begibt, werden die Räume immer kleiner. Auf diese Weise konnten wir das Gebäude als Kaskade von Gärten und Terrassen entwerfen, die eine Verbindung zum kleineren Maßstab des Wohnviertels herstellen und verschiedene Ausblicke auf Barranco ermöglichen.

B: Inwiefern ist das Gebäude als öffentlicher Raum geplant?

S M: Der öffentliche Charakter des Gebäudes wird zum einen durch seine Lage an einem von vielen Seiten aus einsehbaren und zugänglichen Standort betont, zum anderen dadurch, dass der Außenraum Teil der Erschließungsbereiche ist. Mit Ausnahme der zur Autobahn gerichteten Fassade, die keine verglasten Öffnungen hat, ist das Gebäude von außen einsehbar. Das Klima ist sehr mild, deshalb funktionieren nahezu sämtliche Bereiche des Gebäudes als Außenraum. Die vom Ozean landeinwärts wehende Brise ist sehr angenehm – es ist nie zu heiß oder zu kalt. Die einzigen wirklichen Innenräume sind die Seminarräume. Besonders gelungen ist in unseren Augen, dass die Studenten über Galerien und Brücken zu den Unterrichtsräumen gehen können und auf diese Weise ständig in Kontakt mit der Stadt sind: Man hört die Stadt, man sieht die Stadt, man weiß immer, wo man ist.

B: Welche architektonischen Einflüsse gab es?

S M: Wir haben uns viele Jahre sehr intensiv mit den Arbeiten südamerikanischer Architekten befasst, besonders mit Lina Bo Bardi und Paulo Mendes da Rocha. Ich glaube, wir hätten an diesem Wettbewerb nicht teilgenommen, wenn wir nicht eine geradezu emotionale Nähe zu diesen Arbeiten entwickelt hätten.

B: Gibt es auch Einflüsse aus Peru selbst, zum Beispiel die terrassierten Landschaften in den Anden und Machu Picchu?

S M: Ja, absolut. Wir wollten da ganz bewusst eine Verbindung herzustellen. Außerdem fanden wir, dass es eine Parallelität zwischen der Lage von Machu Picchu und der Lage unseres Universitätsgebäudes gibt. Und zwar in der Art und Weise, wie Machu Picchu auf die unwirtliche Umgebung der Anden reagiert. Auch wir mussten aufgrund der Lage des Grundstücks neben der Stadtautobahn eine Beziehung zu einer geradezu feindlichen Umgebung herstellen. Deshalb haben wir auch die gestuften Terrassen entworfen. Wir wollten, dass die Nutzer innerhalb der vertikalen Infrastruktur des Gebäudes einen Ort des Rückzugs finden würden.

B: Haben Sie die Landschaften in den Anden besucht?

S M: Ja, wir waren dort. Übrigens gibt es auch in Irland eine historische Landschaft, die an Machu Picchu erinnert. Wir haben diese Landschaft 2012 auf der Biennale 
in Venedig vorgestellt. Es ist eine Klostersiedlung, die mitten im Atlantik liegt.

Fotos: Iwan Baan