Bureau Spectacular

 

Was ist das „Bureau Spectacular“? Gar keine so einfach zu beantwortende Frage. Bürogründer Jimenez Lai formuliert es so: „Unsere Ausbildung als Architekten reicht vom Design für einen Esslöffel bis zur Planung ganzer Städte. Irgendwo dazwischen sind wir anzusiedeln.“ So unkonkret, so gut. Man könnte den Mann, der dieses weite Spektrum für sich beansprucht, aber auch sehr gut als Geschichtenerzähler bezeichnen. Deshalb verwundert es nicht, dass zum Œuvre des 38-Jährigen eine „Graphic Novel“ mit dem Titel „Citizens of No Place“ zählt, die eine Sammlung aus Short Stories ist. In denen geht es unter anderem um Raumschiffe, extrem hohe Türme, Zukunfts-Archäologen und das Verhältnis von Grundriss und Schnitt.

Zwischen den Disziplinen

Gegründet hat Lai sein Bureau im Jahr 2008 als ein eher fluides Gebilde ohne festen Bürositz und ohne Angestellte, was auch anhand der Bürodefinition auf der Homepage deutlich wird: „Bureau Spectacular is a group of individuals who engage culture through the contemplation of art, architecture, history, politics, sociology, linguistics, mathematics, graphic design, technology, and graphic novels.“ Zuvor arbeitete er bei OMA, lebte in Frank Lloyd Wrights berühmter Architekturschule Talisien West in Arizona und in einem Schiffscontainer am Rotterdamer Hafen, der vom Atelier Van Lieshout gestaltet wurde. In den ersten sechs Jahren von Bureau Spectacular konzentrierte er sich dann vor allem auf diverse Recherchearbeiten, architektonische Experimente und Publikationen wie die bereits erwähnte Citizens of No Place-Reihe. Mittlerweile kommen aber immer mehr konkrete Projekte hinzu, weshalb Bureau Spectacular seit 2015 einen festen Standort in Los Angeles hat.

Der Songwriter

Und nicht nur das: Lai hat mittlerweile eine feste Partnerin, seine Frau Joanna Grant, die seit 2013 Teil des Bureau Spectacular ist und zuvor unter anderem bei Johnston Marklee & Associates (Baumeister 11/15) arbeitete. Eine Angestellte gibt es dort momentan auch, trotzdem sind Lai flexible Strukturen wichtig. Er selbst sieht sich als Songwriter einer Band, die immer mal wieder den Gitarristen oder Schlagzeuger wechselt. Folgt man diesem Vergleich, dann wäre diese Band in allen möglichen Musik-Genres zu Hause. Übertragen auf ihre Arbeit reicht das von Architekturutopien über Comicbücher bis hin zum Shop Design. Letzteres bespielte Bureau Spectacular für die Modemarke „Frankie“ in Los Angeles, wo sie drei Retail-Stores gestalteten. Im Flagshipstore, in der Downtown, gibt es eine 8,50 Meter lange und 2,40 Meter hohe, aus einzelnen Modulen zusammengesetzte Treppe, die als eine Art Podium für Events genutzt werden kann. Zerlegt man die Treppe in ihre Einzelteile wird sie zum Stauraum, zum Ausstellungsschrein oder zur Umkleidekabine – eine intelligente und humorvolle Spielerei, wie sie typisch für das Bureau ist.

Das wird auch an einem anderen Projekt deutlich, dem „Tower of Twelve Stories“, einem 16 Meter hohen, fiktionalen Wohngebäude, das Bureau Spectacular auf dem Kunst- und Musikfestival Coachella in Kalifornien installierten: Das „Gebäude“ selbst bestand aus zwölf comicartigen Raumblasen, die unterschiedlichste räumliche Konfigurationen bildeten und die das dort stattfindende Wohnen aufgrund der fehlenden Fassade in eine öffentliche Performance verwandelten. Ganz nebenbei erfüllte die Installation auch ihren eigentlichen Zweck als Sonnenschutz für die Festivalbesucher.

Mittlerweile ist das Bureau vielfach ausgezeichnet und international tätig. Davon zeugen der „Architectural League Prize for Young Architects“ 2012, der „Debut Award“ bei der Lisbon Triennale 2013 oder die Teilnahme an der Architektur-Biennale 2014 und der Chicago Architecture Biennal 2015 und 2017. Im letzten Jahr zeigte das SFMOMA in San Francisco (Baumeister 10/16) große, von Bureau Spectacular angefertigte Architekturmodelle, die auf Lais Zeichnung „insideoutsidebetweenbeyond“ basierten. An der Fülle an Ausstellungen und Auszeichnungen wird aber auch das Talent des Bürogründers zur Selbstinszenierung und Vermarktung seiner architektonischen Ideen deutlich.

 

Lesen Sie weiter im Baumeister 1/2018