Die fünfte Ansicht

Dächer waren schon immer eine besondere Herausforderung für ihre Baumeister.  Die wichtigsten Meilensteine dieser Entwicklung zeigt das M:AI aus Anlass zum 20-jährigen Bestehen der Ingenieurkammer-Bau NRW im Hans-Sachs-Haus in Gelsenkirchen. Anhand von rund 40 Projekten erfährt der Besucher in der Ausstellung „Die fünfte Ansicht“ wie durch Erfahrung, Intuition, aber vor allem durch Ideenreichtum und manchmal Mut, die Erbauer – nicht immer Architekten oder Ingenieure von Beruf – bedeutende Fortschritte bewirkten.

Ein Meilenstein in der Bauwelt ist der Kuppelbau des Domes Santa Maria Del Fiore in Florenz. Brunelleschis hartnäckigem Einsatz ist es zu verdanken, dass sein kühner Entwurf für die gewaltige zweischalige Kuppel umgesetzt wurde. Ohne Lehrgerüste, wie sonst üblich. Auch entwarf er Baumaschinen, die den Einsatz auf der Baustelle um ein Vielfaches vereinfachten.

Ein anderes Beispiel ist der Kristallpalast in London, erbaut für die Weltausstellung 1851. Was viele vielleicht nicht wissen: Joseph Paxton war Gärtner. Das Innovative hier war der Einsatz von vorfabrizierten Bauelementen. Nur durch dieses neue, zeitsparende Verfahren konnte das Projekt pünktlich zum Eröffnungstermin fertiggestellt werden. Auch ein bedeutendes Ereignis war die Verwendung des neuen Baumaterials Eisenbeton bei der Jahrhunderthalle in Breslau. Bekannt ist, dass die Arbeiter, voller Skepsis gegenüber dem neuen Baustoff, sich weigerten, die Schalungen zu lösen. Max Berg, der damalige Baumeister, bot einem vorbeikommenden Passanten eine Goldmünze an, wenn dieser ihm bei der ersten Schalung half. Mit Erfolg – der Passant nahm die Goldmünze an, die Konstruktion hielt.

Aber auch Bauten wie die Autobahnkirche im Siegerland, die Großschirme für die Moschee des Propheten in Medina, Saudi-Arabien oder das Olympiastadion in München mit seiner unverkennbaren transparenten Dachlandschaft sind vertreten. Letzteres Bauprojekt wurde der damaligen Jury als einfaches Modell vorgestellt: aus Damenstrümpfen, Zahnstochern und Reißzwecken. So erfährt der Besucher also nicht nur etwas über die wichtigsten baugeschichtlichen Entwicklungen, sondern auch die ein oder andere amüsante Geschichte.

Fotos: Claudia Dreysse