Der, der lieber alleine arbeitet

Viele Architekten träumen heutzutage davon, sich durch gigantische Gebäude zu verewigen. Nicht so Antonin Ziegler. Der französische Architekt widmet sich lieber dem menschlichen Maßstab des Wohnhauses.

Dieses Porträt ist Teil der Interview- Serie “Architect Dialogues”, produziert von Freunde von Freunden und Siemens Home Appliances. Mehr von Antonin Ziegler erfahren Sie im ausführlichen Interview hier.

Schon in seinen frühen Jahren interessierte sich Antonin Ziegler für die wesentlichen Bausteine der Architektur. Er galt als eifriger Student und schrieb seine Abschlussarbeit über das wohl fundamentalste aller Bauelemente: die Wand. „Wenn ein Architekt zeichnet, fängt er mit einer Linie an, die den Raum abgrenzt. Dort wird eine Wand gebaut“, erklärt er. „Wenn man eine Wand hat, dann kann man damit eine Unterkunft schaffen. Und da die Unterkunft die grundlegendste Funktion von Architektur ist, hat mich die Wand schon immer fasziniert.“ Zieglers eigenes Wohnhaus und Atelier liegen in der Rue Ménil 107, einer ruhigen Straße in einem Vorort nordwestlich von Paris. Es wurde auf einem kleinen Stück Bauland errichtet und in die Höhe gebaut. Schmal streckt sich das als Le 107 bekannte Wohnhaus hinter einem Metallzaun nach oben – ein skulpturales Symbol des unabhängigen Architekten.

Von Paris nach Montreal und zurück

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Antonin Ziegler ist ein Fahrrad Enthusiast. Er entwirft auch selber Fahrradrahmen.
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Ein ständiger Begleiter: das Skizzenheft.

 

„Als Jugendlicher bin ich sehr gern nachts durch die Stadt gewandert, um die urbane Stadtlandschaft zu beobachten“, erzählt Ziegler. Dies hinterließ bei ihm einen nachhaltigen Eindruck, der einen Entwicklungsprozess entfachte. Nach dem Architekturstudium an der Pariser Universität La Défense (heute Paris Val de Seine) machte Ziegler 2003 seinen Abschluss an der ENSA in der Normandie (École Supérieure d’Architecture de Normandie) und arbeitete zu Beginn seiner beruflichen Laufbahn in größeren Pariser Büros wie Paul Chemetov. Kurz darauf schloss er sich der Agentur CBA Architecture in der Normandie an, wo er mit gerade einmal 27 Jahren ganze Baustellen beaufsichtigte. Bald schon konnte er mehrere Auszeichnungen für die Entwürfe von Wohnhäusern und Bürogebäuden vorweisen. Doch dann überkam ihn die Abenteuerlust: 2007 zog er nach Kanada. In Montreal, wo er bei YH2 arbeitete, setzte sich sein beruflicher Erfolg fort. Geometry in Black, der Entwurf seines Teams für ein modernes Mehrfamilienhaus in den Wäldern der frankokanadischen Laurentinischen Berge, wurde 2011 mit einem Preis der Architektenkammer von Québec ausgezeichnet. „Ich genoss vor allem den kreativen Freiraum, der mir bei Wohnprojekten wie diesem zur Verfügung stand. Denn ich war der einzige Ansprechpartner des Bauherrn“, erklärt der Architekt. Damit verrät er indirekt, dass er lieber alleine arbeitet. Als ein Anruf von CBA Architecture kam, mit der Bitte eine neue Niederlassung für sie in Paris zu eröffnen, kehrte er nach Frankreich zurück.

Eine totale Katastrophe

Im Jahr 2012 gründete Antonin Ziegler dann sein eigenes Büro, um seine Freiheit zurückzuerlangen und sich ganz dem Bau von Privathäusern widmen zu können. Seitdem ist Autarkie das Leitmotiv seiner Arbeit geworden. „Nun nehme ich ein Projekt nur an, wenn ich die Entwürfe auch selbst bearbeiten kann.“ So entstand auch Le 107. „Ich sah es an einem Montag und am darauffolgenden Tag kaufte ich es“, erinnert sich Ziegler, der die ursprüngliche Gebäudestruktur sofort ins Herz schloss. Von 2015 bis 2017 verwandelte er das verfallene Gebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert in ein mehrstöckiges Wohnhaus. „Ich weiß noch, dass ich dachte: ‚Oh, was für ein Spaß!’ Das Haus ist eine totale Katastrophe. Das muss alles neu gebaut werden.“ Der schmale Grundriss – 4,5 x 25 Meter – machte die Sache nicht leichter. Doch solche Herausforderungne liegen Ziegler. „Meine Kreativität wird durch Einschränkungen beflügelt“, sagt er. „Man braucht Grenzen, um sich ausdrücken zu können.“ Er griff die unerbittlichen Restriktionen des schmalen Grundstücks auf und setzte sie in die Vertikale um. Nun ragt das dreistöckige Gebäude hinter dem Eingangstor hervor. Und obwohl es auffällt, fügt es sich dennoch harmonisch in das Mosaik der Ziegeldächer des Arbeiterviertels Asnières-sur-Seine ein, in dem Ziegler jetzt beheimatet ist. Ziegler macht sich die Umgebung auf architektonische Weise zu eigen, ganz gleich ob er im Stadtgebiet oder auf dem Land baut. Die Fassadenplatten von Le 107 zum Beispiel sind aus Kiefernholz, Beton, Zementgrundierung und Metallblech zusammengesetzt und beziehen sich so auf die Oberflächenmaterialien in der Umgebung. „Ich griff auf einfache Materialien zurück, die mit der Umgebung harmonieren. Außerdem mussten sie kostengünstig sein, damit ich mir die großen Erkerfenster leisten konnte. Die haben einen erheblichen Anteil des Budgets verschlungen“, erläutert Ziegler. „Ich mag grundsätzlich keine Materialien, die etwas imitieren oder verstecken. Soweit es möglich ist, benutzte ich die gleichen Materialen für den Innen- und Außenbereich eines Gebäudes.“

Fotograf, Künstler und Architekt in einem

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Antonin Ziegler und sein Hund Lulu vor Le 107

 

 „Ich schaue mir viele Filme an und wäre gern ein Künstler geworden“, sagt Ziegler. „Ich fotografiere auch. Die Fotografie ist eine Kunst, die sehr eng mit der Architektur verbunden ist – so sehr, dass ich mich frage, ob ich vielleicht Architekt geworden bin, um Räume zu schaffen, die ich fotografieren kann.“ Somit überrascht es nicht, dass die Fassade von Le 107 außergewöhnlich visuell, ja gar fotogen ist. Innerhalb des Gebäudes rahmt er jeden Winkel, jeden Blickpunkt, wie bei einer Aufnahme. Die 3D- Software, die er benutzt, fängt das Licht wie eine Kamera ein. „Meine Arbeit ähnelt in vielerlei Hinsicht der eines Bühnenbildners.“ Die Dienstleistungen, die Ziegler mit seinem Atelier 213613R anbietet, beinhalten auch Architekturfotografie und Visualisierungen. Hier dient ihm die Melancholie des Profanen als Inspiration: Parkplätze, Straßenecken, Tankstellen, Hotelzimmer, Wohnhäuser am Stadtrand. „Mir gefällt die visuelle Ästhetik wie etwa der Umgebung von Portlands Industriegebieten“, sagt Ziegler. „Vielleicht arbeite ich deshalb gerne mit schlichten Materialien und möchte keine Luxusvillen entwerfen.“

Internationale Einflüsse

Auch amerikanische Einflüsse durchdringen das Werk des französischen Architekten. Schon häufiger hat Ziegler die Ideen für seine Entwürfe den Arbeiten von großen Meistern wie Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe oder auch Wendell Burnette entliehen. In der Tat lautet das größte Kompliment, das Ziegler für sein eigenes Wohnhaus bekommen hat: „Man denkt, man sei in Montana, wenn man in der Hütte inmitten des Gartens sitzt.“ Die Hütte ist ein kleiner Raum in einem gläsernen Kubus, den Ziegler am anderen Ende des Gartens platziert hat. Von hier kann man  auf das Hauptgebäude blicken. „So ein externer Aussichtspunkt auf das eigene Haus ist ein sehr nordisches und angelsächsisches Konzept. In Frankreich trifft man das nur selten an.“ Eine weitere Inspirationsquelle ist Japan: Dies spürt man vor allem an Zieglers obsessiver Detailverliebheit, der Maximierung begrenzter Räume und hier und da einem raffinierten Überraschungsmoment. Einer dieser Momente ereilt einen, wenn man vom gläsernen Kubus aus einen Blick in das Foyer des Wohnhauses erhascht. Dort ist die Küche beherbergt – Zieglers bevorzugter Raum. „Ich entwerfe gerne Küchen hinter großen Fenstern, denn dort spielt sich das wahre Leben ab. Dort verbringen die Leute die meiste Zeit – eine Küche zu beobachten ist genauso interessant wie sich darin aufzuhalten“, sagt Ziegler. „Es ist völlig egal, ob die Küche klein oder geräumig ist, oder darin nur zwei Möbelstücke stehen. Wichtig ist nur, dass die Küche im Herzen des Wohnhauses liegt.“ Und tatsächlich ist Zieglers eigene Küche von allen Seiten des Hauses einsehbar. Sie dient als Grundlage des Gebäudes. Von hier steigt man in die oberen Stockwerke – helle, offene Räume ohne Türen. „Ich mag keine geschlossenen Räume. Sie wirken leblos“, betont er. „Ich versuche, Räume zu entwerfen, die kein Ziel haben, die nicht von Grundriss und Abmessungen oder ihrer Lage innerhalb des Baukörpers eingeschränkt werden.“ Diese Idee der Austauschbarkeit ist ein wichtiger Aspekt in Zieglers Arbeit und wird besonders bei seinem Wohnhaus deutlich. „Le 107 sollte einen traumartigen Eindruck erzeugen und seine eigenen Regeln aufstellen“, sagt er. Die drei ineinanderfließenden Stockwerke schaffen eine erstaunlich großzügige und weiträumige Atmosphäre. Des Öfteren verlaufen sich Gäste, wenn sie sich durch die verschlungenen Räume des Hauses bewegen. „Le 107 funktioniert so gut wegen dieser Mischung aus Vertikalität und Offenheit. Der Grundriss hat nur 28 Quadratmeter, aber das Gebäude wirkt viel größer als es ist.“

Der Urbanist in der Natur

Inmitten dieser Räume liegt Zieglers Büro – ein heller Raum im Hochparterre, der vollständig seiner Arbeit gewidmet ist. „Ich arbeite niemals woanders im Haus“, beharrt er. „Vielmehr bin ich froh, das Atelier zu verlassen und anderen Interessen nachzugehen, nachdem ich den ganzen Tag gezeichnet und entworfen habe.“ Radfahren und wildes Campen gehören zu Zieglers Lieblingsbeschäftigungen. „Ich genieße jede Gelegenheit, bei der ich der Stadt entfliehen und mich in die Natur begeben kann. Le 107 bietet alles, was ich mir von einem Haus wünsche. Aber sogar ein eingefleischter Urbanist wie ich muss der Stadt von Zeit zu Zeit entkommen.“

Alle Bilder: Thomas Chéné