24.02.2017

Öffentlich

Das Auge des Betrachters

von Anja Koller

Der Oculus Bahnhof – ein Alien im architektonischen Ensemble der Gebäude ringsum das One World Trade Centre. Foto: Anja Koller

Oculus ist sein Name. Das Auge. Es steht dort, wo Amerika in seiner neueren Geschichte wohl am verwundbarsten war. Es ist ein Zeichen für die Hoffnung, die Auferstehung – wie Phönix aus der Asche. Ganz so mutet der mit rund 4 Milliarden Dollar wohl teuerste Bahnhof der Welt allerdings nicht an: Er wirkt schwer, tonnenschwer; wie ein Dinosaurier mit Stachelpanzer. Doch nur im ersten Moment. Das Behäbige, das Kolossale verwandelt sich beim Betrachten schnell in eine filigrane, federleichte, ja geradezu spielerische Leichtigkeit.

Der Oculus Bahnhof - ein Alien im architektonischen Ensemble der Gebäude ringsum das One World Trade Centre. Foto: Anja Koller
Im Inneren erinnert das Bauwerk an eine Kathedrale. Foto: Anja Koller
Filigrane Architektur - Santiago Calatravas Oculus ist lichtdurchflutet und wirkt federleicht. Foto: Anja Koller
Mehr ein Kunst- als ein Bauwerk. Calatravas vier Milliarden Dollar Projekt in New York. Foto Anja Koller

Mehr Kunst- als Bauwerk

Und genau das ist das Geheimnis der Architektur von Santiago Calatrava: Seine Bauten sind Monumente, sakrale Kunstwerke von ästhetischer Grazie. Er ist nicht einfach nur Architekt und Bauingenieur, er ist auch Künstler und Illusionist. Das erzählen seine Gebäude, seine Brücken. Sie sind Statements, Ausrufezeichen. Orte, an denen der Architekt seine Ausrufezeichen setzt, scheinen nur dafür zu existieren. Oculus, der Bahnhof, der seit rund einem Jahr Manhattan mit Regionalzügen Richtung New Jersey und elf U-Bahn-Linien verbindet, ist ein typischer Calatrava: von der Natur inspirierte organische Formen, lichtdurchflutet, mit aufstrebenden weißen Rippen, skulpturale Ästhetik.

Ein Bahnhof wie ein Alien

Oculus ist ein Symbol des Friedens, eine riesige weiße Taube, die zeigt, dass die Stadt aus Ruinen auferstanden ist und selbstbewusst in die Zukunft blickt. Im Inneren wähnt man sich in einer Kathedrale. Trotz der rund 200.000 Pendler, die hier tagtäglich umhereilen, hat das Gebäude etwas Heiliges. Von außen wirkt der Oculus wie ein Alien im architektonischen Ensemble der nach oben strebenden verspiegelten Gebäude ringsum das One World Trade Centre. Und genau das macht seine Faszination aus: der Dinosaurier ist lebendig und atmet zwischen den unbeweglichen starren Wolkenkratzern. 12.500 Tonnen Stahl hat der Spanier hier verbaut sowie weißen Marmor aus dem Südtiroler Laas. Sämtliche Wand- und Bodenplatten, Treppenstufen und Sockelleisten stammen von dort.

Exorbitante Kosten

Wie schon in Valencia oder in Venedig, wo Calatrava die vierte Brücke über dem Canal Grande entwarf, sprengte auch der New Yorker Bau das Budget – mehr als doppelt so hoch wie ursprünglich geplant, schlugen die Kosten zu Buche. Und wie so oft glänzte der Architekt auch in New York nicht durch ein effizientes Zeitmanagement: Die Eröffnung des Oculus verzögerte sich um zehn Jahre. Noch gibt es keine Bauschäden zu vermelden, doch es würde wohl wenig überraschen, wenn sich das änderte. Zu diesem Thema ist der Architekt schließlich seit Jahren Dauergast in den internationalen Medien.

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