Corte di Cadore, Hotel Boite

Diesmal nicht über den Brenner nach Süden. Abseits der Hauptroute liegt inmitten der Dolomiten des Veneto ein Architekturensemble aus den späten 1950er Jahren, Edoardo Gellners Feriensiedlung „Corte di Cadore“.

Südlich von Cortina d’Ampezzo realisierte der italienische Architekt in den Jahren 1954 bis 63 eine Ferienanlage für die Mitarbeiter der staatlichen Ölgesellschaft ENI. Auf einem 120 Hektar großen Areal am Fuß des Antelao, eines massigen Dreitausenders, entstanden rund 300 frei stehende Häuser, ein Kinderferienheim, Kirche, Campingplatz und das Hotel Boite, mein Etappenziel.

Kurve um Kurve führt der Weg durch den Wald bergan. Von der Siedlung ist nichts zu sehen, nur die Stützmauern der Straße aus gebändertem Sichtbeton deuten an, dass hier ein Architekt am Werk war. Auf einer Lichtung dann das Hotel – Anfang der 70er Jahre errichtet, zwei wuchtige Baukörper aus Sichtbeton, der sechsgeschossige Zimmertrakt mit wettergegerbten Holzbalkonen, das vorgelagerte niedrigere Gebäude mit Hotelhalle, Restaurant und Nebenräumen.

Die Hotelhalle ist großzügig und wohnlich zugleich, eine Mischung aus Lodge, Kaminzimmer und Panoramadeck, von wuchtigen Holzträgern überspannt, die auf Stahlstützen dick wie Brückenpfeiler ruhen. Reizvoll kombiniert mit den omnipräsenten rustikalen Holzoberflächen sind die „Grand confort“-Sessel Le Corbusiers und schlichte Designerleuchten.

Eine weltentrückte Architektenenklave ist das „Boite“ dennoch nicht, vielmehr ein sympathisches italienisches Ferienhotel mit Halbpension, Tagesausflügen und Abendprogramm – wie beispielsweise die dezente Karaoke-Vorstellung einer jungen Animateurin in der Lobby an jenem Abend, von der sich die kartenspielenden und zeitunglesenden Gäste nicht stören lassen. Ich widme mich den schweren, auf Buchständern präsentierten Folianten mit zahlreichen Publikationen zur Geschichte der Siedlung, darunter auch eine Kopie des Baumeister aus dem Jahre 1960.

Auf zeitgenössischen Fotos ist die gesamte Anlage auf dem einstmals kahlen Schotterhügel noch deutlich zu erkennen, bevor durch die Wiederaufforstung Gebäude und Umgebung zu einer Einheit verschmolzen, ganz im Sinne Edoardo Gellners, der die Feriensiedlung als das Resultat einer vollkommenen Verbindung zwischen Architekt und Berglandschaft bezeichnete.Gut erkennbar ist auch die homogene Gestaltung der Siedlung: Holz, Naturstein, Sichtbeton und Stahl charakterisieren leicht variierend alle Bauten.

Als einer der Pioniere der Moderne in Italien experimentierte Gellner mit dem Baustoff Beton, zugleich maß er regionalen Materialien und handwerklicher Sorgfalt einen großen Wert bei, was sich auch beim Innenausbau bis ins Detail wiederfindet.

Im Gegensatz zu den großen Gemeinschaftsbereichen sind die 84 Hotelzimmer eher klein und mit einfachem, fast spartanischem Mobiliar ausgestattet, das den Charme des Originals bewahrt hat: der Schrank aus Mahagoni auf schmalen schwarzen Stahlbeinen, ein einfacher Stuhl, ein Klapptisch, anstelle eines Bildes der gerahmte Lageplan der Feriensiedlung. Als überraschend multifunktional erweist sich die Holzkonsole auf Kniehöhe, die sich wandbegleitend um die Ecken schmiegt und als Ablage, Sitzbank und Stufe zum großen Balkon dient. Hier lässt man den Blick über das Cadore-Tal schweifen, träumt im Liegestuhl – und schon ist es Zeit zum Abendessen.

Im riesigen, introvertierten Speisesaal spielt das Bergpanorama dann eine Nebenrolle, im Mittelpunkt steht das Vorspeisenbüffet, von den Gästen emsig umschwirrt. Möbliert ist der rustikal-elegante Raum mit langen, ledergepolsterten Holzbänken und kleinen Tischen, an denen sich sofort Gespräche ergeben. Das Ehepaar am Nachbartisch ist aus Rom in die alpine Sommerfrische gereist. Auf die Frage, wie ihnen das Hotel gefällt, antworten sie, das Essen sei wunderbar.

Wunderbar ist auch die Umgebung des „Boite“. Da ist zum einen der Spa-Bereich in einem kürzlich fertig gestellten Neubau am Eingang der Siedlung, der zwar architektonisch wenig Außergewöhnliches bietet, jedoch mit einer fantastischen Aussicht aufwartet. Zum anderen die Ferienhäuser: Genauso unauffällig und selbstverständlich wie die kleinen Schilder, die den Weg zu ihnen weisen, stehen die schlichten Chalets zwischen Kiefern und Fichten.

Nur wenige Meter oberhalb des Hotels dann die Kirche, die Edoardo Gellner gemeinsam mit Carlo Scarpa realisierte. Zur Straße ein mächtiges Bollwerk aus Sichtbeton in rauen Schichten, wirkt der Sockel wie ein Riff, auf dem ein steiles Kupferdach aufliegt. Auch im Inneren erscheint das Kirchenschiff wie eine hoch aufragende Felsgrotte, monumental und Geborgenheit vermittelnd – ein gemeinsames Meisterstück beider Architekten, faszinierend bis in die Details.

Dass die Ferienanlage Corte – Gellners Gesamtkunstwerk von der Straßenführung bis zum Hotelporzellan – großteils unverändert erhalten blieb, ist ein Glücksfall. Die weitgehend gelungenen Renovierungsarbeiten lassen hoffen, dass dies auch so bleiben wird. Und dass die fast minimalis-tische Qualität der Häuser wieder sehr geschätzt wird, zeigt sich auch an dem großen Interesse als Ferienimmobilie: Seit im Jahr 2001 ein sardischer Bauunternehmer die Anlage erwarb und die Häuser mit der Auflage, sie möglichst original zu erhalten, anbietet, sind fast alle verkauft.

Adresse

Hotel Boite
Corte delle Dolomiti Resort, S.S. 51 di Alemagna Km 88
32040 Borca di Cadore (BL) Italia
Tel. +39 0435 487100, Fax.+39 0435 482624
www.hotelboite.it