15.01.2024

Portrait

Mit Concular vom Linearen zum Kreislauf

Nachhaltigkeit
Sichten, prüfen und erfassen: Das Team von Concular nimmt Baumaterialien bestehender Gebäude sorgfältig unter die Lupe. Foto: Thomas Jones
Sichten, prüfen und erfassen: Das Team von Concular nimmt Baumaterialien bestehender Gebäude sorgfältig unter die Lupe. Foto: Thomas Jones

Die Bau- und Immobilienbranche schafft nicht nur Wohnraum, sie verursacht auch viel Abfall und CO2. Um beides zu reduzieren, können ältere Gebäude als Materiallager für neue dienen. Das Start-up „Concular“ will dafür sorgen, dass alle Akteure der Bau- und Immobilienbranche einen solchen Kreislauf-Ansatz verwenden.


Plattform für gebrauchte Materialien

„Wir wollen die Branche radikal ändern“, sagt Annabelle von Reutern, Head of Business Development bei Concular. Das und nicht weniger ist das Ziel des Start­-ups. Das Unternehmen geht Herausfor­derungen der Bau­ und Immobilienbranche an; sowohl Abfallaufkommen als auch CO2-­Emissionen will Concular reduzieren helfen, mit einer Idee: zirkuläres Bauen befördern. Statt linear sollen – am besten alle – Akteure der Branche in Kreisläufen denken, planen und wirt­schaften. Für solche Kreisläufe bietet Concular eine Plattform. Über diese landen gebrauchte Materialien aus Gebäuden, die abgebrochen oder umgebaut werden, statt auf dem Müll in anderen Bauprojekten. Noch vor Abriss oder Umbau prüft das Team von Concular vor Ort, welche Materialien und Bauteile sich zur Weiterverwendung eignen. Sie nehmen Maße auf, machen Fotos. Alle Details pflegen sie in eine digitale Datenbank ein. Sofern die Akteu­re des Abbruchgebäudes die wiederge­wonnenen Materialien nicht gleich selbst für ein neues Projekt verwenden, können Interessierte die Materialien über den Onlineshop von Concular kaufen. Das sind Türen oder Leuchten, Ziegelsteine oder ganze Teeküchen. Was innerhalb einer bestimmten Frist ver­kauft wird – irgendwann müssen Abriss oder Umbau ja beginnen –, bauen Rück­baufirmen aus. Wenn möglich, kommt Wiedergewonnenes direkt von einer Bau­stelle auf die nächste. Das spart Trans­port­ und Lagerkosten.

Sichten, prüfen und erfassen: Das Team von Concular nimmt Baumaterialien bestehender Gebäude sorgfältig unter die Lupe. Foto: Thomas Jones
Fotos: Thomas Jones
Foto: Thomas Jones

Alle müssen mitmachen

Digitalisieren und vertreiben, wieder ein­bauen und auch neu bauen: An all die­sen Prozessen möchte Concular mit seinem ganzheitlichen Ansatz teilhaben. Das Start­up will das Ökosystem für zirku­läres Bauen sein. Den Bestand allerdings nur digital erfassen, das reicht Annabelle von Reutern nicht, denn es drängt: „Wir müssen ja heute und nicht erst in 30 Jahren Materialien wieder in den Kreislauf bringen.“ Denn die Baubranche sei ja für einen großen Teil des Abfallaufkommens verantwortlich. „Und da haben wir keine Zeit zu verlieren“, sagt sie. Im Jahr 2020 waren mehr als die Hälfte des gesamten Abfalls in Deutschland dem Umwelt­bundesamt zufolge Bau­ und Abbruch­ abfälle. Neben Bodenaushub, der mit rund 60 Prozent den größten Teil aus­ macht, zählen dazu Straßenaufbruch, Bau­schutt, Baustellenabfälle sowie Bau­abfälle auf Gipsbasis. Im eigenen Namen des Start­ups sind Bauen und Zirkularität bereits verschmol­zen: Aus den Wörtern „construction“ und „circular“ entstand Concular. Das Team umfasst 45 Mitarbeitende. Rund 250 Projekte hat Concular bereits durch­geführt, von kleineren Beratungen bis zu größeren Projekten. Unter den Ge­bäuden, aus denen Concular wiederge­wonnene Materialien vermittelte, war beispielsweise die alte Stadtbücherei in Augsburg. Hier hatten sich Concular, das Staatliche Bauamt Augsburg und die Hochschule Augsburg zusammengetan; Architekturstudierende unterstützten beim Erfassen der Materialien. Ein anderes Beispiel ist die Mercedes­-Benz-­Arena in Stuttgart, die für die kommende Europa­meisterschaft umgebaut wird; Concular verkaufte daraus unter anderem Tribü­nensitze. Und aktuell, im Mai 2023, können Interessierte im Onlineshop Drehkreuze aus dem Frankfurter Bürogebäude „Pris­ma“, Leuchten aus dem Behrensbau in Düsseldorf oder Fassaden-­Bauteile ehe­maliger FAZ-­Gebäude erstehen. Ursprünglich ging es jedoch mit einer an­deren Plattform los: Erfahrung im Verkauf von gebrauchten Baumaterialien sam­meln die späteren Gründer von Concular seit etwa zehn Jahren. Damals starteten Dominik Campanella, Julius Schäufele, Marc Haines und Ulrike Schock den On­line-­Marktplatz „restado“. Mit diesem erreichten sie vor allem Privatkundinnen und Kleinunternehmen. „Es ist ja nett, wenn man drei Türen aus einem Einfami­lienhaus rettet. Aber es ist noch netter, wenn man 300 Türen aus einem Büroge­bäude wieder in den Kreislauf bringt“, sagt von Reutern. Anfang 2020 gründeten Campanella, Schäufele und Haines dann Concular. Mit ihrem Start­up richten sie sich an größere Projekte und alle Akteure der Baubranche. Hersteller und Architek­tinnen, Rückbauunternehmen und Immobilienbesitzerinnen – Concular möch­te alle abholen und zusammenbringen, um Materialkreisläufe in der Baubranche zu etablieren und sie so nachhaltiger zu gestalten. Denn sie sind überzeugt: Es müssen alle mitmachen. „Das ist für uns wirklich die größte Herausforderung: alle unter einen Hut zu bringen, das Mind­set der Leute von Linear­ zur Kreislauf­wirtschaft zu transformieren“, sagt von Reutern. Zudem setzt sich Concular auch dafür ein, Standards zu etablieren: Das Start-­up hat initiiert, die DIN SPEC 94184 zu erarbeiten. Diese soll ein einheit­liches Verfahren beschreiben, um Bau­materialien vor Abbruch­ und Renovie­rungsarbeiten zu erfassen. Das Verfahren bildet dann die Grundlage, um das An­schlussnutzungspotenzial zu bewerten.

Foto: Thomas Jones
Fotos: Thomas Jones
Foto: Thomas Jones

Ein Materialpass allein reicht nicht

Neben dem Standort Stuttgart hat Concular eine Zweigstelle in Berlin sowie Kolleginnen in mehreren deutschen
und einer österreichischen Stadt. In Ber­lin ist das Start­up im „CRCLR-­Haus“, heute bekannt unter dem Namen Impact Hub, untergekommen. „Das entspricht natürlich total unserer Philosophie“, sagt von Reutern. Was früher eine Lagerhalle der Kindl­-Brauerei war, ist heute ein Co­-Working-­Space mitten in Berlin­-Neu­kölln. In aufgestockten neuen Geschos­sen entstehen noch weitere Flächen und Wohnungen. Nach Planungen der Architektinnen und Architekten des Büros Die Zusammenarbeiter wurde das Bestandsgebäude saniert, umgebaut und aufgestockt; den Innenausbau setz­ten LXSY Architekten um. Die Plane­rinnen und Planer achteten auf eine zir­kuläre Bauweise, und es kamen auch wiederverwendete Materialien zum Ein­satz. Concular hat hier nur wenig bei­getragen, lediglich ein paar Türen; damals war das Start­up noch klein. Nun liefert es aber die Materialpässe für das Gebäude. Diese gehören zu der digitalen Seite des Ansatzes von Concular. In Material­pässen – bei dem Start­up Life-­Cycle-Passport genannt – lassen sich alle Informationen zu verbauten Materialien in einem Gebäude hinterlegen. So entsteht ein digitaler „Zwilling“. Das Angebot richtet sich sowohl an Bauherrinnen als auch Immobilienbesitzer. Die Daten können sie etwa für Berichte zur Nachhaltigkeit eines Gebäudes nutzen. Auch die Regierungsparteien möchten digitale Gebäuderessourcenpässe ein­ führen – das schrieben sie zumindest in ihren Koalitionsvertrag von 2021. Wie ein solcher Pass aussehen kann, dazu hat die Deutsche Gesellschaft für Nach­haltiges Bauen (DGNB) in Abstimmung mit verschiedenen Akteuren einen Vorschlag erarbeitet und veröffentlicht. Die Idee des Gebäuderessourcenpasses ist, Informationen zu einzelnen Gebäu­den festzuhalten – zu Ressourcennutzung, Klimawirkung und Kreislauffähigkeit, wie die DGNB schreibt. Dieses soll die Grundlage für eine Kreislaufwirtschaft im Bausektor schaffen. Der DGNB zufolge soll ihr Ressourcenpass an kommende Maßnahmen des Bundes oder auch der EU anschließen können, und für Zerti­fizierungen der DGNB kann man den Ressourcenpass ebenfalls anwenden. Mit dem Life­-Cycle-­Passport von Concular lässt sich der DGNB-­Pass erstellen. Annabelle von Reutern verweist aber darauf, dass ein Materialpass für sich genommen noch nicht reiche, denn wenn nicht zirkulär geplant werde und Materialien nicht zerstörungsfrei aus­baubar seien, könne man am Ende wieder nur alles entsorgen. Der sogenannte „Circularity Performance Index“, den Concular entwickelt, soll stattdessen helfen, Gebäude zu bewerten. Der Index soll anhand mehrerer Faktoren auf­zeigen, wie nachhaltig und zirkulär ein Bauteil oder Gebäude ist. 

Foto: Thomas Jones
Fotos: Thomas Jones
Foto: Thomas Jones

Digitales Materialdepot auf der Architekturbiennale

Besteht denn die Gefahr, dass der Ansatz von Concular ausgenutzt wird, Stich­wort Greenwashing? Die Frage kommt häufig, sagt Annabelle von Reutern. „Das zeigt meiner Meinung nach die deutsche Mentalität ziemlich deutlich“, sagt sie. Denen, die Veränderungen vorantrei­ben, begegnet man nicht wohlwollend, sondern mit Skepsis. Und das macht sie wütend. „Das ist für mich wirklich er­staunlich: dass wir die Leute, die über­haupt anfangen, gleich kritisieren, weil sie vielleicht nicht alles perfekt machen. Aber sie machen immerhin etwas. Sie bewegen sich, sie gehen nach vorne, sie probieren aus, sie scheitern, sie probie­ren wieder aus. Und das feiere ich“, sagt sie. Deshalb seien sie bei Concular auch offen für alle, die an sie herantreten – auch große Konzerne, die bisher nicht als nachhaltige Unternehmen aufge­treten sind. Dass es Greenwashing gibt, das will sie nicht bestreiten. Concular möchte seine Partner über das Circularity-Partner­-Programm aber bewegen, wirklich aktiv zu werden. In dem Programm sollen Unternehmen sich vernetzen können. Mitglied kann jedoch nur bleiben, wer in­nerhalb eines Jahres ein Projekt mit Concular umsetzt. „Wir wollen verhindern, dass wir Leuten einen grünen Anstrich geben, die nichts machen“, sagt von Reutern. Wie es weitergehen soll? Annabelle von Reutern nennt gleich mehrere, durch­aus ambitionierte Ziele: dass Concular die Plattform für zirkuläres Bauen ist, dass gar nicht mehr anders gebaut werden darf als zirkulär. Außerdem den gesam­ten Bestand in Deutschland erfassen, „damit wir das Urban­-Mining-­Potenzial kennen, lange bevor ein Rück-­ oder Umbau stattfindet“. Kurz gesagt: Concu­lar will die Branche radikal ändern. Bis sich diese Visionen vollständig erfül­len, mag es noch länger oder auch kürzer dauern. Bereits dieses Jahr ist Concular am Deutschen Pavillon auf der 18. Architekturbiennale in Venedig be­teiligt. Unter dem Titel „Open for Main­tenance – wegen Umbau geöffnet“ verwendet der deutsche Beitrag nur Ma­terialien der Kunstbiennale aus dem ver­gangenen Jahr (siehe auch Baumeister 5/2023, ab Seite 46). Mit der Software von Concular werden diese Materialien erfasst. Sperrholzplatten unterschiedlichen Zuschnitts, Isoliermaterial, verschiedene Möbelstücke sind fotografiert, ihre Maße genommen, Zustände und Herkunft notiert. All diese Informationen lassen sich online einsehen, denn auch hier ist ein digitaler Zwilling entstanden – in diesem Falle des Depots. Die inventari­sierten Materialien sollen gezielt weiter­ verwendet werden können. So wie sich Concular das auch für die gesamte Baubranche vorstellt. Es wird nicht das letzte Projekt gewesen sein, bei dem sie Materialien erfassen, Details aufneh­men und Kreisläufe schließen.

Nachhaltig Wohnen: Das Franklin Village in Mannheim von Sauerbruch Hutton ist eines der ersten größeren sozial und ökologisch entwickelten Projekte für Wohnraum in Deutschland.

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