Chinesische Neustädte V – Lingang New Town

Im fünften und letzten Teil unserer Serie zu Planstädten in China wendet sich Dieter Hassenpflug in interkultureller Perspektive der von GMP entworfenen Neustadt Lingang im Südosten Shanghais zu. Mit seinen Kommentaren zu diesem Idealstadtentwurf endet eine Abfolge von kritischen Betrachtungen, deren Hauptanliegen die Sensibilisierung für die interkulturellen Herausforderungen ist, denen Architekten, Städtebauer und Stadtplaner gegenüberstehen, wenn sie sich im globalen Kontext außerhalb ihrer gewohnten – und darum immer auch prägenden – soziokulturellen Milieus bewegen.

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Lingang, die Planstadt für ca. 800 Tausend zukünftiger Bewohner nach einem Entwurf von GMP im Südosten von Shanghai, ist kreisrund. Das gilt auch für den Dishui See, der das ungewöhnliche Zentrum der Stadt bildet. Bei einem Durchmesser von etwa 3 Kilometer beträgt der Kreisumfang des Gewässers ca. 9 Kilometer. Die reale Uferlänge ist aufgrund von in den See hineinragenden Auskragungen oder künstlichen Halbinseln natürlich etwas größer, vielleicht knapp 10 Kilometer. Das bauliche Zentrum der Planstadt wird durch drei konzentrische Ringstraßen gebildet. Die Abstände zwischen diesen Hauptstraßen betragen jeweils ca.  500 Meter. Während  die beiden  inneren Ringstraßen  den  Raum für  das ringförmige Stadtzentrum, den Central Business District (CBD) bilden, geben die beiden äußeren Ringstraßen Raum für eine gleichfalls ringförmige Grünzone, für einen pittoresk gestalteten, von Gewässern durchzogenen Ringpark. Man sollte sich vor Augen führen, dass die Länge bzw. Ausdehnung des ring- bzw. radförmigen Stadtzentrums die Länge von 10 km deutlich übertrifft. Das sind enorme Dimensionen, die bereits im Rahmen der Arbeit an den Masterplänen hätten auffallen und zur Vorsicht bei der baulichen  Realisie­rung mahnen müssen.

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Der aktuelle Rahmenplan von Lingang zeigt, dass derzeit nur ein Ringausschnitt bzw. mehrere radial verbundene Ringausschnitte für die Bebauung vorgesehen sind.

Durchschnitten werden die genannten ringförmigen Stadträume von radial verlaufenden Achsen, deren Aufgabe es ist, Zentrum und Peripherie der Planstadt auf direktem Wege miteinander zu verbinden. In den ursprünglichen Entwürfen lassen sich 8 Achsen identifizieren, davon vier nach den Haupt-Himmelsrichtungen Nord, Süd, West und Ost ausgerichtet und vier jeweils mittig dazwischen. Auf diese Weise entstehen zunächst 8 Kreisausschnitte (Kreissektoren oder auch Ringabschnitte), die allerdings von jeweils einer weiteren rangniedrigeren Radialstraße in der Mitte geteilt werden. Durch diese symmetrische Anordnung der Radialstraßen resultieren am Ende 16 tortenstückartige Kreissektoren. Diese bilden letztlich die trapezförmigen Quartierszonen von Lingang.¹

Plan und Wirklichkeit

A prima vista handelt es sich um einen ästhetisch ansprechenden Entwurf, der nachvollziehen lässt, warum Jury und Entscheider sich von den GMP-Architekten haben überzeugen lassen. Die Entscheidung der Fachleute, den Entwurf Wirklichkeit werden zu lassen, enthält jedoch zwei fragwürdige Annahmen. Die erste ist fachlicher Natur und betrifft das Maßstabsverhältnis von Plan und Realität; denn was im Maßstab 1:1000 oder vergleichbar plausibel, vernünftig, kohärent oder auch ästhetisch ansprechend erscheint, kann als gebaute Wirklichkeit, also im Maßstab 1:1 unvernünftig sein, inkohärent und sogar dysfunktional. Die zweite Annahme ist kultureller Provenienz und betrifft den schwer auflösbaren Widerspruch zwischen einer radialkonzentrischen Grundstruktur und einer sozial erwünschten und gesetzlich vorgeschriebenen Südorientierung.

Greifen wir einen Aspekt aus dem Masterplan von Lingang heraus: Im Planmaßstab wirken die konzentrischen Straßen in ihrer, die ideale Form stützenden Geometrie alles andere als deplatziert. In der Wirklichkeit ist der Radius der konzentrischen Straßen jedoch so groß, dass der Kreisbogen der Straßen kaum wahrnehmbar ist. Dies gilt natürlich umso mehr, je weiter diese Straßen vom Zentrum entfern sind. Diese äußeren Straßen wirken fast wie gerade Achsen und man muss schon sehr genau hinschauen, um deren Krümmung zu erkennen.

Oder nehmen wir das in den Plänen immer wieder durchgezeichnete Stadtzentrum: Wer nur auf den Plan schaut, mag denken: “interessante Idee, ein radförmiges Stadtzentrum, eine CBD wie ein Saturnring”. Warum nicht? Wechselt man jedoch auf die 1:1-Maßstabsebene, dann sieht die Angelegenheit etwas anders aus. Für Menschen, etwa Frauen mit Kinderwagen oder Senioren, die ein Stadtzentrum für Einkäufe und andere alltägliche Erledigungen aufsuchen, können Fußmärsche von 500-800 m bereits in Arbeit ausarten (weshalb z.B. in Frequenzstudien des Einzelhandels Entfernungen von #300 m gern als Richtwert für fußläufige Erschließungssysteme betrachtet werden). Selbst begeisterungsfähige Stadttouristen dürften mit der fußläufigen Eroberung von 10 km Stadtraum überfordert sein. Kein Wunder, dass aktuelle Rahmenpläne der Innenstadt von Lingang die Überbauung von allenfalls einem Bruchteil des Zentralringes vorsehen, von maximal 30% der verfügbaren Fläche. Ein Blick auf den aktuellen Rahmenplan (s.o.) zeigt, dass dieser bebaute “Ringbogen” Teil eines westlichen und nördlichen Kreisausschnitts ist, der offenbar die Fläche der zukünftigen Stadt Lingang ausmachen wird. Die Bebauung der gesamten verfügbaren Kreisfläche ist offenbar nicht mehr vorgesehen – mit entsprechenden Auswirkungen auf die projektierte Einwohnerzahl.

Vergleichbares wie für den Innenstadtring dürfte auch für den Zentralsee gelten. Das Gewässer ist so ausgedehnt, dass es den Stadtraum in der Wahrnehmung eher auflöst als zusammenhält, eher trennt als verbindet. Um als Element des Stadtraumes rezipierbar zu sein und mit seinen Uferflächen als öffentlicher städtischer Begegnungsraum zu funktionieren, sollte er deutlich kleiner sein. Er ließe sich dann visuell besser erfassen und in den städtischen Kontext integrieren. Es ist so gesehen wenig überraschend, dass der Zentralsee von Lingang insbesondere dort als öffentlicher Aufenthaltsraum frequentiert wird, wo in den See hinein kragende Flächen existieren. Diese begünstigen die sinnliche Erfassbarkeit des Raums, machen ihn begreifbar und begehbar.

Europäische Idealstädte als Problem

Das zweite fundamentale Problem betrifft die interkulturelle Dimension von Städtebau und Stadtplanung. Und hier ist die Ausgangslage ziemlich klar: Die Geometrie der westlichen Idealstadt funktioniert in China schlecht, ganz gleich, ob es um eine kleine oder große Stadt (wie Lingang) geht. Der Grundriss von Lingang ließe sich vielleicht in Europa realisieren, wenn die barocken oder absolutistischen Rahmenbedingungen dafür existieren würden. Er würde dann auch leidlich funktionieren – allerdings wohl nur in einer dramatisch geschrumpften Version. In China behindert ein radialkonzentrischer Plan jedoch grundsätzlich den erfolgreichen Bau einer Stadt, ganz gleich, wie groß sie sein soll. Denn diese Grundform kann nicht nur den Wünschen der prospektiven Bewohner nicht gerecht werden, sondern sie wird auch von den chinesischen Stadtbaugesetzen nicht unterstützt.

Sieht man einmal ab von dem kreisrunden See, der das Zentrum bildet, verweist der Plan auf die in der Regel von sternförmig gezackten Festungsmauern umschlossenen Idealstädte, wie sie zu Zeiten der Renaissance zuerst in Italien entworfen wurden. Einige dieser frühneuzeitlichen Planstädte, deren Hauptanliegen die Optimierung der Festungsanlagen mit Blick auf neue, effizientere Waffentechnik war, wurden im Zeitalter des Absolutismus auch gebaut. In Deutschland sind dies beispielsweise Karlsruhe, Mannheim, Glückstadt oder auch Freudenstadt.

Die Idealstadtentwürfe haben Stadtbaumeister, Stadtplaner und Architekten zu keiner Zeit mehr losgelassen. Der vielleicht berühmteste Planstadtentwurf, der explizit in der Tradition europäischer Idealstädte zu verorten ist, ist der Entwurf einer Gartenstadt der Zukunft von Ebenezer Howard. Es leidet keinen Zweifel, dass bewusst oder auch unbewusst Elemente dieses wirkmächtigen Plans, der auf die Verbindung der Vorteile des städtischen und ländlichen Lebens abstellt, auch in den Plan von GMP für Lingang eingeflossen sind. Dies gilt beispielsweise für den ringförmigen Stadtpark, den wir auch im Entwurf Howards finden.

Von den Idealstädten der Renaissance ließ sich u.a. auch der Italienreisende Walt Disney für die Entwürfe aus seinem Städtebau-Labor, dem EPCOT-Centre (Experimental Prototype Community of Tomorrow) inspirieren. Die exklusive Planstadt Celebration bei Orlando, Florida, ist eine gebaute Schöpfung dieses Forschungszentrums, wenngleich die radialkonzentrischen Grundformen nahezu vollständig zugunsten von Fiktionalisierungen alteuropäischer (Piazza) und barocker (Zentralachse) Stadtelemente aufgegeben wurden.

Orthogonalität und Südorientierung

Gleichgültig, mit welchen Marketingstrategien der Entwurf von Gerkan, Marg und Partnern in der chinesischen Fachöffentlichkeit lanciert wurde (Stichwort “Wassertropfen” als Metapher), auch er steht in der Tradition der Idealstadt und ließ sich von dieser inspirieren. Geht aber Renaissance in China? Wohl kaum. Denn die radialkonzentrische Grundstruktur lässt sich nur sehr schwer mit den urbanen Traditionen chinesischer Raumproduktion in Übereinstimmung bringen. Der wichtigste Grund für diese Unverträglichkeit ist die für die bauliche Füllung einer derartigen Grundstruktur erforderliche Orientierungsfreiheit der Wohngebäude. Eine solche “Freiheit” kennt die Tradition des chinesischen Städtebaus nicht. Denn die Südorientierung der Wohngebäude ist ein soziokultureller Imperativ im Reich der Mitte. Entwickler von Wohnsiedlungen wissen, dass Abweichungen nicht gerade ratsam sind; denn die Südorientierung der Wohngebäude ist nicht nur klimatisch geboten, sie ist Teil der Regeln des Feng Shui und zugleich ein unverzichtbares Element der Gewinnung bzw. Sicherung von sozialem Prestige.² Südorientierung ist darum auch eines der wichtigsten ‘selling arguments’ für die Wohnungswirtschaft. Darüber hinaus ist diese in weiten Teilen Chinas baurechtlich vorgeschrieben, auch in Shanghai. Es bedarf einer Ausnahmegenehmigung der Baubehörden, um von ihr abzuweichen.

In China verweisen uralte städtebauliche Traditionen auf Weltschöpfungsmythen, in denen die – kosmologisch begründete – Nord-Süd-Orientierung zentral ist. Die chinesische Praxis urbaner Raumproduktion folgt insofern Regeln, die denjenigen der militärisch motivierten Stadtanlagen der Römer vergleichbar sind. Dies betrifft insbesondere die gleichfalls kosmologisch abgeleitete, teils jedoch auch gromantische³ Bestimmung der Nord-Süd-Achse (Cardo) und der Ost-West-Achse (Decumanus) römischer Garnisonsstädte. In der Konsequenz definiert dieses Achsenkreuz einen orthogonalen Stadtgrundriss. In diesem kann es keine konzentrischen Straßen geben und, in Ermangelung eines kreisförmigen Grundrisses als Bezugsform, auch keine – echten – Radialstraßen.

Die Praxis der rasterförmigen Stadtanlage ging in Europa mit dem Verfall des römischen Imperiums weitgehend unter. Weitgehend, da sie etwa in Gestalt der südfranzösischen, okzitanischen Bastiden eine mittelalterliche, regionale und gewissermaßen ‘christliche’ Fortsetzung fand. In China hingegen wurde die orthogonale Stadtanlage vor allem durch die Bewahrung kosmologisch begründeter Regeln und gestützt durch die Vorschriften des Feng Shui im raumkulturellen Gedächtnis des Landes perpetuiert. Zudem müssen, wie bereits betont, die Zeilen- und Punktbauten von Nachbarschaften aus klimatischen, gesetzlichen, traditionellen und vor allem aus Gründen des sozialen Prestiges nach Süden ausgerichtet sein, um von den Bewohnern voll akzeptiert zu werden.

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Chinesische Idealstadt der Kaiserzeit ( l t . Spektrum Adademischer Verlag Heidelberg 2001)

Ein kreis- oder sternförmiger Stadtgrundriss, wie derjenige von Lingang, unterstützt genau dies jedoch nicht – mit geringfügigen Einschränkungen: diese Ausnahmen betreffen die in unmittelbarer Nähe der in den Haupt­himmelsrichtungen verlaufenden Achsen. Nur entlang dieser lässt sich die Bebauung so bewerkstelligen, dass sie mit einem orthogonalen Grundriss annähernd übereinstimmt. Die Siedlungsbauten an der nach Süden verlaufenden Hauptachse ‘schauen’ das Zentrum allerdings mit ihrer Nordseite ‘an’, kehren ihm sozusagen den Rücken zu. Die Gebäude an den beiden westlich und östlich verlaufenden Hauptachsen müssen hingegen, um im Bild zu bleiben, mit den ‘Schultern’ zum Zentrum hin ausgerichtet sein. Und für den ganzen Rest gilt, dass die Gebäude sich nicht ohne gravierende, das Stadtbild verzerrende Konsequenzen zum Zentrum hin ausrichten lassen. Denn es ist nicht möglich, eine orthogonale Grundstruktur widerspruchsfrei in eine radialkonzentrische zu integrieren. Versucht man dies trotzdem, wird durch die Überlagerung der Strukturen die radialkonzentrische durch die orthogonale und diese durch jene korrumpiert. Genau auf diesen unlösbaren Konflikt zwischen Grundstruktur und Füllstruktur ist man spätestens dann in Lingang gestoßen, als man sich daranmachte, die Planstadt mit dem attraktiven Grundriss in Stein, Beton, Ziegel, Stahl und Glas für chinesische Stadtbewohner zu bauen.

Demgegenüber erlauben die seit dem Mittelalter etablierten europäischen Traditionen der (parzellierten) Blockrandbebauung nicht nur Orientierungsfreiheit, sondern setzen diese Freiheit vielmehr voraus. Damit stellen radialkonzentrische Konzepte für den europäischen Städtebau kein grundsätzliches Problem dar. Die Erschließungsstraßen, Gebäudeblöcke und nicht zuletzt die Gebäude selbst lassen sich allesamt flexibel auf das Zentrum hin ausrichten und unterstützen auf diese Weise die Integrität der idealen Form. Süd-, Ost- oder Westorientierung und sogar die Nordorientierung von Fassaden sind möglich und fügen sich harmonisch in eine das Zentrum akzentuierende, radialkonzentrische Grundstruktur. Der Blick auf die italienische Idealstadt Palmanova demonstriert dies auf eindrucksvolle Weise.

Während im Falle von Anting Neustadt das Problem der chinesischen Verwendbarkeit des “deutschen” Stadtraums vor allem aus dem Konzept der Mischnutzung und der orientierungsfreien Blockrandbebauung hervorgeht, verhält es sich bei der Planstadt Lingang ein wenig anders; denn hier ist das Problem die Unmöglichkeit, die radialkonzentrische Raumstruktur durch eine flexible, orientierungsfreie Bebauung zu unterstützen. Eine vergleichsweise kleinräumige Mischnutzung ist, abgesehen vom inneren, direkt am See liegenden Ring, nicht vorgesehen. Vergleichbares gilt für die Blockrandstrukturen. Im Prinzip steht für den Bau chinesischer Nachbarschaften, für “compounds”, massenhaft Raum zur Verfügung. Doch dieser lässt sich aufgrund der städtebaulichen Traditionen, der immer noch lebendigen Regeln des Feng Shui, der Distinktionskonzepte chinesischen Bürger und nicht zuletzt aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen nicht wie erwünscht nutzen.

Fatale Zustände

Unabhängig von menschlichem Versagen, von schlechter Bauqualität oder unzureichender Erschließung ist Lingang – wenn schon nicht syntaktisch-funktional, so doch semantisch- oder narrativ-ästhetisch – vom Scheitern bedroht, von einem Versagen, das sich aus der Gegensätzlichkeit von vorgegebener radialkonzentrischer und erforderlicher orthogonaler Grundstruktur herleitet. Es genügt ein Blick aus der Vogelperspektive auf Lingang, um zu erkennen, wie schwer sich der Städtebau tut, um mit der Füllung der vorgegebenen Strukturen zurecht zu kommen. Den Fachleuten vor Ort hätte eigentlich klar sein müssen, dass ein Renaissanceentwurf in China nicht funktionieren kann. Bei GMP wird man sich sehr wahrscheinlich damit abfinden müssen, dass ihre Planstadt niemals so sein wird, wie man sich die Anfangs vorgestellt hatte und wie der Entwurf insinuiert. Lingang Neustadt wird, wie sich bereits heute andeutet, ein Torso bleiben, ein auf irritierende Weise uneinheitliches und fragmentiertes stadträumliches Gebilde.

Wer die Details in Lingang in Augenschein nimmt, kann nicht nur Belege für die genannten Unverträglichkeiten finden, sondern muss darüber hinaus feststellen, dass viele Verkehrsflächen und Wohnsiedlungen in sehr schlechter Bauqualität fertiggestellt wurden. Wenn man kundige Leute darauf hin anspricht, erhält man oft zur Antwort, dass es an Geld mangelte bzw. dass das verfügbare Geld irgendwie vorzeitig ausgegangen sei… Wie auch immer, nicht nur zeigt sich allenthalben die Unverträglichkeit westlicher und östlicher städtebaulicher Grundformen, sondern zu allem Überdruss ist das, was realisiert wurde, in einem teils beklagenswerten baulichen Zustand. Nicht ausgeschlossen, so meine Spekulation, dass die eklatanten Probleme bei der Füllung der vorhandenen Grundstruktur auf leistungsfähige Projektentwickler und Wohnbaugesellschaften demotivierend wirken bzw. zur Zurückhaltung bei der Beteiligung an Ausschreibungen führen.

Nehmen wir beispielsweise die großzügigen Bürgersteige, die insbesondere die überbreiten, vielstreifigen Radialstraßen flankieren. Nur allzu of läuft man auf minderwertigen, vielfach zerborstenen, krümelnden Gehsteigplatten und Fliesen. In vergleichbarem Zustand findet man häufig auch Bordsteine und selbst die Fahrstreifen der weiträumigen, wenig frequentierten “Boulevards” weisen schon wenige Jahre nach ihrem Bau erhebliche Schäden auf. Vergleichbares lässt sich auch für den baulichen Zustand der gerade neu errichteten Wohnquartiere sagen. Auf Schritt und Tritt stößt man auf abblätternde Farbe, durchnässte Mauern, herabfallende Ziegel, zerborstene Platten, rostende Eisenteile und ungepflegte Grünanlagen. Teils erhebliche Bau- und Materialschäden begegnen uns jedoch auch im Bereich des teilweise mit anspruchsvoll entworfenen Gebäuden bestückten ringförmigen Zentrums. Das Fatale dieser Zustände ist, dass sie der Bereitschaft zur Wartung und Pflege der Gebäude und Flächen und zum respektvollen Umgang mit denselben nicht gerade förderlich sind – eher im Gegenteil.

Bisher (Frühjahr 2018) wurden vor allem die Flächen westlich des aquatischen Zentrums bebaut. Um wenigstens auf einigen Flächen eine den chinesischen Städtebau begünstigende, orthogonale Grundstruktur zu erhalten, hat man an die äußere Ringstraße in West-Ost-Richtung mehrere parallel verlaufende Straßen angedockt. Die auf diese Weise gewonnenen rechtwinkligen Blöcke wurden sodann mit nach Süden ausgerichteten Zeilenbauten gefüllt. Mit Ausnahme der Gebäude, die unmittelbar an der west-östlich verlaufenden Zentralachse liegen, ignorieren die Blöcke natürlich konsequent die idealstädtische Grundstruktur des Masterplans. Je weiter sie von den Hauptachsen entfernt sind, umso mehr zeigen die Gebäudelinien ins stadträumliche Nirgendwo.

Hierarchie und Gitternetz

Es ist davon auszugehen (und dies deutet sich bereits an), dass die Einfügung gitternetzartiger Straßenverläufe das Mittel der Wahl sein wird, mit dem idealstädtischen Grundriss fertig zu werden. Denn dass Gitternetz präfiguriert jene rechteckigen Blöcke, die sich sodann problemlos mit nach Süden ausgerichteten Wohngebäuden füllen lassen. Die Spuren dieser ‘Sinisierung’ (und somit Umorientierung) treten bereits deutlich hervor. In der Konsequenz wird die europäische Grundstruktur freilich ad absurdum geführt. Damit droht Lingang ein Schicksal, das in viel kleinerem Maßstab einst dem barocken Grundriss der nordamerikanischen Stadt Circleville ereilte: In nur wenigen Jahren wurden die Strukturen der aus Europa ‘importierten’ Idealstadt, den jeffersonischen Regeln amerikanischer Raumproduktion folgend, in eine typisch US-amerikanische, von einem Gitternetz geprägten Stadt verwandelt.

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Die Zentralachse von Panjin Hafen Neustadt

Anders als in dem von sozial-räumlichen Hierarchien geprägten China, wird in den Vereinigten Staaten das Gitternetz, hinter dem sich ein System der privaten Eigentumsbildung an Grund und Boden (Land Ordinance von Jefferson und Homestead Act von Lincoln) verbirgt, als Zeichen demokratischer Egalität gedeutet. In dieser amerikanischen Perspektive symbolisieren radialkonzentrische Entwürfe und Strukturen mit ihrer Betonung von Zentrum und Peripherie soziale Hierarchien. Da fragt man sich natürlich sogleich, weshalb die idealstädtische Form räumlicher Hierarchisierung in China nicht gefragt ist. Die Antwort kann nur lauten: Die radialkonzentrische, auf ein Zentrum orientierte Form räumlicher Hierarchisierung steht allen chinesischen Traditionen und Regeln städtischer Raumproduktion entgegen. Die räumlichen Formen sozialer Hierarchie müssen hier auf eine andere Art verwirklicht werden: Wie wir am Beispiel von Liaodong Bay New Town, der neuen Hafenstadt in der Präfektur Panjin, im ersten Beitrag dieser Serie gesehen haben, geschieht dies mittels linearer Zentren.

Lineares Zentrum bedeutet, dass eine oder mehrere Hauptachsen oder Korridore die Funktion städtischer Zentralität übernehmen. Dies geschieht, indem sie bedeutsamen städtischen Einrichtungen, kulturellen Institutionen und kommerziell genutzten Immobilien den ihnen gebührenden Ort in der Stadt zuweisen. Auf diese Weise entstehen hierarchisch strukturierte lineare Raumfolgen von Bedeutungsträgern, wie sie einst für chinesische Städte charakteristisch waren und, nach einer urbanistisch weitgehend richtungslosen Übergangszeit, wieder sind. Im gegenwärtigen Städtebau hat das Modell des linearen Zentrums seine einst überragende städtebauliche Stellung wiedergewonnen.

Durch die Rolle der Hauptachsen bei der Organisierung hierarchischer Raumfolgen demonstriert das chinesische Modell, dass sich orthogonale Muster auch für die Verräumlichung soziokultureller Hierarchien eignen. Das bedeutet in unserem Zusammenhang: Indem die chinesische Praxis urbaner Raumproduktion die idealstädtische Struktur unterläuft und zerstört, richtet sie sich, anders als im amerikanischen Circleville, keineswegs gegen die hierarchische Symbolik, sondern gegen die europäische, nodale beziehungsweise punktuelle Form der räumlichen Hierarchisierung.

Dem Schicksal von Circleville kann Lingang, wenn überhaupt, nur wegen seiner Größe und der formierenden Kraft des kreisrunden Sees im Zentrum entgehen. Sollte allerdings der Dishui-See im Zentrum in ein quadratisches Gewässer umgebaut und die bestehenden Teile des radförmigen CBD (“Central-Business-District”) wieder abgerissen werden, könnten die Karten neu gemischt werden. Schwer vorzustellen, jedoch nicht gänzlich utopisch. Wie bereits oben erwähnt, ist es in China nicht ungewöhnlich, dass komplette Quartiere oder, häufiger noch, ganze Nachbarschaften aus Mangel an Nachfrage oder aufgrund schwerwiegender baulicher Mängel dem Erdboden gleich gemacht werden – um kurze Zeit später mit dem Bau erneut zu beginnen.

Deutsche Spuren im Siedlungsbau

Werfen wir noch einen Blick auf die nach Nord-West und Süd-West ausgerichteten Sektoren. In diesen bewirkt die gewünschte und auch vorgeschriebene Südorientierung große Verluste an Fläche. Um die unansehnlichen Restflächen und Raumkanten bei der Bebauung von sich verengenden Grundstücken zu vermeiden, hat man sich in dem einen oder anderen Fall an die europäischen Orientierungsfreiheiten erinnert und sich offensichtlich erfolgreich um Sondergenehmigungen für Abweichungen von dieser bemüht. So treffen wir in den genannten Bereichen auf Anordnungen der Wohnscheiben, wie wir sie aus dem modernen europäischen Großsiedlungsbau kennen. Dort nämlich wurde, europäischen Traditionen im Städtebau folgend, die Südorientierung – obschon in der Charta von Athen für das moderne Bauen gefordert – niemals so streng umgesetzt wie in China.

Erklären lässt sich diese Freiheit der Anordnung der Gebäude in Lingang nur mit dem europäischen bzw. deutschen Hintergrund der Planstadt. Unterstützt wird dieses Argument paradoxerweise durch etwas, das für die europäische Moderne eher untypisch ist, nämlich durch die Ausstattung der chinesischen Wohngebäude mit Sattel- und Walmdächern. Aus deutscher Sicht eigentlich eine postmoderne ‘Regelverletzung’ gegenüber den Standards des modernen Wohnungsbaus. In China hingegen kein Problem, da hier der Großsiedlungsbau schon kurz nach der Öffnung des Landes sich mit der architektonischen Postmoderne großzugig arrangiert hat.

Das Sattel- oder Walmdach, mit und ohne Gauben, ist im Großsiedlungsbau zweifellos als ein Gestaltungsmerkmal der architektonischen Postmoderne zu interpretieren. Der beispielgebenden Verbindung mit der ‘deutschen Stadt’ ist es vermutlich geschuldet, dass in Lingang Neustadt bisher nur wenige skulpturale Dachaufbauten zu entdecken sind. Damit wird jedoch zugleich auf eine wichtige Komponente für den kollektiven Distinktionsbedarf der Nachbarschaften verzichtet: auf einen “Gebäudehut”, eine bauliche “Kopfbedeckung” und damit auf ein identitätsstiftendes architektonisches Alleinstellungsmerkmal – nicht gerade ein Vorteil bei der Vermarktung der Wohnungen und bei der Wertbestimmung der Immobilien.

Pluspunkte für Lingang

Die über 50 km vom Shanghaier Stadtzentrum entfernte Neustadt Lingang ist verkehrstechnisch sehr gut erschlossen. Eine U-Bahn verbindet das am Ufer des Zentralsees zu lokalisierende “Zentrum” der Planstadt direkt mit der Innenstadt von Shanghai. Diese Form der Erschließung ermöglicht es, den Raum zwischen der ringförmigen Innenstadt und dem Ufer des Sees für vielfältige Freizeitangebote optimal zu nutzen. So begegnen dem Besucher im bebauten Teil der Innenstadt viele Menschen, Eltern und Kinder, die den Vergnügungsangeboten nachstellen. Belebt wird die Neustadt zusätzlich durch die Shanghai Ocean University mit ihren fast 20 Tausend. Studierenden. Hinzu kommen auch noch Schulen des Distrikts, Kindergärten und weitere soziale und medizinische Einrichtungen.

Bewegt man sich jedoch auf einem der radialen Boulevards nach außen, in Richtung der Peripherie der Neustadt, dann befindet man sich sehr schnell in untypischer Leere. Diese mag in der auf chinatypische Art pittoresk gestalteten Parkzone noch plausibel erscheinen.

Seltsam und für chinesische Verhältnisse ein wenig gespenstisch wirkt die Leere jedoch, wenn man sich noch weiter stadtauswärts bewegt. Die Nachbarschaften scheinen nun kaum noch frequentiert und vielfach leerstehend. Umso auffälliger wirken auf den Besucher Gruppen von Afrikanern, die dem Zentrum zustreben und offenbar in den umliegenden Siedlungen untergebracht sind. Vermutlich handelt es sich um Menschen, die im Tiefseehafen Yangshan oder in einem Unternehmen der Sonderwirtschaftszone arbeiten.

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Compound mit Umzäunung in Lingang
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Das Maritime Museum in Lingang

Schließlich liegt Lingang in unmittelbarer Nähe des Kopfes der ca. 32 km langen Brücke, die das Festland mit dem Hafen verbindet, einem der größten und modernsten der Welt. Auch sollte man nicht außer Acht lassen, dass sich Lingang Neustadt im Bereich einer prosperierenden Sonderwirtschaftszone befindet, die Menschen aus aller Welt anzieht.

Aus städtebautheoretischer Sicht sieht es nicht gut aus für Lingang. Nahrung erhält diese wissenschaftlich begründete Skepsis durch diverse, oben angeführte empirische Befunde. Es gibt jedoch auch, wie angeführt, entgegenwirkende Kräfte. Zu diesen zählt ganz prominent die Lokalisierung von Lingang in der gerade erwähnten Sonderwirtschaftszone mit ihrer Sonderverwaltung, ihren Steuervergünstigungen, ihren wirtschaftsliberalen Regeln (keine Pflicht zu ‘joint ventures’ für ausländische Firmen) und ihrer globalen Ausrichtung. Die zahlreichen Ansiedlungen von Unternehmen aus Übersee führen dazu, dass lokale und ausländische Arbeitskräfte Wohnraum nachfragen und sich mit ihren Familien hier ansiedeln. Damit der Zuzug ermutigt und auf Dauer gestellt wird, ist es allerdings erforderlich, eine Stadt zu bauen, in denen sich vor allem die Chinesen kulturräumlich wiedererkennen.

¹ In den ursprünglichen Plänen waren die rangniedrigen Radialstraßen als Haupterschließungs- und Zentralstraßen großer Quartiere bzw. von Stadtbezirken konzipiert. Diese Interpretation setzt jedoch voraus, dass die Gebäude allesamt ebenfalls radial ausgerichtet werden können. Da diese Sicht völlig unrealistisch ist, kommt es zu den genannten Quartierszonen. Die aktuelle Bebauung bestätigt diese Interpretation der Raumnutzung. Dass durch die Beschränkung des Siedlungsbaus auf die Sektoren die Probleme der radialkonzentrischen Grundstruktur keineswegs gelöst werden, steht auf einem anderen Blatt.

² Dazu die Ausführungen über das chinesische Hofhaus (Siheyuan) im Gewebe des Hutong in Hassenpflug, Der urbane Code Chinas, Basel 2013, Birkhäuser Verlag

³ Das Wort bezieht sich auf die Groma, ein römisches Vermessungsinstrument zur Absteckung rechter Winkel mit einem Holzkreuz und vier Loten, das häufig bei der Orientierung von Militärlagern, jedoch auch von Garnisonsstädten angewandt wurde.

Damit beenden wir unsere Betrachtungen von vier chinesischen Neustädten, von denen drei – der Chinesisch-Deutsche Ökopark von Qingdao, Anting Neustadt und Lingang Neustadt in Shanghai – eine deutsche Handschrift aufweisen. Wir bedanken und bei Leserinnen und Lesern für das Interesse und würden uns über Anmerkungen und Kommentare freuen.