Chinesische Neustädte IV – Anting New Town

Im vierten Beitrag unserer fünfteiligen Serie zu Planstädten in China wendet sich Dieter Hassenpflug unter dem Motto “Anting Reloaded” der von AS+P entworfenen Neustadt in Shanghai zu. Um Anting, vor geraumer Zeit noch ein viel beachtetes Sujet des nach China blickenden Feuilletons, ist es in den letzten Jahren still geworden. Zeit für eine Wiedervorlage, für einen erneuten Blick auf die inzwischen fertig gebaute Stadt.

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Masterplan Anting Neustadt von AS&P

 

Seit einigen Jahren schon scheint der Hype um die deutsche Stadt Anting in den deutschen Medien weitgehend abgeklungen. Es sieht so aus, als sei alles Wesentliche zu diesem spektakulären städtebaulichen Projekt gesagt worden. Die Gründe für die fortdauernden Leerstände, für die überall sichtbaren Qualitätsmängel wurden ebenso erörtert, wie die Zukunftsfähigkeit der Siedlung. Von spärlichen Ausnahmen abgesehen, in denen von Inkompetenz und Korruption seitens der chinesischen Projektentwickler oder von kulturbedingten Eigenarten potenzieller chinesischer Bewohner (“Aberglaube”) die Rede war, schien man sich im Feuilleton weitgehend auf die folgenden Ursachen für die dramatischen Leerstände zu verständigen: Effektive Anbindungen an das öffentliche Verkehrsnetz würden fehlen, beim Bau von Kindergärten und Schulen sei es zu erheblichen Verzögerungen gekommen, teilweise schlechte Bauausführung (Fenster, die beim Aufmachen herausfallen, rostende Treppengeländer usw.) hätten Imageschäden verursacht und schließlich seien auch die Wohnungspreise ‘nicht von schlechten Eltern’. Dies alles habe die zügige Besiedlung der ja eigentlich attraktiven neuen Stadt behindert. Da die genannten Missstände jedoch zu beheben seien und die regulatorische Kraft des Wohnungsmarktes ein Übriges zur Aktivierung des Zuzugs beitragen werde, sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich die Menschen von den Vorzügen der deutschen Stadt mit ihren bunten Häusern, den grünen Alleen, dem großzügigen Zentrum und vor allem von den Annehmlichkeiten der implementierten Klima- und Wärmetechnik (Blockheizkraftwerk, Mehrfachverglasung, Gebäudedämmung, Zentralheizung, Sonnenkollektoren, Solarpanels etc.) überzeugen lassen.

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Anting im Bau, Juli 2004

 

Und wo, was nicht gerade häufig geschah, auf spezielle Wünsche und Vorstellungen chinesischer Kunden eingegangen wurde, ermutigte man sich auch schon mal mit der Hoffnung, dass die Chinesen sich an die räumlichen und ästhetischen Eigentümlichkeiten der deutschen Stadt noch ‘gewöhnen’ würden. Hinzu käme, dass Anting etwas Besonderes sei, eine Planstadt, die für selbstbewusste Bürger ein beachtliches Potential an Distinktionsmöglichkeiten biete. Dennoch klingt es wie Pfeifen im Walde, wenn erst in jüngster Zeit, im April 2018, einer der an leitender Stelle verantwortlichen Architekten aus dem Hause AS+P vermeldet, Anting könne sich zu einem “Juwel” vor den Toren Shanghais entwickeln, nachdem nunmehr Verkehrserschließung und öffentliche Infrastruktur vorhanden seien.¹ Es fragt sich allerdings, ob dieser Optimismus berechtigt ist, ob er sich durch Fakten unterlegen lässt. Tatsache ist, dass im Frühjahr 2016 erst 20% der Wohnungen des ersten Bauabschnitts verkauft waren, ein für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich schlechter Wert. Auch ist Anting Neustadt, wie noch ausführlich beschrieben wird, noch weit von einer funktionierenden Stadt entfernt. Davon zeugen schon bei flüchtiger Betrachtung die ‘blinden’, leeren und verstaubten Fenster zahlreicher leerstehender Einzelhandelsflächen und Wohnungen im ersten Bauabschnitt, die drückende Abwesenheit von Menschen auf Straßen und Plätzen des ansonsten so dicht besiedelten, wuseligen chinesischen Stadtraums. Dabei sind die Anbindungen an das öffentliche Nahverkehrssystem, einschließlich Metro (seit 2014), mittlerweile sehr gut, Schulen und Kindergärten sind im Umfeld verfügbar, Einkaufsmöglichkeiten sind in Reichweite und sogar die Wohnungspreise sind für Shanghaier Verhältnisse moderat.

Warum aber “funktioniert” Anting trotz der inzwischen vorhandenen leistungsfähigen Infrastruktur immer noch nicht wie ein normales chinesisches Stadtquartier? Und weshalb mag sich immer noch keine Hoffnung auf nachhaltige Besserung einstellen? Der wichtigste Grund ist, so meine Hypothese, jener eklatante Mangel an interkultureller Kompetenz, der sich in dem Masterplan von Anting Neustadt manifestiert. So wurden durch diesen deutsche Lebens- gewohnheiten, Raumansprüche, Sichtweisen und Bewertungsmaßstäbe in ein Land projiziert, das in seinen Städten völlig andere Lebensgewohnheiten, Raumansprüche, Sichtweisen und Bewertungsmaßstäbe materialisiert. Projektives Sehen vermag jedoch nur zu erkennen, was ihm bereits bekannt und vertraut ist. Nicht zufällig liest man in westlichen Berichten von einer “Perle”, einer “schönen” oder auch “attraktiven” Stadt, deren Charme man sich nur schwer entziehen könne. Umso rätselhafter allerdings erscheint vor diesem Hintergrund, dass kaum Menschen in die Stadt ziehen und diese allmählich zu verwahrlosen droht. Aber so ist es mit der Projektion: sie kann ihren Gegenstand nicht er- bzw. begreifen. Sie ersetzt ihn durch Wunschwirklichkeiten. Der erwähnte Optimismus hinsichtlich der Zukunft von Anting erscheint demnach ebenso verständlich wie haltlos.

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Kopie des Weimarer Goethe-Schiller-Denkmals (2007)

 

Inzwischen klammern sich die Hoffnungen auch an die seit 2014 freigegebenen Bauabschnitte im östlichen Teil des Plangebiets. Ein 2007 im Verkaufspavillon von Anting ausgestelltes Stadtmodell zeigt, dass der zweite Teil der Neustadt den städtebaulichen Vorgaben des ersten Bauabschnitts weitgehend folgt, Anting mithin als “deutsche Stadt” komplettiert werden soll. Man erkennt zahlreiche Blockrandstrukturen, eine Fortsetzung geschwungener Straßenverläufe, eine weitgehend übereinstimmende Baudichte und Bauhöhe. Farblich und baulich abgesetzte Erdgeschossbereiche weisen darauf hin, dass auch hier das europäische Konzept der offenen, mischgenutzten Bebauung in zentralen Bereichen umgesetzt werden soll.

Dass zu jener Zeit noch an eine baustrukturelle Einheit gedacht wurde, erhellt auch dadurch, dass der zweite Teil der Neustadt kein eigenes Zentrum vorsieht. Dieser Teil orientiert sich vielmehr auf die im ersten Bauabschnitt vorgesehene Fiktion des europäischen Marktplatzes. Hinzu kommt, dass zum Zeitpunkt der Realisierung des ersten Bauabschnitts große Teile der erdgebundenen Infrastruktur (Wasserversorgung, Abwasser, Elektrizität, Energie, Kabel etc.) bereits eingebracht wurden. Es versteht sich von selbst, dass zwischen der europäischen bzw. deutschen Grundstruktur des zweiten Bauabschnitts und dem Verlauf von Rohren und Kabeln eine räumliche Beziehung besteht. Dieser Verlauf ist jedoch für eine chinesische Stadt eher ungeeignet und erfordert daher bei Umstellung auf eine chinesische Grundstruktur aufwändige Anpassungsmaßnahmen. Und diese Umstellung wurde dann ja auch tatsächlich vollzogen. Sie wurde vollzogen, als klar wurde, dass Anting Neustadt eine ‘Geisterstadt’ zu werden drohte.

Nun gibt es in China ja etliche ‘Geisterstädte’. Doch in der Regel ist es so, dass deren Wohnungen weitgehend oder sogar komplett verkauft sind. Die Wohnungen dienen in solchen Fällen als Spekulationsware und sollten nach dem Kalkül ihrer Eigentümer irgendwann ihre Bewohner finden. Basis dieses spekulativen Optimismus ist eine Urbanisierungsdynamik, die in der Weltgeschichte beispiellos ist und China in wenigen Jahrzehnten aus einer agrarisch dominierten in eine verstädterte Hochtechnologie-Gesellschaft katapultiert hat. Der Zustand ‘gespenstischer Leere’ ist hier definitiv ein vorübergehender. In Anting hingegen liefen schon von Anfang an die Wohnungsverkäufe eher schleppend. Und diejenigen, die zugriffen, mussten schon bald feststellen, dass sich die Wohnungspreise keineswegs wie erhofft entwickelten. Es gab mithin gute Gründe für die Annahme, dass finanzielle Engagements an diesem Ort riskant sind. Durch die verbesserte Anbindung an das Verkehrsnetz der Metropole Shanghai, durch Investitionen in Kinderbetreuungseinrichtungen, Schulen etc. änderte sich das chinesische Urteil allerdings kaum. Die ‘geisterhafte Leere’ blieb hartnäckig bestehen.

Um dies zu verstehen, müssen tieferliegende Ursachen in Erwägung gezogen werden. Diese Ursachen liegen dort, wo Anting Neustadt nach europäischen Vorstellungen entwickelt wurde – als eine Stadt, wie man sie so ähnlich heute in Deutschland bauen könnte, wenn es dazu einen Anlass und die benötigten Flächen gäbe. Bei Planung und Entwurf des ersten Bauabschnitts von Anting Neustadt folgten Albert Speer und Partner dem seit den späten 70iger Jahren des vergangenen Jahrhunderts virulenten Leitbild der ‘Europäischen Stadt’. Dieses nimmt Bezug auf eine städtebauliche Tradition, die sich im Zuge des aufblühenden Fernhandels seit dem frühen Mittelalter in ganz Europa allmählich herausbildete und in der Gründerstadt des 19. Jh. einen Höhepunkt und ein vorläufiges Ende fand. Zugleich haben die Architekten von AS+P versucht, diese Tradition mit den konzeptionellen und ästhetischen Vorstellungen der Moderne zu verbinden. Die wichtigsten räumlichen Charakteristika dieser reflexiven, Tradition und Moderne einander vermittelnden Stadtbaukultur sind:

– eine Zentralität, die durch das idealtypische Ensemble von Marktplatz, Rathaus und Kirche repräsentiert wird und in dieser Form die überragende gesellschaftliche Bedeutung der aus dem Handelskapital gespeisten Marktwirtschaft für die ‘raison d’être’ der Städte manifestiert,

– die kleinräumige Mischung von Funktionen, insbesondere von Einzelhandel und Wohnen, jedoch auch von politischen, spirituellen, caritativen, geistigen und verkehrlichen Nutzungen, die ebenfalls durch das Zentrum verräumlicht werden,

– die parzellierte Form der Blockrandbebauung, die den Primat des familienbasierten Privatbesitzes an städtischem Grund und Boden anzeigt. Die Organisation der Parzellen in Blöcken bewirkt, dass es keinen ausgeprägten Vorrang in der Orientierung der Gebäude nach Himmelsrichtungen gibt.

– die Herausbildung eines Fassadenkultes, der die Evolution des öffentlichen Stadtraums begleitet. Das Angebot einer ansehnlichen Fassade entwickelte sich zu einer Art von Bürgerpflicht. Es entstand eine Kultur der “Bühnenbilder”, die die öffentlichen Funktionsräume, Straße und Platz, sozial und ästhetisch aufwerteten.

– ein Stadtgrundriss, in dem das Wegesystem lokalen topografischen Gegebenheiten weitgehend angepasst ist, was “krumme” Straßenverläufe nach sich zieht. Der gebogene Straßenverlauf wurde im Laufe der Zeit so dominant, dass er sich zu einer ästhetischen Leitvorstellung im mittelalterlichen Städtebau verfestigen konnte.

AS+P folgen mit ihrer Idee der Deutschen Stadt in China den genannten Charakteristika weitgehend. So zeigen die Pläne von Anting ein artikuliertes, prägnant herausgearbeitetes Zentrum mit Platz, Kirche und “Rathaus”, wobei das Rathaus durch den “Campanile” eines Einkaufszentrums symbolisiert wird. Vorgesehen sind zudem eine nahezu flächendeckende Mischnutzung von Wohnen und Einzelhandel, eine orientierungsfreie Blockrandbebauung mit der Simulation kleinteiliger Parzellenstrukturen, die Ausstattung von straßenseitigen abstrakten Giebelfassaden und nicht zuletzt gebogene Straßenverläufe.

Dieses europäische Konzept kann in China nicht funktionieren. Denn die tradierten und zugleich vorherrschenden Leitbilder des in hohem Maße reflexiven chinesischen Städtebaus verlangen nach einer deutlicheren Zonierung, insbesondere nach einer auch kleinräumig organisierten Trennung der Wohnnutzung von anderen städtischen Funktionen. Auch die Parzellierung des Grundeigentums findet in der seit jeher stark familiär bzw. kollektivistisch orientierten, konfuzianisch und daoistisch geprägten chinesischen Gesellschaft kein Gegenüber. Chinesische Stadtbewohner mögen als Halter von Bodennutzungsrechten zwar Besitzer von Grund und Boden sein, nie jedoch deren Eigentümer. Nahezu ununterbrochen leben sie in geschlossenen Quartieren bzw. Nachbarschaften.

In der Vergangenheit waren die Häuser der Senioren aus klimatischen, spirituellen (Feng Shui) und den familiären Status betreffenden Gründen nach Süden orientiert. So sollten auch heute die Wohnungen der neuen Mittelschicht, die die einstigen Privilegien der Senioren adoptieren, nach Süden ausgerichtet sein. Eine Blockrandbebauung ist damit ausgeschlossen. Hier stoßen wir auch auf einen der entscheidenden Gründe, weshalb der moderne, aus Europa über Russland nach China gewanderte südorientierte Zeilengeschossbau im Reich der Mitte auf so fruchtbaren Boden traf.

Auch die Vorstellungen von städtischer Zentralität sind durch Traditionen geprägt, die wenig mit europäischen Leitbildern zu tun haben. In China verbindet sich die Idee städtischer Zentralität nicht mit derjenigen von öffentlichem Raum und bürgerschaftlicher Isonomie (Rechtsgleichheit), sondern mit kosmologischen Regeln und sozialer Hierarchie. Dem entsprechend dominiert eine lineare Vorstellung von räumlicher Zentralität. Diese deutet das städtische Zentrum als Achse, die hierarchisch gegliederte Räume organisiert. Wie in den beiden ersten Beiträgen unserer Baumeister-Reihe über chinesische Planstädte am Beispiel von Liaodong Bay New Town dargestellt, spielt das lineare Zentrum als Achse oder auch als urbaner Korridor wieder eine große Rolle im Städtebau.

Auf eine Zonierung von Wohngebieten einerseits und Einzelhandels- und Kleingewerbeflächen andererseits wurde in Anting konsequent verzichtet. So verfügen fast alle Wohngebäude der Planstadt in den Erdgeschossen über Einzelhandels- und Gewerbeflächen. In der Konsequenz bedeutet diese Entscheidung, dass alle Straßen öffentlich zugänglich sein müssen. Und so ist es dann auch geschehen: Anting Neustadt wurde eine offene Stadt – und genau darin genuin europäisch bzw. deutsch. Zäune, Mauern, Barrieren, mit Schlagbäumen und Rollgittern versehene, bewachte Tore waren nicht vorgesehen.

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Pseudo-Campanile des zentralen Kaufhauses

 

Diese Offenheit steht jedoch in krassem Widerspruch zu den Wohnansprüchen chinesischer Bürger. Diese nämlich wünschen in abgeschlossenen Räumen zu leben, in nach innen orientierten, mit eigenen, vom öffentlichen Raum abgetrennten Gemeinschaftshöfen und Erschließungssystemen ausgestatteten und in einheitlicher Architektursprache gestalteten Nachbarschaften. Diesen Ansprüchen kann Anting Neustadt nicht genügen: denn Offenheit, Mischnutzung, Blockrandbebauung und die dadurch bedingte Orientierungsfreiheit, Extravertiertheit und variable, individualisierte (parzellenbezogene) Architektursprache, stehen den chinesischen Ansprüchen an den Stadtraum im Wege. Anders gesagt: Es fehlt an Abgeschlossenheit, Introvertiertheit, Südorientierung, Zonierung (insbesondere die Trennung von Wohnen und Einzelhandel betreffend) und nicht zuletzt an einer quartiersbezogenen Architektursprache, die sich für die Bildung einer kollektiven, nachbarschaftlichen Identität anbieten könnte. Statt emotional erwünschter exklusiver Gemeinschaftshöfe bietet Anting Neustadt öffentliche Räume. Diese werden von Chinesen als fremde Bilder bestaunt und, sofern benötigt, in funktioneller Hinsicht auch respektiert. Eine weitergehende Wertschätzung als Symbole städtischer Freiheit wird ihnen allerdings nicht entgegengebracht. Denn die wichtigen Räume sind nun einmal familiärer, kollektiver, gemeinschaftlicher Natur – und nicht Räume, in denen Individuum und Gesellschaft sich verräumlichen. Öffentlicher Raum in zivilgesellschaftlicher Bedeutung besitzt in China keine Tradition.

Natürlich wurde den verantwortlichen Akteuren des Baus von Anting Neustadt schon recht bald klar, dass Handlungsbedarf besteht: die Stadt musste chinesischer werden, vor allen Dingen mussten die Wohnquartiere eingehegt und abgeschlossen werden. Dabei durfte jedoch die Offenheit der Zugänge für den Einzelhandel nicht beeinträchtigt werden. Das ist allerdings ein Ding der Unmöglichkeit; denn wie kann ein Raum gleichzeitig geschlossen und offen sein? Irgendwann glaubte man jedoch, einen Weg aus diesem Dilemma gefunden zu haben. So wurden die einzelnen Quartiere an den Haupterschließungsstraßen mit kleinen Wachhäuschen nebst dezenten Schlagbäumen ausgestattet. Doch die Strategie der Miniaturisierung der Tore scheiterte. Denn den Widerspruch zwischen der zwingend erforderlichen Offenheit für die Einzelhandelsflächen einerseits und der notwendigen Geschlossenheit der Wohnbereiche andererseits vermochten sie nicht aufzulösen. So wenig sie die fehlende Einhegung der Wohnquartiere kompensieren können, so deutlich signalisieren sie dem Einzelhandel und seiner Kundschaft, dass das Passieren der Tore ein Eindringen in exklusive Nachbarschaftsräume bedeutet.

So mangelt es den Wohnungssuchenden in Anting Neustadt an einem räumlich erfahrbaren Sicherheitsversprechen und an erwartbarer Zugehörigkeit zu einer identitätsverbürgenden Nachbarschaft. Und den Einzelhändlern und sonstigen Gewerbetreibenden fehlen die für gedeihliche Umsätze unverzichtbaren offenen Räume. So fremd den Chinesen das Wohnen in offenen Stadträumen ist, so dringend benötigt der Einzelhandel offene, frei betretbare, durchlässige Stadträume. Wo europäische Städte den Gegensatz von privatem und öffentlichem Stadtraum vergegenständlichen, sind chinesische Städte um den Dualismus von gemeinschaftlichem (geschlossenem) und offenem Stadtraum herum organisiert. Dieser fundamentale Unterschied wurde in Entwurf, Planung und Bau der Neustadt Anting übersehen.

So manövrierten die verantwortlichen deutschen und chinesischen Städtebauer und Projektentwickler sich in eine ausweglose Lage. Ein Baustopp für die zweite Hälfte der Stadt wurde verfügt. Es musste nachgedacht, neu konzipiert und gegebenenfalls mit neuen Köpfen weitergemacht werden. Nachdem der Anschluss an die gut 30 km entfernt liegende Innenstadt von Shanghai durch die Metro gesichert war, haben sich die zuständigen Autoritäten von Shanghai zur Fertigstellung der Planstadt durchgerungen – und es ist städtebautheoretisch von höchstem Interesse, wie hinfort gebaut wurde und wie sich die 2018 kurz vor dem Abschluss der Bauarbeiten stehende Neustadt präsentiert.

Nun, anstatt eines ergänzenden, die vorhandenen baulichen und räumlichen Strukturen weiterführenden Bauabschnitts, finden wir zwei neue Stadtteile. Beide unterscheiden sich baulich und räumlich stark von dem ersten. In der Gesamtbetrachtung erscheint es sogar sinnvoll, von drei eigenständigen Teilstädten zu sprechen. So gibt es nun einen ersten Bauabschnitt, die “deutsche Stadt”, einen zweiten Bauabschnitt, bei dem es sich um eine Art “hybride”, „deutsch-chinesische Ergänzung” der deutschen Stadt handelt und schließlich einen dritten, chinesischen Bauabschnitt. Durch die zwei neuen Quartiere wird das zuvor periphere Zentrum von Anting Neustadt dorthin gerückt, wo es hingehört: in den Mittelpunkt der Neustadt. Doch nicht nur der “Marktplatz” unterstreicht die räumliche Zuordnung der beiden neuen Quartiere, sondern auch der als visueller Mauerersatz dienende, von Bäumen gesäumte Wassergraben, der die gesamte Planstadt umgibt. Ansonsten haben die neuen Quartiere mit der deutschen Stadt wenig zu tun – sieht man von ein paar Äußerlichkeiten ab.

So gleicht der zweite, an das Stadtzentrum angrenzende Bauabschnitt eher einer typischen chinesischen Nachbarschaft. Die Geschossbauten sind als Zeilenbauten in einer durchgängig einheitlichen Architektursprache ausgeführt und allesamt nach Süden ausgerichtet. Eine orientierungsfreie Blockrandbebauung existiert ebenso wenig wie eine Struktur der Mischnutzung oder öffentliche Plätze. All dies wurde zugunsten eines monostrukturierten Wohnquartiers aufgegeben. Da eine Einhegung der Siedlung mit Mauern und Toren die Einheit der Planstadt an dieser Stelle jedoch allzu sehr beschädigt hätte, wurden ein paar Ersatzbarrieren errichtet. Dazu zählen etwa das pittoresk inszenierte Gewässer, das die Mitte Antings in Nord-Süd-Richtung durchzieht und die überaus zahlreichen Videokameras auf allen Wegen und an den Toren an den Zufahrten zu den Tiefgaragen an der Haupterschließungsstraße. Diese wiederum trennt den zweiten und dritten Bauabschnitt voneinander. Deutsch ist an dem zweiten Bauabschnitt vielleicht nur noch die – allerdings serielle – Entwurfssprache der Wohnzeilen, die Satteldächer und die funktionalistische Ästhetik galerieartig verglaster, dekorloser Fassaden. Vermutlich sollen diese Gestaltungselemente auf einen in Deutschland bevorzugten Baustil verweisen.

Vergleichbares gilt auch für den dritten Bauabschnitt. Auch hier handelt es sich um mindestens eine bewachte chinesische Nachbarschaft, eine ‘gated community’. Dieser wurde ein deutsches Thema (deutsche Musik, deutsche Instrumentenhersteller, deutsche Konzerthallen) als Imageträger und Identifikationsangebot äußerlich angeheftet. Dokumentiert wird diese Intention u.a. durch eine “Bayreuth Concert Hall” und ein “Schimmel Music Cloister” (beides in Englisch).

. Auch hier finden wir ansonsten eine einheitliche Architektursprache, strikte Südorientierung, exklusive Erschließungsstrukturen und Gärten. Von Mischnutzung und offener Stadt keine Spur. Wer hinein möchte, muss sich anmelden.

Sozialräumlich haben die neuen Quartiere mit dem ersten Bauabschnitt nichts mehr zu tun. So zerfällt Anting Neustadt in zwei übergeordnete Teile, einen “deutschen” und einen “chinesischen”, wobei der zweite Teil selbst wieder in zwei klar unterscheidbare Quartiere auseinanderbricht. Diese Unterschiedlichkeit ist dieselbe, der wir begegnen, wenn wir zwei beliebige Compounds (Nachbarschaften) irgendwo in China miteinander vergleichen. Diese unterscheiden sich immer in der verwendeten einheitlichen (seriellen) Entwurfssprache, in der Wertigkeit der Bauausführung, der Namensgebung und in den angebotenen Annehmlichkeiten und Services. Aufgrund ihrer besonderen Lage und städtebaulichen Rolle als Teil einer “deutschen Stadt” sind die beiden neuen chinesischen Nachbarschaften jedoch genötigt, auf die eine oder andere Weise den Anschluss an das Gesamtprojekt (“deutsche Stadt”) zu finden.

Begeben wir uns auf einen Stadtspaziergang in der Absicht, Anting Neustadt einmal diagonal zu durchqueren. Wenn wir Anting von der Ortsgrenze an der Anzhi Road her betreten, passieren wir zunächst eine von großen Bäumen stark verschattete, geradezu verdunkelte schmale Allee, um nach wenigen Minuten den für das Image Antings wichtigsten Ort zu betreten. Es handelt sich um den barock anmutenden Platz mit der Kopie jenes Goethe/Schiller-Denkmals, das im Original den Platz vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar ziert. Die Skulptur erinnert an Episoden während der Planung und Realisierung der Neustadt, in denen die Projektverantwortlichen darauf verfielen, das Image der Klassikerstadt und des in Weimar gegründeten Bauhauses für die Vermarktung der Flächen von Anting Neustadt zu nutzen. Diese Ideen entstanden, nachdem die zuvor gestarteten Versuche gescheitert waren, Kopien von Teilen des klassizistisch geprägten Weimar hinzustellen. Es ist wohl vor allem dem federführend mit dem Masterplan beauftragten, kürzlich verstorbenen Architekten und Städtebauer Albert Speer (junior) zu verdanken, dass diese für chinesische Verhältnisse keineswegs abwegigen Ideen nicht umgesetzt wurden. So blieb als Kopie nur das Goethe/Schiller-Denkmal.

Das feucht-warme, subtropische Klima Shanghais hat den beiden literarischen Helden bereits schwer zugesetzt und die Skulptur mit einer blass-grauen Schicht aus Staub und Algen überzogen. Der einst schwarze Sockel, der das Denkmal in eine erhabene Position rückte, ist verschwunden und wo vorher ein steinernes Rondell die Skulptur fokussierte, befindet sich nun ein belangloser Rasen. Goethe und Schiller stehen nun also auf einer kleinen grünen Insel und wirken noch deplatzierter als zuvor. Die ursprünglich barock anmutende Zurschaustellung ist schwer angegriffen.

Die inszenatorische Abwertung (um nicht das böse Wort von der Verwahrlosung zu gebrauchen) des Denkmals passt zu einer Transformation des baulichen Kontextes, die bereits vor 10 Jahren mit dem Bau von Zufahrtsschranken für die sternförmig auf den Goethe/Schiller-Platz zulaufenden Straßen begann. Der Platz verlor dadurch seine für Anting indentitätsstiftende öffentliche Funktion und wurde statt dessen auf den exklusiven Innenhof einer allerdings unklar definierten Nachbarschaft reduziert.

Diese Nachbarschaft ist allerdings nicht nur räumlich unscharf, sondern zugleich sozial kaum existent. Der Eindruck der Vernachlässigung, den der Goethe/Schiller-Platz verbreitet, findet seine Fortsetzung nämlich in der Leere, Leblosigkeit und Abwesenheit von Menschen im umliegenden Quartier, in den zahlreichen stumpf blickenden, leeren Schaufenstern der Erdgeschosse und den vielen verstaubten Fenstern in den oberen Etagen. Verstärkt wird dieser Eindruck der Unbehaustheit des Quartiers durch die zwar ambitionierte, jedoch offensichtlich missratene Ansiedlung eines Fanshops des FC Bayern München vis-a-vis der Goethe/Schiller-Statue. Vermutlich schon eine ganze Weile steht der Laden leer, denn die Beschriftungen und Reklametafeln sind verblasst, verstaubt und zeigen Rostflecken.

Nur wenige Minuten Fußweg sind es auf leeren, von Moos und Algen grünlich gefleckten und von allzu dicht stehenden großen Bäumen verdunkelten Straßen und wir nähern uns dem Zentrum der deutschen Stadt. Die Planer um Albert Speer haben Wert darauf gelegt, der Neustadt eine europäische ‘Stadtkrone’ aufzusetzen. Dabei orientierten sie sich, wie bereits ausgeführt, an den historischen Vorbildern des klassischen Zentrums der europäischen Stadt mit ihrer charakteristischen Einheit von Markt, Kirche und Rathaus. Da ein Rathaus offenbar nicht benötigt wurde, hat man einem Kaufhaus einen Campanile als Substitut für den fehlenden Rathausturm beigestellt. Das Kaufhaus steht, wenig überraschend, leer. Allerdings gibt es eine ‘echte’ Kirche, die, wie mir mitgeteilt wurde, auch genutzt wird. Entworfen wurde sie in einer strengen, von kantigen Säulen gefassten und um einen spirituellen Ausdruck ringenden Formensprache von GMP.

Der ‘Marktplatz’ selbst ist viel zu weiträumig, um als intimer, urbaner Ort erlebbar zu sein. Dem Platz fehlt das menschliche Maß. Verstärkt wird der Eindruck der Leere noch durch den Mangel an anwesenden Menschen. Die Fassaden der angrenzenden wuchtigen Gebäude wirken streng, dunkel, abweisend und sind daher als rahmende “Bühnenbilder” für einen zivilen Stadtplatz eher ungeeignet. Vermisst werden jene Intimität, Atmosphäre und Bühnenhaftigkeit, die den klassischen europäischen Marktplatz, die Piazza oder Plaza, typischerweise ausmachen. Der Platz ist nicht nur zu groß, um als Marktplatz durchzugehen; ihm fehlen auch angemessene Rahmung und Inszenierung.

Um dem Eindruck allzu spürbarer Weitläufigkeit entgegenzuwirken, hat man eine gewaltige Dachkonstruktion auf dem Platz errichtet, die auch bei schlechten Wetterverhältnissen Aufenthaltsmöglichkeiten bieten soll. Teils unter, teils neben dem Zeltdach wurden Spielgeräte aufgebaut, um durch das Lachen, Rufen und Schwatzen von Kindern ein wenig Leben auf den Platz zu bringen. Doch angesichts der beschriebenen Situation wirken die Lebensäußerungen der wenigen Kinder und der sie beaufsichtigenden ‘Nannies’ oder Eltern eher als Verstärker der beklemmenden Leere und Stille.

Zum zweiten Bauabschnitt gelangen wir, indem wir rechts an der Kirche vorbei und danach über eine Brücke gehen, die im Zickzack Parkwiesen und ein Gewässer überspannt. Wir erreichen eine Nachbarschaft aus mehrgeschossigen reinen Wohngebäuden, deren obere Hälften sich mit ihren Grau- und Brauntönen von den hellen, teilweise auch in Pastellfarben bunt angestrichenen Sockeletagen absetzen. Die grauen Satteldächer mit den großen Atelierfenstern sind vermutlich als Referenz an die ‘deutsche Stadt’ zu interpretieren. Vergleichbares gilt für das Design der standardisierten Gebäudehülle insgesamt, die mit ihrer starken Verglasung, der nüchternen, funktionalistisch anmutenden Entwurfssprache ‘deutsche Architektur’ zu konnotieren vorgibt. Alle Gebäude sind nach Süden orientiert. Auf Blockrandbebauung wurde ebenso verzichtet, wie auf eine Mischnutzung von Wohnen und Einzelhandel.

Wasser, Park, versteckte Zäune, die Erschließungsstraße, die den 2. und 3. Bauabschnitt trennt, ein paar bewachte Tore an den Autozufahrten und eine üppige Ausstattung an Videokameras entlang der Fußwege und Promenaden sorgen für die von chinesischen Bürgern geforderte Sicherung der Nachbarschaft. Die Bauausführung wirkt qualitativ Minderwertig – ein in China leider immer noch häufig anzutreffender Zustand. Dieser wird allerdings, wenn sich das Land weiterhin so schnell entwickelt, wie in den vorausliegenden vierzig Jahren, schon bald der Vergangenheit angehören.

Vollends von dem ursprünglichen Konzept der deutschen Stadt verabschiedet hat sich der von dem bekannten chinesischen Projektentwickler Vanke entwickelte 3. Bauabschnitt. Da die Architektur, mit Ausnahme der Sattel- und einiger Pultdächer, die das Thema ‘deutsche Stadt’ offenbar verlangt, wenig an gestaltungsbezogenen Distinktionsmöglichkeiten für eine klar umrissene Nachbarschaft bietet, wurde dieser hier das Thema ‘deutsche Musik’ übergestülpt.

Wir betreten den Vanke-Compound durch ein repräsentativ gestaltetes bewachtes Tor, das in großen weißen Buchstaben auf schwarzem Grund in englischer (!) Sprache ankündigt, das man im Begriff sei, die ‘Bayreuth Concert Hall’ zu betreten. Kaum durften wir nach einem freundlichen Check durch das Wachpersonal die Nachbarschaft betreten, treffen wir auf einen gleichfalls repräsentativ inszenierten, kleinen, wie soll man sagen: “Tempel”, der in der gleichen Typografie und Sprache wie zuvor, sich als ‘Schimmel Music Cloister’ zu erkennen gibt. Nun ja, wenn man weiß, dass der traditionsreiche Braunschweiger Flügel- und Klavierfabrikant inzwischen in chinesischem Besitz ist, dann könnte dieses seltsame Arrangement mit der stählernen Flügelskulptur in der Mitte als Werbemaßnahme durchgehen. Honi soit qui mal y pense. In unmittelbarer Nachbarschaft zum Musik-Kloster finden wir auf einer Wiese verstreut noch die weltmeisterlichen Akteure der deutschen Fußballnationalmannschaft – im Gartenzwergformat.

Wendet man sich in Richtung ‘Music Valley’, stößt man schon nach kurzer Zeit auf die mit großen Tafeln verhängten Absperrungen eines noch im Bau befindlichen Areals. Auch diese Tafeln verkünden Weisheiten zum Thema ‘Musik’. Dies geschieht jedoch nicht, wie eigentlich zu erwarten, in deutscher Sprache, sondern in schönstem ‘Chinglish’. Kostprobe: “Music makes a qualities of race higher and expensive, where have music, where enjoy to melt!” Ja, so kann man das auch sehen…

Fazit: Anting Neustadt wurde irgendwie doch noch zu Ende gebaut. Dies geschah in zwei zusätzlichen Bauabschnitten. Letztlich handelt es sich bei beiden um typische chinesische Nachbarschaften. Das Deutsche an ihnen ist Firnis, sind Äußerlichkeiten nach Art von Themen (“Musik”; “Fußball”) und Gestaltungselementen (Pult- und Satteldächer; nüchternes, funktionalistisch anmutendes Design). Wie durch den ersten Teil der Neustadt vorgegeben, hat man auch in Teil II und III auf Kopien deutscher Gebäude und Ensembles verzichtet. Da es sich bei den beiden neuen Quartieren um Compounds handelt, ist davon auszugehen, dass die Siedlungen von Chinesen angenommen werden – im Unterschied zur offenen Stadt Albert Speers mit ihrer Mischnutzung, den fehlenden Einhegungen usw. Allerdings zeigt der zweite Bauabschnitt, obschon neu, bereits etliche Baumängel. Im Vorbeigehen ist allerdings schwer abzuschätzen, wie gravierend die Mängel tatsächlich sind und welchen Einfluss diese auf die Vermarktung der Wohnungen haben.

Das Hauptproblem der gesamten Planstadt ist der erste Bauabschnitt, die “deutsche Stadt”. Deren offene, mischgenutzte, organische und orientierungsfreie Struktur ist den Chinesen völlig fremd. Alle Versuche, die Offenheit und Mischnutzung durch Maßnahmen wie Tor-Miniaturen, attraktive Marken (“Bayern München”), Initiativen zur Belebung des zentralen Marktplatzes, Infrastrukturangebote usw. zu konterkarieren, sind bislang offensichtlich gescheitert. Denn diese Maßnahmen, Vorrichtungen und Angebote sind außerstande, den fundamentalen Konflikt zwischen introvertierter Wohnnutzung und extrovertierten Gewerbeflächen beizulegen. Anting Neustadt wird wohl eine Geisterstadt bleiben – mit allen bitteren Konsequenzen für die urbane Stabilisierung der neu gebauten Quartiere. Eine Perspektive könnte vielleicht die in China verbreitete Verwendung westlicher Gebäude und Ensembles als romantische Kulisse für Hochzeitsfeiern und Shootings aller Art bieten. Doch dafür, so muss befürchtet werden, ist Anting Neustadt stilistisch zu modern und nüchtern geraten.

Man darf also gespannt sein, ob irgendwann das Wort vom Abriss bei den verantwortlichen kommunalen Institutionen aufkommt. Ein Niederreißen und Einebnen der deutschen Stadt wäre übrigens keineswegs außergewöhnlich. Man denke etwa an die komplette Schleifung von “Holland Villa” in Shenyang im Jahre 2009, eine von Touristen gut besuchte “Geisterstadt” voller niederländischer Imitate, die es nach Größe und Fläche locker mit Anting Neustadt aufnehmen konnte. Keineswegs selten werden in China zudem neue Compounds zum Verkauf gestellt und kurzfristig wieder komplett abgerissen, wenn sich das Kundeninteresse als ungenügend herausstellt. Bereits die fehlende oder unzureichende Beachtung von baulichen Regeln des Feng Shui kann dafür der Auslöser sein – und erst recht natürlich ein räumlicher “Text”, der von chinesischen Bürgern nicht entziffert werden kann. In Anting Neustadt bestätigt sich wieder einmal: Chinesen sind, bei aller überschwänglichen Aufgeschlossenheit für das Moderne und Neue, zugleich zutiefst konservativ, wenn es um räumliche Formen und Arrangements geht, die ein ‘gutes Leben’ verheißen und unterstützen.

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Starbucks Café in Anting: Wie lange noch?

1 Vgl. den Artikel in der Thüringer Landeszeitung (TLZ) vom 14.04.2018: “German Town: Von der Geisterstadt zum Juwel vor Shanghais Toren”

Im kommenden und zugleich letzten Beitrag der Serie zu Planstädten in China im Baumeister Blog befasst sich Dieter Hassenpflug unter den Titel “Idealstadt Lingang” kritisch mit der von GMP entworfenen und noch im Bau befindlichen Retortenstadt Lingang in Shanghai-Pudong.