20.07.2021

Wohnen

Die Achse der Maya

von Sophie Charlotte Hoffmann

Casa Mérida

Bei der Casa Mérida auf der Halbinsel Yucatán in Méxiko treffen rohe Materialien und klare Formen aufeinander. Das Projekt von Ludwig Godefroy untersucht dabei das Verhältnis von traditioneller und moderner Architektur.

Foto: Rory Gardiner

Traditionelle Baukultur

 

Mérida, die „weiße Stadt“, ist die Hauptstadt von Yucatán und Zentrum der Maya-Kultur. Hier herrscht feuchtwarmes Klima mit Höchsttemperaturen von bis zu 40 Grad. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich aufgrund der klimatischen Bedingungen eine höchst zweckmäßige architektonische Typologie entwickelt. Diese in Mérida gängige Architektur basiert im Wesentlichen auf einer natürlichen Querlüftung unter hohen Decken. Die Räume darunter, terrassenartig miteinander verbunden, lassen die Luft durch das gesamte Haus strömen. So entsteht ein natürliches Belüftungssystem.

Heutzutage laufen jedoch auch in Mérida die Klimaanlagen auf Hochtouren, ein Leben ohne sie ist für Einheimische und Touristen kaum vorstellbar. Klimaanlagen ermöglichen jegliche Bauform. So hat man sich von der ursprünglichen Art des Bauens abgewandt. Die ursprünglich regionale Baukultur erfährt nur noch wenig Beachtung.

Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner

Antike Elemente neuinterpretiert

 

Zwischen eingeschossigen Putzbauten, farbigen Eingangstoren, Palmen-Dschungel und breitem Straßenraum liegt die Casa Mérida, ein Einfamilienhaus des Architekten Ludwig Godefroy. Das Grundstück, lang und schmal, misst 80 Meter in der Länge, aber nur acht Meter in der Breite. Begrenzt wird das Baufeld, das sich nach außen geschlossen und abweisend gibt, von Mauern aus Naturstein. Ein schwarzes Tor bildet den Eingang zum Wohnhaus.

Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner

 

Bei seiner ersten Besichtigung des Grundstücks kam dem französischen Architekten mit Sitz in Mexiko die Idee: Eine Achse, die das gesamte Baufeld von der Eingangstür bis zur rückwärtigen Grundstücksgrenze durchquert. Inspiration lieferte ihm die Maya-Kultur. Die “Sacbé”, schnurgerade Wege, verbanden im Maya-Reich wichtige Orte, Tempel, Plätze oder Pyramiden, miteinander. Einige dieser gepflasterten Straßen besaßen eine Länge von mehr als 100 Kilometern.

Foto: Rory Gardiner

Die Wand als Hauptelement

 

Das zentrale Entwurfselement der Casa Mérida ist die Betonwand. Diese verläuft quer über das Grundstück, organisiert das Haus und gliedert es in Abschnitte. Die Wand aus Sichtbeton dient jedoch nicht nur der Grundrissorganisation, sondern trägt auch die darüber liegenden Dachplatten. Entlang der Betonmauer sind alle Funktionen aufgereiht: Schlafzimmer mit Badezimmer, Aufenthaltsbereiche und Wohnzimmer mit Küche. Die Individualräume, Schlafzimmer mit Badezimmer, liegen im Dunkeln, geschützt vor Sonne und Hitze. Hier und da setzt Godefroy bewusst Höfe, Freibereiche, Terrassen und bricht damit die Raumabfolge auf. Die Architektur weicht zurück, wo die Vegetation Raum einfordert. So bilden gebauter Raum und vorgefundene Struktur eine Einheit, sie ergänzen sich zu einem symbiotischen Nebeneinander.

Auch beim Raumprogramm und der Anordnung der verschiedenen Nutzungen sucht Godefroy, der sich im Rahmen des Entwurfsprozesses intensiv mit der regionalen Baukultur auseinandergesetzt hat, den Link zur Tradition. Im historischen Zentrum von Mérida sind die Aufenthaltsräume der Wohnhäuser am Grundstückseingang, zwischen Straßenraum und innenliegendem Hof, verortet. Godefroy kehrt das Prinzip um: Er positioniert den Wohnbereich mit Küche am Ende des Grundstücks. Hier sind die Bewohner geschützt vor äußeren Einflüssen wie Einblicken und Lärm. Der Pool bildet den Abschluss.

Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner

Dekonstruktivistischer Ansatz

 

Godefroy bedient sich geometrischer Formen und Figuren, lässt Dreieck, Kreis, Rechteck überlagern und verschneidet sie miteinander. Die Casa Mérida ist eine Art Sammelsurium an formalistischen Elementen – spannend anzuschauen, aber zugleich auch stellenweise etwas beliebig daherkommend und keinem klaren Konzept beziehungsweise Muster folgend.
Back to the roots: Wichtig war dem Architekten, das Wohnhaus autark zu gestalten. Die überdimensionierten Regenrinnen fangen das viele Wasser, das während der Regenzeit fällt, auf. Gespeichert wird es in Zisternen im Erdreich. Photovoltaikanlagen auf den Flachdächern versorgen das Gebäude mit Energie.

Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner
Foto: Rory Gardiner

Materialität

 

Der Architekt verzichtet gänzlich auf Fensterelemente. Im Ergebnis wird innen zu außen und außen zu innen, Grenzen verschwimmen, Räume fließen. Somit zirkuliert auch die Luft durch das gesamte Gebäude, gleich dem traditionellen Konzept der natürlichen Klimaanlage. Das vorherrschende Material ist grober Sichtbeton, das Schalungsbild ist klar ablesbar. Warme Akzente setzt Godefroy mit hölzernen Sonnenschutz- und Türelementen. Die verwendeten Materialien sind einfache, kostengünstige Baustoffe. Sie verleihen dem Gebäude eine rohe Atmosphäre sowie kühle Klarheit. So entsteht ein Ort der Ruhe, ein Refugium im städtischen Kontext, das das Verhältnis von traditioneller und moderner Architektur untersucht.

Alle Fotos: Rory Gardiner

In einem Dorf im Tessin steht eine Villa, die nicht nur formal an eine Betonpyramide erinnert, sondern ihre Bewohner fast wie ein Pharaonengrab von der Außenwelt abschirmt – das „Pyramid House“ des Architekturbüros DFDC .

 

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