14.09.2020

Gewerbe

Bürogebäude aus Holz von Snøhetta

von Fabian Peters

Große Ausschnitte im Rankgitter sorgen dafür

 

Südlich von Innsbruck baute das Architekturbüro Snøhetta ein Holzhaus als Firmensitz für einen nachhaltig denkenden Reiseveranstalter. Der Neubau ist gleich in mehrfacher Hinsicht auf Wachstum ausgelegt.  

 

 

Als Hannes Gasser 1963 die Alpinschule Innsbruck gründete, war das Wort Klimawandel noch nicht erfunden. Gasser wollte den Menschen die unmittelbare Erfahrung der Natur vermitteln, die Augen für ihre Schönheit öffnen. Bei Bergwanderungen und Hüttenübernachtungen sollten sie die Faszination der Bergwelt erfahren. Heute ist ASI Reisen, wie das Unternehmen inzwischen heißt, ein arrivierter Reiseveranstalter mit knapp 60 Mitarbeitern. Aber noch immer steht die Naturerfahrung im Mittelpunkt des Angebots. Und deshalb ist das Thema Nachhaltigkeit für ASI elementar. So kompensiert der Veranstalter beispielsweise den gesamten CO2-Ausstoß, den seine Reisen verursachen. Als die bisherigen Räumlichkeiten für ASI zu klein wurden und man einen Neubau ins Auge fasste, spielte daher das Thema Umweltverträglichkeit eine entscheidende Rolle. Mit dem Auftrag wandte sich das Unternehmen an die Innsbrucker Dependance des Osloer Architekturbüros Snøhetta.

Das Metallgerüst vor der Holzfassade trägt nicht nur die Rankgitter, sondern trägt auch die umlaufenden Laubengänge. Foto: Christian Flatscher
Einer der Besprechungsräume im ASI-Gebäude, Foto: Christian Flatscher
Cafeteria und Gemeinschaftsküche befinden sich im Erdgeschoss des Gebäudes. Foto: Christian Flatscher
Der Eingangsbereich: Die Treppe bringt Besucher auf direktem Weg ins Base Camp im ersten Stock. Foto: Christian Flatscher
Bereits kurz nach der Fertigstellung ranken die ersten Pflanzen das Gebäude hinauf. Foto: Christian Flatscher
Schnittstelle: Snøhetta haben ihr neues Gebäude über eine Brücke mit einem Bestandsbau verbunden. Foto: Christian Flatscher

Energieersparnis von 50 Prozent

„Wir haben als erstes die beiden Bestandsbauten aus den Achtziger-und Neunzigerjahren unter die Lupe genommen“, berichtet Projektleiterin Martina Maier von Snøhetta. Während das neuere Gebäude durch einen Umbau der Innenräume an die heutigen Bedürfnisse angepasst werden konnte, war der ältere Bau in fast allen Belangen nicht mehr zeitgemäß: Das galt für die Energiebilanz ebenso, wie für die Einteilung in kleine Zellenbüros. Stattdessen wünschte sich der Bauherr ein ökologisches Gebäude mit großen, offenen Arbeitsbereichen und kommunikativen Begegnungszonen, um den Austausch im Team zu fördern. Deshalb war schnell klar, dass der neue Unternehmenssitz als Holzbau errichtet werden sollte. „Gegenüber einem herkömmlichen Betonbau konnten wir so mehr als die Hälfte der sogenannten grauen Energie, also der Energie, die ein Werkstoff über den gesamten Lebenszyklus verbraucht, einsparen“, berichtet Martina Maier.

Während des Entwurfsprozesses untersuchten die Architekten von Snøhetta zunächst, ob Teile des Bestandsbau weiterverwendet werden können. Die anfänglichen Überlegungen, dessen Keller und Erdgeschoss zu erhalten und den Neubau quasi aufzusatteln, stellten sich aber als statisch unmöglich heraus: Das bestehende Mauerwerk wäre nicht in der Lage gewesen, die neu errichteten Obergeschosse zu tragen. So entstand die Firmenzentrale als komplette Neukonstruktion, die mit dem Bau aus den Neunzigerjahren, in dem sich Konferenz- und Gruppenräume befinden, mittels einer Brücke verbunden wurde.

 

Symbiose als Schlüsselbegriff

Der Keller des Neubaus sowie der aussteifende Gebäudekern des Hauses bestehen aus Stahlbeton, während das übrige Gebäude als Holzskelettbau in Kombination mit Massivholzelementen errichtet wurde. Die Fassade entstand dabei als Pfosten-Riegel-Konstruktion. Ebenfalls aus Holz wurden Fenster, Decken, Böden sowie die Akustikelemente gefertigt, die in den großen offenen Arbeitsbereichen für eine angenehme Geräuschkulisse sorgen.

Bei der Gestaltung der Arbeitsräume war es den Architekten wichtig, die späteren Nutzer frühzeitig in die Planung miteinzubeziehen. Snøhetta griff dazu auf ein selbst entwickeltes Workshopverfahren zurück, dass darauf beruht, mit allen Stakeholdern eines Projekts, also hier dem Auftraggeber und seinen Beschäftigten einen Konzeptbegriff zu suchen. Dieser soll die Erwartungshaltungen und Bedürfnisse der Beteiligten bestmöglich zum Ausdruck bringen. Beim ASI-Gebäude gelangte man so zu dem Begriff „Symbiose“, der den gemeinsamen Wunsch zum Ausdruck brachte, dass der Bezug zur Natur im Zentrum des Entwurfs stehen sollte. Die Architektur sollte dabei nicht nur selbst die Natur bestmöglich miteinbeziehen, sondern auch den Menschen, die in ihr arbeiten, ermöglichen, in direktem Kontakt mit der Natur zu stehen.

 

Basislager im Zentrum

 Der Neubau besitzt insgesamt vier Etagen, von denen die ASI-Firmenzentrale die unteren drei Stockwerke belegt. Eine breite Treppe verbindet dort die verschiedenen Zonen fließend miteinander, wobei Arbeits- und Erschließungsbereiche nahtlos ineinander übergehen. Kaum ist der Besucher im Erdgeschoss eingetreten, leitet der Treppenaufgang ihn in den zentralen Empfangsbereich – das sogenannte „Base Camp“ im ersten Obergeschoss. Die Cafeteria und Gemeinschaftsküche für die Mitarbeiter, die einen Großteil der Fläche im Parterre belegt, liegt dagegen etwas abgerückt vom Hauptlaufweg, so dass hier für die Beschäftigten eine Ruhezone für Arbeitspausen und informelle Gespräche geboten wird. Das Base Camp dient als eigentliches Foyer des Büros, eine Funktion, die durch die doppelte Raumhöhe – oberhalb öffnet sich das zweite Geschoss zu einer Galerie – ebenso verdeutlicht wird, wie durch die großen Bildpaneele, die die Unternehmensgeschichte erzählen. Das Base Camp wurde von Snøhetta in der großzügig verglasten Nordwestecke des Stockwerks platziert, so dass Besucher den Blick ins Grüne genießen können, zugleich aber die Arbeit der Beschäftigten nicht stören. Zudem können im Base Camp zukünftig auch Vorträge oder Veranstaltungen stattfinden.

Die Arbeitsplätze sind in Vierer- und Sechsergruppen entlang der als Glasfassade ausgebildeten Westwand aufgereiht, während an der gegenüberliegenden, fast völlig geschlossenen Ostwand, die Sanitär- und Wirtschaftsbereiche angeordnet sind. Nur im Bereich einer kleinen Lounge und eines Besprechungszimmers ist die Wandfläche hier für Fenster durchbrochen worden. Gegenüber der Treppe haben die Architekten zudem mehrere Sitznischen angeordnet, in denen sich jeweils zwei Personen an einem kleinen Tisch gegenübersitzen können. Das zweite Obergeschoss übernimmt weitgehend die Gliederung der ersten Etage, öffnet sich aber an drei Stellen zum darunterliegenden Stockwerk, so dass die gesamte Ebene den Charakter einer luftigen Empore bekommt.

 

Pflanzlicher Sonnenschutz

Außen haben die Architekten von Snøhetta den Bau komplett mit Holz verschalt. Um die Holzoberfläche sowohl gegen Eindringen von Wasser als auch von Insekten zu schützen, wurde die Oberfläche abgeflämmt und dadurch leicht verkohlt. Dieses sogenannte Yakisugi-Verfahren ist eine traditionelle japanische Konservierungsmethode, die inzwischen auch in der modernen westlichen Holzarchitektur vereinzelt zur Anwendung gelangt. Die Fassaden des ASI-Gebäudes erhielten dadurch eine schwarzbraune Farbe, die in einem reizvollen Kontrast zu den unbehandelten Holzflächen im Innern stehen.

Dem Gebäude an drei Seiten vorgelegt ist ein metallenes Gerüst, das Umgänge in Höhe des ersten und zweiten Stockwerks ausbildet und nach außen mit einem fassadenhohen Rankgitter abschließt. An ihm sollen in den nächsten Jahren Kletterpflanzen hochwachsen, die dann die großen Fensterflächen verschatten und entblenden werden. Insgesamt 17 verschiedene Arten wurden in Trögen an Fuße des Gerüsts angepflanzt. Bewässert werden sie mit Regen, der auf dem Dach gesammelt und über eine Zisterne in das automatische Bewässerungssystem eingespeist wird. Um den Innenraum ausreichend mit Tageslicht zu versorgen, wurden im Rankgitter große Aussparungen gelassen, durch die das Sonnenlicht ungefiltert einfallen kann und die dafür sorgen, dass der Blick von innen in die umgebende Landschaft möglich bleibt.

Das begrünte Spalier wird die benötigte Energie für die Gebäudekühlung im Sommer signifikant verringern und bildet einen wichtigen Teil des ressourcenschonenden Gesamtkonzeptes. Dazu zählen auch eine Luft-Wasser-Wärmepumpenanlage, die das Gebäude über eine Bodenheizung heizt und kühlt. Mechanisch angetriebene Lüftungsflügel werden über Raumtemperatur-, Feuchte-, CO2- und Windfühler gesteuert. Die Flügel nutzen dabei thermischen Auftrieb und unterschiedlichen Luftdruck, um einen idealen Luftaustausch im Gebäude zu erreichen. Schließlich sorgt die auf dem Dach installierte Photovoltaikanlage dafür, dass das Haus einen Teil des benötigten Stroms selbst erzeugen kann.

Der neue Firmensitz ist übrigens nicht nur an seiner Außenseite auf Wachstum eingerichtet. Im Innenraum bieten teils stockwerksübergreifende Metallregale und Hängeelemente an den Geländern der Galerien zahlreiche Aufstellmöglichkeiten für Topfpflanzen. Und noch etwas kann wachsen: die Belegschaft. Snøhetta hat bereits Raum für weitere Mitarbeiter eingeplant.

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