Biennale (I): Dualismen

Tannenberg-Denkmal, Luftaufnahme

Es gibt Vorstellungen, die eine Architekturbiennale, gleich wie umfassend sie startet, zuverlässig enttäuschen muss. Eine solche Vorstellung ist jene, die Biennale entdecke „Neues“. Dies ist natürlich naiv. In Zeiten der multipel vermessenen und allumfassend ent-deckten Welt dürfte es schwer sein, etwas Neues zu entdecken. Es geht darum auch nicht. Sondern vielmehr um die möglichst erkenntnisgesättigte Resortierung des Gegebenen.

Rem Koolhaas weiß das. Deshalb rief er die Länder seines Architekturkosmos dazu auf, sich den Zeitraum 1914 bis 2014 vorzunehmen und diesen aus bewusst national-subjektiver Perspektive neu zu sortieren. Eine provokative, weil vermeintlich das nationale heraufbeschrörende Aufforderung. Was gehört zum Nationalen, was nicht? Eine nur vermeintlich leicht zu beantwortende Frage. Gerade in Zeiten der immer umfassender geschriebenen Geschichte(n) der Architektur.

Einer, der sich dieser Aufforderung zur Sortierung gerne und gerne immer wieder annimmt, ist der Theoretiker Stephan Trüby. In einem Essay für den gedruckten Baumeister, der dieser Tage erscheint, schlägt Trüby vor, die Geschichte des europäischen Bauens zunächst einmal einer Basaldifferenzierung in „high“ und „low“ zu unterziehen. Die High-Perspektive ist das Bauen aus der Sehnsucht nach nationalistischer Repräsentation heraus. Das „kriegs- und souveränitätsnahe Bauen“. Hier wird versucht, der zunächst militärpolitischen Sucht nach Dominanz eine korrespondierende architektonische Dominanz an die Seite zu stellen. Beides sind, natürlich, zum Scheitern verurteilte Unterfangen. Die Folge heute: Jener Drang zum panischen Loslachen, wenn wir architektonische Trutzhaufen wie das Leipziger Völkerschlachtsdenkmal oder Bilder des von Trüby diskutierten, 1945 zerstörten Tannenbergdenkmals in Ostpreußen (siehe Bild) sehen.

Vielleicht entsteht aus diesem Lachmechanismus die von Trüby dem laut tönenden Bauen entgegen gesetzte „Low“-Perspektive. „Low“ meint im Ursprung nicht, wie vielleicht zu erwarten, das gestaltungsfreie, rein prozesshafte Errichten von Shantytowns oder Slums. Es meint zunächst einmal eine Perspektivverschiebung der Architekten selber – hin zu einer stärkeren Verbindung mit dem, was Trüby schlicht das „Leben“ nennt. Man könnte an dieser Stelle vielleicht auch die Kategorien von Henri Levebvre „representations of space“ (high) und „spaces of representation“ (low) herbeizitieren. Die einen wollen durch Gebäude zeigen. Die anderen wollen Gebäude schaffen, in denen sich Humanität zeigen kann.

Nun fällt diese Unterscheidung von mir sicher etwas holzschnittartig aus. Aber sie ist genau als dieser Holzschnitt sehr wirkmächtig. Weil sie aus meiner Sicht einen Grundmechanismus aufzeigt, aus dem heraus Architektur entsteht: Nämlich aus einem inhärenten Dualismus. „High – low“ ist ein sehr starker Dualismus. Doch es gibt andere. Auf jeden Fall macht es für den Betrachter von Architektur Sinn, nicht nur das zu beschreiben, was ist. Sondern nach den Dualismen zu suchen, in dem es sich, in der Regel natürlich wertend, verortet.

Deutlich wird dies übrigens in Gesprächen mit Architekten. In diesen sind – in diesem Fall sehr klar normative – Dualismen stets in hoher Geschwindigkeit und Konsequenz aufgespannt. Was auch überhaupt nicht zu kritisieren ist. Sondern schlicht ein sehr produktives Grundprinzip des gesellschaftlich ambitionierten Bauens darstellt.

Die Berichterstattung des Baumeisters von der Biennale wird unterstützt von FSB.

Foto: Sierstorpff (Sierstorpp)