Was bedeutet die Räumung des Torre de David?

Vor zwei Jahren gewannen „Urban-Think Tank“ mit ihrem Projekt über den besetzten Torre
 de David in Caracas den Goldenen Löwen. Jetzt wird das unfreiwillig ikonische, halbfertige 
Bürohaus-Monstrum geräumt. Wir baten die 
Partner des Teams um einen Abgesang auf 
das Projekt:

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Während wir an diesem Artikel arbeiten, verfolgen wir eine venezolanische Nachrichtensendung über den Torre de David. Die Regierung plant eine Zwangsräumung des Hochhauses, will die Bewohner in neue Sozialwohnungen umsiedeln und für Gebäude und Grundstück eine neue Nutzung finden. Sanierungspläne für Hochhäuser erregen normalerweise kaum nationales, geschweige denn internationales Aufsehen. Aber der Torre de David ist kein gewöhnliches Hochaus und seine Zukunft Grund für Spekulationen überall auf der Welt.

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Der Torre de David, offiziell Centro Financiero Confinanzas gennant, ist ein 45-stöckiger Turm im Geschäftsviertel von Caracas, der von ungefähr 750 Familien besetzt wurde. Der Bau sollte ursprünglich ein Luxushotel, ein Einkaufszentrum und den Hauptsitz der Großbank von David Brillembourg, dem Immobilieninvestor, beherbergen. Als dieser 1993 starb und es im darauf folgenden Jahr zu einer nationalen Finanzkrise kam, fiel das nur im Rohbau fertig gestellte Gebäude in die Hände einer Versicherungsgesellschaft der Regierung. Die ließ den Bau brach liegen – mitten im Herzen eines Viertels, das einst die Wall Street Südamerikas werden sollte.

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Vor sieben Jahren schlossen sich Bürger aus verschiedenen Armenvierteln zusammen, organisierten sich über soziale Netzwerke und besetzten den Turm. Alles lief friedlich ab – sie gingen einfach an den Sicherheitsleuten vorbei, die das Hochhaus bewachen sollten. Grund für die Besetzung war das Bedürfnis, den gefährlichen Slums von Caracas zu entfliehen, einer Stadt, in der ungefähr 40 Prozent der Bevölkerung in Vierteln leben, die ohne offizielle Planung entstanden sind.

Sie besetzten den Turm zu einem Zeitpunkt, als die Immobiliengesetze dank des damaligen politischen Klimas gelockert worden waren und viele ähnliche Projekte über die ganze Stadt hinweg entstanden. Was die Besetzer ohne offizielle Anerkennung schufen, war vergleichbar mit einem Sozialwohnungsprojekt, das aus einer Grassroots-Bewegung hervorgeht. Sie begannen, mit einfachsten Mitteln das Skelett des Wolkenkratzers  auszubauen.

Nach und nach entstanden Wohnungen und eine Infrastruktur. Erholungsbereiche und kleine Ladengeschäfte wurden geschaffen. Alles war gut durchorganisiert, was nicht zuletzt an einer Mischung aus autokratischer Hierarchie und demokratischer Prozesskultur lag. Obwohl die meisten Bewohner sich der Rhetorik des vorherrschenden Chavismus bedienten – den Anführern der neuen Gemeinde gelang es nicht, ein dauerhaftes Bleiberecht zu erwirken.

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Wir waren überzeugt, dass wir von den Bewohnern und dem, was sie in den sieben Jahren ihrer Besetzung des Torre de David geschaffen hatten, etwas Wichtiges lernen konnten. Was wir vorfanden, war weder eine Hochburg der Kriminalität noch eine sozialromantische Utopie. Der Torre de David hat die Komplexität einer Stadt: Die strenge Rasterstruktur der Konstruktion ermöglicht eine informelle Adaption des Gebäudes – und sie führt vor Augen, wie der Erfindungsreichtum der Bewohner dringende urbane Probleme lösen kann, ganz ohne die Mitwirkung staatlicher Behörden.

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Uns bleibt die Hoffnung, dass der Planungsprozess demokratisch und transparent ablaufen wird und das noch längst nicht ausgeschöpfte wirtschaftliche und gesellschaftliche Potenzial des Gebäudes auf eine nachhaltige Weise einbezogen wird. Ein neu genutzter Torre de David könnte das gelungene Vorbild eines Städtebaus werden, der auf intelligente Weise offizielle Planung und Mitbestimmung der Bewohner verbindet.

In gewisser Hinsicht ist der Torre de David eine Anomalie – das Resultat aus glücklosem Immobilieninvestment, einer Reihe von heftigen Wirtschaftskrisen und einer populistischen Politik. Er steht allerdings auch für größere Entwicklungen, in erster Linie für die sich verschlimmernde Wohnkrise des urbanen Prekariats. Aber auch für den Willen des Menschen, sich nicht mit den gegebenen Verhältnissen zu arrangieren und nach eigenen Lösungen zu suchen.

Ein einzelnes Gebäude kann nie ein Allheilmittel sein. Aber wenn wir die Lektion, die der Torre de David uns erteilt, verstehen, dann können wir vielleicht in Zukunft kreativere Antworten auf die dringendsten Fragen finden, mit denen unsere Städte heute konfrontiert werden.

„Architektur und Ereignis“ – mehr über den Torre de David ab 1. November im Baumeister 11/2014

Fotos: Iwan Baan, AFP/ Leo Ramirez