Ulrike Brandi: auf Lichtpunkthöhe

Wem gehört denn nun eigentlich das Licht? Diese Problematik war eine Art Leitfrage bei der Veranstaltung „Architektur im Dialog“ am Freitag im hannoverschen „Alten Rathaus“. Geladen hatte die Lavesstiftung, Baumeister-Chefredakteur Alexander Gutzmer interviewte Brandi nach ihren Vortrag. In dem hatte sie bereits die Frage nach dem Licht-Eigentümer aufgeworfen. Und sie beantwortete sie so: „Uns allen.“ Man könnte aber auch annehmen, das Licht gehöre Ulrike Brandi selbst. In Deutschland gibt es wohl wenige, die so gekonnt und auch so erfolgreich mit dem Licht umgehen wie die Hamburger Lichtdesignerin. Brandi ist immer auf Lichtpunkthöhe. So ihr Erfolgsrezept. Abgeguckt bei den Alten Meistern, die genau wussten, wo der Kronleuchter hängen und wann er strahlen durfte, teilt sie in dieser Tradition den Raum in verschiedene Lichtpunkthöhen und Atmosphären ein. Je niedriger die Lampe positioniert ist, desto gemütlicher die Stimmung. Kühles Licht oben und warmes unten entspricht dem menschlichen Empfinden.

Doch Brandi ist keine Verfechterin des Kunstlichts, für die sie als Lichtplanerin oft gehalten wird – zumal ihre Anfänge als Beleuchterin im Fotostudio ihrer Mutter liegen. Brandi plädiert fürs Tageslicht. Wer zu wenig davon bekommt, schläft schlecht, und umso beunruhigender ist es, dass Tageslicht immer stärker verdrängt wird. Im öffentlichen Raum durch städtebauliche Verdichtung (die Brandi im Übrigen für richtig hält), in den Gebäuden selbst durch zu viel Kunstlicht. Folge: Vitamin D-Mangel. Brandis Ausgangspunkt ist daher immer die Wahrnehmung und Beobachtung des Tageslichts: Wie viel ist vorhanden, wie fällt es in die Räume und welche Stimmung erzeugt es, welche Schatten entstehen, welche dunklen Räume gilt es aufzuhellen, welche bewusst nicht? Die Details sind es, die ihr Spaß machen und die ihren Projekten eine besondere Note verleihen. Beispiel: Winzige Leuchten in den Wänden eines Konzertsaals, die mit leichter Hand das Licht wie Musik durch den Raum verstreuen. Doch so klein manches Detail, so groß, so international die Projekte: Elbphilharmonie und Hafencity Hamburg, Mercedes-Museum Stuttgart, Konzertsaal London, Flughafenterminal Shanghai, Expo 2000 Hannover, Beleuchtungs-Masterplan Rotterdam. Mit großer Leidenschaft und Spaß ist sie mit ihrem interdisziplinären Team von Hamburg aus in der Welt unterwegs.

Wolfgang Schneider, Vorsitzender der Lavesstiftung, zitierte eingangs Le Corbusier, der sagte „Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Gebäude.“ Dem Leitbild folgt auch Brandi. Nie übernimmt ihr Licht die Hauptrolle, bleibt aber immer selbstbewusster Partner der Architektur. Brandi strahlt die Fassaden nicht einfach an, sie macht sie angemessen sichtbar. Da müssen auch dem Speicher, auf dem die Elbphilharmonie ruht, die diffusen Reste der Philharmonie-Beleuchtung genügen.

Kritisch sieht die Lichtplanerin die Entwicklung der LED-Beleuchtung, die zwar in den letzten Jahren deutlich effizienter geworden sei, aber die ganze Branche ob ihrer rasanten Entwicklung vor sich her hetze. Leuchten, die früher Jahrzehnte im Einsatz waren, werden heute komplett samt Leuchtmittel weggeschmissen. Nachhaltig geht anders.

LEDs leuchten seit Ende 2015 auch über dem zentralen Kröpcke in Hannover. Im Dialog mit Alexander Gutzmer war die „Sonne“, manche sagen „Ufo“, natürlich ein Thema. Die Leuchte, sagt Brandi, bilde eine Lichtinsel und führe zu mehr Dramatik auf dem Platz. Etwas größer, das lässt Brandi durchblicken, wäre schöner gewesen, aber natürlich ist das auch immer eine Frage der Möglichkeiten.

Und überhaupt: „Licht ist nicht selbstverständlich“, so Brandis Fazit nach rund zwei Stunden emotionalem Vortrag und unterhaltsamem Gespräch. Wem es am Ende gehört? Irgendwie doch uns allen und vielleicht ein bisschen auch denen, die es bezahlen.