01.06.2016

Event

Biennale: ein subjektiver Frontbericht

Glasküche von MVRDV

So, jetzt sind alle wieder zurück aus Venedig. Ich auch. Aber wie fällt es denn nun aus, das Biennale-Fazit? Also, mein Biennale-Fazit? Also, mein Fazit für den Hauptteil, das Arsenale. Aber natürlich auch die Giardini. Also, bestimmte Pavillons. Aber nicht zu vergessen das Begleitprogramm…

Sie merken schon: Es ist nicht einfach, diesen Wust an unterschiedlichen Ideen, den uns Venedig alle zwei Jahre präsentiert, auf einen Nenner zu bringen. Und tut man es, so wird man doch schnell radikal subjektiv und auch ungerecht. Weil ja nicht auszuschließen ist, dass man etwas Wichtiges übersehen hat.

Mir ging von Beginn an der Terminus „from the front“ aus dem Titelthema „Reporting from the Front“ nicht aus dem Kopf. Architektur als Frontarbeit – ein guter Ansatz für eine Branche, die sich doch immer in der Fähigkeit wähnt, allumfassende Glückseeligkeit, ein harmonisches Miteinander aller Menschen durch räumliche Intervention erzeugen zu können.

Glasküche von MVRDV
Biennale-Beitrag von MVRDV
Ausstellung zeigt Arbeiten von Zaha Hadid
Eine Retrospektive der Meisterin

Und Kurator Aravena zeigt sie uns, die Frontlinien. Etwa mit Eyal Weizmans „Forensic Architecture“-Ansatz, den wir im italienischen (vulgo: internationalen) Pavillon sehen. Raumforschung, um Kriegsverbrechen aufzuklären. Direkter lässt sich die politische Relevanz architektonischen Denkens kaum belegen.

Doch leider hält die von Aravena kuratierte Schau im Arsenale die Frontperspektive nicht durch. Es wird eben auch vieles sozial Wohlmeinendes, aber Unkontroverses präsentiert. So darf Tadao Ando im Arsenale sein „Punta della Dogana“-Museumsprojekt großformatig zeigen. Das macht an sich schon Sinn, denn nicht nur ist es räumlich an einer Frontlinie (zum Wasser) gelegen. Es birgt auch Konfliktpotenzial, etwa in Form der Säulen, die Ando vorgeschlagen hatte, die aber dem Denkmalschutz-Dominanz in Venedig geopfert wurden. Die Darstellung einer der Säulen neben den rauen Stützen im Arsenale deutet schon eine Konfliktlage an. Man hätte sich hier nur mehr Inhalte oder ein Weiterdenken gewünscht.

Letztlich gilt: Die Biennale ist so gut wie die Diskussionen, die sie auslöst. Das gilt auch für den Deutschen Pavillon. Dieser wird medial ja durchaus kontrovers diskutiert. Was nichts macht. Ob Löwe oder nicht – die Debatte zur Arrival Country Deutschland wird geführt und muss geführt werden. Also: mission accomplished; Türen auf, Deutschland.

Schön übrigens: Der „Türen auf, Pavillons durchlöchern“-Ansatz des Deutschen Architekturmuseums wird auch in den benachbarten Pavillons Frankreich und Großbritannien aufgenommen. Die Franzosen schätzen offenbar die Sichtachse bis hin zum Kanal. Und der englische Pavillon hat seine eigene Tür ausgehebelt und zwei Meter vor den Eingang gestellt. Barrierenkritik allenthalben also – ein guter Eindruck in einer Zeit, in der die Politik sich eher als kreativ im Errichten immer neuer Schranken erweist (übrigens nicht nur in der Flüchtlingsfrage).

Und dann ist da noch das diskursive Schlachtfeld Venedig selber. Schon in den vergangenen Jahren ließ sich anhand der Topographie der Stadt eine Art architektonische Machtweltkarte zeichnen. Auch in diesem Jahr wieder warten Großbüros wie Zaha Hadid oder gmp mit sehenswerten Einzelschauen außerhalb des Biennale-Geländes auf. gmp startet in Venedig die nächste Workshop-Runde der büroeigenen Akademie. Dabei geht es um Case Study-Houses für eine andere Frontstadt – für Berlin.

Mit diesen Ausstellungen im architektonischen Selbstvergewisserungslabor Venedig stellt sich  auch die Frage: Wer hat eigentlich das Sagen im weltweiten Bauzirkus? Eine Antwort habe ich womöglich auf dem Forum „Next Generation China“ gesehen. Da wurde nicht nur eine einfach-geniale Glasküche von MVRDV-Chef Winy Maas präsentiert. Bei durchaus beträchtlicher Hitze saßen nachmittags auch die Architekturstars Maas, Patrik Schumacher (Zaha Hadid) und Kengo Kuma einhellig zusammen, um Chinas Urbanismus jenseits der bekannten Megacities zu diskutieren. Es ist wohl keine verwegene These, dass eine ähnliche Gesprächsrunde über die Zukunft von Hannover, Bremen und Passau nur schwer zustande gekommen wäre.

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