Aktionsbühne in London

In fast allen Bereichen öffentlichen Bauens werden in Großbritannien die Mittel gekürzt. Da bietet die derzeit laufende Sanierung von Jugendzentren einen seltenen Grund zum Jubeln. Das „New Generation Youth and Community Centre“ (TNG) im Süden Londons ist eines von 63 Projekten, das durch so genannte „Myplace“-Mittel der britischen Regierung finanziert wurde und so sogar zu einem Neubau kam.

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Architekt der Anlage ist das junge Londoner Büro RCKa. Neben einem beachtlichen Portfolio an Wohnbau-Aufträgen macht der Bau von Jugendeinrichtungen einen großen Teil ihrer Aufgaben aus. Das TNG-Projekt hatte sich aus einer Studie des Büros entwickelt, bei dem Sanierungsmöglichkeiten sämtlicher Jugendeinrichtungen der Gemeinde untersucht werden sollten.

Der Neubau steht nun am höchsten Punkt des Geländes und dient so als „Aussichts-Plattform“, von der man die Mehrzweckspielfelder überblicken kann. Er nimmt die gesamte Breite des Geländes ein und ist als schlichte Box gestaltet, was ihm eine dominierende und fast monumentale Präsenz verleiht. Dass die Wirkung jedoch in keiner Weise schroff ausfällt, hat viel mit der zarten, durchscheinenden Haut zu tun, die zum größten Teil aus gewelltem Polycarbonat besteht.

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Die Transluzenz der Außenhaut lohnt einen Blick hinter die Kulisse: Das Tragwerk aus schmalen Weichholzbalken ist deutlich zu erkennen, während nach oben zur Traufe hin das Tageslicht ins Gebäude fällt. Nur dort, wo die Fassade den Boden berührt, wurde das Polycarbonat durch ein strapazierfähigeres Material – eine Reihe Betonplatten – ersetzt. Die großen, wie zufällig angeordneten, raumhohen Fenster erscheinen wie aus der Haut ausgestanzt und erlauben tiefe Einblicke ins Innere. Der Haupteingang liegt auf der leicht ansteigenden Straßenseite und bildet eine noch größere Öffnung, die durch die Steigung des Sockels entsteht.

Im Inneren des Gebäudes bleibt die Wand- und Dachkonstruktion aus Holz überall sichtbar. Die Ausnahme ist ein Aufführungssaal, der eine Akustikverkleidung erhielt. Das Foyer liegt in der Mitte der drei Stockwerke – eine Folge des erheblichen Höhenunterschieds zwischen der Straßenebene und den Spielfeldern, die am entgegengesetzten Grundstücksrand in den Hang gegraben wurden.

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Breite, großzügig bemessene Treppen verbinden die Ebenen über und unter dem Foyer mit großen Räumen, die flexibel genutzt werden können. Dieses weite, fließende Raumkontinuum erscheint wie eine Bühne, die auf die Schauspieler wartet – eine Anordnung, die von der Arbeit des wegweisenden Bühnenbildners Adolphe Appia inspiriert ist. Zweifellos wirkt sie kraftvoll, mit viel Raum für dramaturgisches Potenzial: Jede Ebene fühlt sich an wie ein Ort, um sich selbst darzustellen, auszutoben und um gesehen zu werden.

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Das Gehäuse beeindruckt sowohl durch seine streng diziplinierte Bauweise als auch durch den entspannten Umgang mit dem Raumprogramm, der viele Freiräume zulässt. Es sorgt für ein überreiches Angebot an verschiedenen Formen der Betätigung – eine Art Aktionslandschaft, die junge Nutzer motiviert.

„Vom leichten Leben als junger Architekt“ – mehr über RCKa und andere Newcomer ab 1. Oktober im Baumeister 10/2014

Fotos: Jakob Spriesterbach, Iona Marinescu