Adam Khan

Die Arbeit von Adam Khan weist vielfältige Bezüge auf, örtlich, regional wie historisch, und sträubt sich so gegen jede klare Einordnung. Gerade dies lässt Spielraum für Interpretationen und macht seine Architektur im besten Sinne populär.

Hier scheinen noch ewige Werte zu herrschen. Adam Khans Büro ist in einer Fabriketage im Londoner Osten untergebracht, an einem träg vor sich hinfließenden Kanal aus dem 19. Jahrhundert. Auf einem der Arbeitstische liegen die englische Übersetzung von Camillo Sittes „Der Städtebau“ und ein Aufsatz über Fernand Pouillon, einem maßgeblichen Baumeister der französischen Moderne. Diese beiden Texte können einen bereits auf eine Fährte bringen, welche Art von Architektur hier geschaffen wird: Auf das, was Adam Khan im Gespräch einen „Flirt“ mit dem Historischen nennt. Damit spielt er auf gewisse archaisch, manchmal geradezu prähistorisch wirkenden Elemente seiner zweifellos zeitgenössischen Bauten an.

Das neue Alt – eine Symbiose

Ein Beispiel: das hohe, steile Dach, wie man es beim 2011 fertig gestellten „New Horizon Youth Centre“ findet, einem Zufluchtsort für junge Obdachlose, mitten in London am Bahnhof St. Pancras. Es fügt sich ein in eine Sozialwohnungsanlage aus den 1930er Jahren – „ein Verschnitt aus dem revolutionären Karl-Marx-Hof und heimeligem Arts and Crafts“, wie Khan sie bezeichnet. Das Jugendzentrum nimmt das wie eine Mütze tief heruntergezogene Dach einiger Nachbarbauten auf, variiert aber das Material (sachlicher wirkendes Kupfer statt Ziegel) und verzerrt die Dachlinien. Man mag darin eine humorvollere Variante von Miroslav Šik, auch ein bisschen Heroik des deutschen Expressionismus darin erkennen. Die Dachhaube selbst erinnert an Erich Mendelsohns Hutfabrik in Luckenwalde.

Der Dach-Baumeister

Die expressive skulpturale Qualität dieser Linien habe ihn durchaus dazu bewegt, meint Khan, darüber hinaus aber geht es ihm um so etwas wie eine intuitive Lesbarkeit architektonischer Form. „Ich glaube, es ist interessant, wenn die Leute nicht genau wissen, woher etwas stammt. Eine Referenz an eine Art psychologisches Hinterland. Ich bin mir nicht sicher, ob so was wie ein kollektives Unterbewusstsein existiert. Aber es gibt ein Reservoir an Vorstellungen und Bildern – und bei dem aufragenden Dachkegel eben so etwas wie das Bild einer Siedlung, einer Versammlung unter einem großen Dach.“ Sehr berührt habe es ihn, erzählt der Architekt, als er das Obdachlosenzentrum neulich nochmal zusammen mit einem Dokumentarfilmer besuchte und die Bewohner zur Architektur befragte. Nicht sicher, ob die nicht ganz andere Sorgen hätten. Doch tatsächlich hätten die von der geradezu ländlichen Geborgenheit gesprochen, die die Räume für sie ausstrahlten. Beim „Brockholes Visitor Centre“ in Preston, fertig gestellt 2012, finden sich die steilen Dächer wieder, gleich in einer ganzen Serie und in unterschiedlichsten Größen. Eine gute halbe Autobahnstunde nördlich von Manchester locken die pyramidenähnlichen Stümpfe die Fahrer aus ihren Autos und an einen schilfumsäumten See eines Naturschutzgebiets wenige Meter neben der gen Schottland vorbeirauschenden Autobahn.

Mehr dazu finden Sie im Baumeister 11/2016