Ab nach Krakau

Blick_Krakau_Wawel

„Warum denn nach Polen?“ – das war die Nachfrage vieler, nachdem ich von meinem Vorhaben berichtete, für ein halbes Jahr nach Krakau zu gehen, um Berufserfahrung zu sammeln. Nicht nur junge Architekturstudenten wunderten sich. Neben den Fragen „Was ist denn so besonders an der Baukunst in Polen?“ kamen auch die, ob das nicht zu gefährlich sei. Auch 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Auflösen des Ostblocks geistert immer noch diese Grenze im kollektiven Gedächtnis, zu der sich eine sprachliche und auch eine gewisse kulturelle Barriere gesellen. Selbst eine aus Litauen stammende Kommilitonin an der Universität Liechtenstein riet mir davon ab, in den Osten zu gehen. Ich kann sagen: es hat sich gelohnt!

Aber gut, warum nach Polen? Zuerst hatte ich geplant, nach Amsterdam oder Kopenhagen zu gehen – die Architekturhochburgen eben. Ein ausgereiftes Architekturverständnis sagt man den Büros dort nach, die die Nase vorne hatten auf der internationalen Architekturbühne der letzten Jahre – perfekt eben! Doch „perfekt“ ist eben auch schnell langweilig. Darum reizte mich der ehemalige Ostblock – der „wilde Osten“ – um vieles mehr. Nur vereinzelte Projekte von dort schlagen sich zu internationalem Ruhm durch. Vieles ist noch experimentell, jung und frisch.

Krakau_Ausland_BudCud

Vor dem Aufenthalt

Ich bin in der Oberpfalz, nahe der tschechischen Grenze aufgewachsen, weshalb ich zuerst meinen Fokus auf die Städte der deutschen Nachbarländer Tschechien und Polen legte. Aufgrund eines Erfahrungsberichts eines ehemaligen Erasmusstudenten, der mich so sehr in den Bann Krakaus gezogen hatte, entschied ich mich letztendlich für die Stadt an der Weichsel. Auf der Suche nach einem jungen, experimentellen Architektur- und Stadtplanungsbüro in Krakau stieß ich Dank einer Empfehlung einer polnischen Kommilitonin auf BudCud Architects, ein kleines aber erfolgreiches Büro, das auch Teil der Architekturbewegung „Awangarda jutra?“ ist. Die „Avantgarde von morgen?“ ist eine Vereinigung junger polnischer Architekten, welche versuchen, eine neue Planungskultur zu entwickeln und zeitgemäße Architektur in Polen zu etablieren.

Natürlich musste die gesamte Papierbürokratie erledigt werden, was allerdings keinen allzu großen Aufwand bedeutete. Auch die Wohnungssuche gestaltete sich recht einfach, da der Wohnungsmarkt in Krakau einiges bietet, wodurch man auch recht schnell an eine schöne Altbauwohnung im Herzen der Stadt kommt. Idealerweise zwischen dem Ausgehviertel Kazimierz und der nördlicheren Altstadt Krakaus. So war es möglich, in weniger als einer Woche Hostel-Aufenthalt direkt in eine Wohnung zu ziehen.

Am meisten freute ich mich auf die dynamische Stadt und deren Bewohner – und ganz einfach auf die andere Kultur und andererseits auf interessante Projekte bei BudCud Architects.

Johannes_Peter_Steidl

Die Zeit des Aufenthaltes

Ich wurde herzlich aufgenommen bei BudCud Architects, sodass ich mich schnell als vollwertiges Teammitglied in die Bürostruktur einfügen konnte. Mir war es möglich, unabhängig zu arbeiten, eigene Ideen zu entwickeln, gemeinsam im Team zu besprechen, zu diskutieren und zu entscheiden. Die Kommunikation lief hauptsächlich in Englisch, wobei auch deutsche und polnische Wörter mit in die Bürosprache einflossen. Ein schöner kultureller Austausch der erkennen ließ, wie viel wir doch gemeinsam haben.

Ich hatte die Möglichkeit, öffentliche Plätze in Warschau zu entwerfen, an einem Wettbewerb für einen Sozialen Wohnungsbau in Breslau teilzunehmen und auch am Erstellen von Revitalisierungskonzepten für Parkanlagen mit bis zu 9,4 Hektar zu arbeiten. Die größte Herausforderung dagegen war allerdings die Kälte und der Smog. Da wir zunächst keine konventionelle Heizung im Büro hatten, später dann Elektro- und Gasöfen, wurde es teilweise so kalt, dass man seinen Atem sehen konnte und wir uns richtig warm einpacken mussten. Rückblickend war aber auch dies eine wertvolle Erfahrung. Der Smog, ausgelöst durch häusliche Feuerung von Holz, Kohle und im schlimmsten Fall Hausmüll, versetzte die Stadt in eine gräuliche, verbrannt riechende Atmosphäre. Auch das Wasser war zudem stark gechlort, was ein Filtern oder Abkochen nötig machte. So erkennt man erst wieder, in welchem Luxus wir eigentlich leben, mit sauberem Wasser, frischer Luft und gut beheizten Innenräumen – alltägliche Dinge, die man verlernt zu schätzen und vielleicht gar nicht mehr als so kostbares Gut wahrnimmt.

Betrachtet man die Ergebnisse, so war die Zusammenarbeit durchaus sehr fruchtbar und machte zudem Freude. Außerdem erhielt ich viele Tipps für den Alltag oder auch für Ausflüge in Krakau und Umgebung und konnte vor allem über diesen Weg einen ganz anderen Einblick in die Kultur des Landes gewinnen. Am besten hat mir neben den Projekten bei BudCud die pulsierende Atmosphäre der Stadt gefallen. Durch die vielen Studenten, kleine Kneipen und günstigen Restaurants fühlt man sich recht schnell wohl in der Stadt. Ein internationaler Austausch zwischen jungen Menschen – das erweitert den eigenen Horizont und überschreitet die gedankliche Barriere, die der Eiserne Vorhang hinterlassen hat. Nicht nur jungen Menschen sollte man empfehlen, für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen.

Hinweis: Unser Autor schrieb über seine Erfahrungen in Krakau in seinem Blog „Ab nach Krakau“. Wer sich auch immer über die Themen Architektur und Krakau informieren will, stößt irgendwann bei der Recherche darauf: www.krakau.auslandsblog.de.

Fotos v.o.n.u.: Blick über Krakau zum Wawel, Brutalistisches Hotel Forum, Johannes Peter Steidl