Altstadt 2.0

Anfang dieses Monats kam es in Frankfurt am Main im Rahmen der baldigen Eröffnung der rekonstruierten Frankfurter Altstadt zu einem aufschlussreichen Zusammentreffen von „Altstadtfreunden“: Bürgerinitiativen sahen sich mit einem Mal vereinnahmt von Rechtspopulisten, wie unser Autor feststellt.

Dass die Veranstaltung nicht ganz so harmlos war, wie das gewählte Motto „Altstadt 2.0 – Städte brauchen Schönheit und Seele“ versprach, fiel relativ schnell auf. Als Moderator der Tagung fungierte Wolfgang Hübner, ein ehemaliges Mitglied des Frankfurter Stadtparlaments, in dem er sich vehement für rechtspopulistische Belange eingesetzt hatte. Er kündigte gleich zu Beginn einen Redner an, der wohl aus gutem Grund im offiziellen Tagungsprogramm nicht aufgeführt war. Es handelte sich um Claus Wolfschlag, einem rechtsnationalen Autor, der als „geistiger Architekt“ der neuen Frankfurter Altstadt vorgestellt wurde. Tatsächlich war er es, der Anfang der Nullerjahre zusammen mit Hübner den Stein für die Rekonstruktion der Altstadt ins Rollen brachte, als er einen entsprechenden Antrag für das Frankfurter Stadtparlament formulierte.

Es ist kein Zufall, dass sich Wolfschlag für Architektur interessiert, was er in seinem Vortrag auch darlegte. Für ihn stellt „Entortung“ – befeuert durch „modernistische“ Architektur – eine der größten gesellschaftlichen Probleme dar und nur durch die Schaffung spezifischer Orte, wie die Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt, könne das „Volk“ wieder seine eigene Identität entwickeln.

Dass er mit dieser Sichtweise nicht alleine dasteht, sondern sie bereits weit ins parlamentarische System vorgedrungen ist, zeigen übrigens vergleichbare Äußerungen des AfD-Politikers Björn Höcke. Vergangenes Jahr verknüpfte Höcke in einer Rede den Begriff der „kollektiven Identität“ unmittelbar mit der Zerstörung der deutschen Städte im zweiten Weltkrieg. Er verknüpfte den Begriff aber auch unmittelbar mit den wieder „neu entstandenen Fassaden“ – womit er wohl auf Rekonstruktionsprojekte in Dresden, Potsdam oder Berlin anspielte. Solche Aussagen sollen beispielhaft nahelegen, wie sich die Architektur zu einem wichtigen Medium für die neue Rechte entwickelt.

Dazu kann man auch einen Blick in die bundesrepublikanische Vergangenheit werfen, in der bereits schon einmal eine vergleichbare Debatte stattgefunden hat: Nach der deutschen Wiedervereinigung entfachte ein großer Streit, wie mit dem geschichtlich fragmentarischen und erneut zur Hauptstadt erklärten Berlin stadtplanerisch und architektonisch umzugehen ist. An vielen Stellen setzten sich konservative Kräfte durch, die die Zukunft Berlins aus der Vergangenheit heraus begründen wollten. Eine in weiten Teilen konservative Architektenschaft forderte ein Anknüpfen an preußische Bautraditionen vor der Weimarer Republik. Man wollte sich an einem steinernen Stil orientieren, der eine Opposition zur Moderne bilden sollte. Es wurde also bereits damals versucht, die Architektur durch eine preußische Identität zu legitimieren.

1994 fragte gar der „Spiegel“, ob eine „Neue Rechte am Bau“ sei, was sich jedoch als wenig belastbar erwies. Vielmehr wurde vermutet, dass damals ökonomische Machtinteressen im Vordergrund standen, die eine gut vermarktbare „steinerne“ Architektur entstehen lassen haben. Der Architekturkritiker Dieter Hoffmann-Axthelm brachte den Begriff des „Berliner Kartells“ ins Spiel, bestehend aus Architekten, Investoren und Politikern, dem es ihm zufolge „nicht um Kultur und Politik, sondern um Marktanteile“ ging.

Nun, mehr als zwanzig Jahre später, scheint es zu einer Verschiebung der Verhältnisse zu kommen. Der Rückgriff auf Kultur und im besonderen auf Architektur, die selektiv aus ihrer Historie schöpft, wird nicht mehr nur für gute Marktanteile, sondern auch für eine bestimmte Politik genutzt, was sich nicht zuletzt in den Wahlerfolgen der AfD abbildet.
In Frankfurt am Main war dieser neue Schulterschluss von Architekten, Wirtschaft und Politikern, die sich gegenseitig befördern, exemplarisch auszumachen.

Auf der Tagung war neben Hübner und Wolfschlag auch der Architekt und Städteplaner Léon Krier anwesend: In seinem Vortrag fiel er durch einen Rundumschlag gegen die „Diktatur“ der „modernistischen“ Architektenschaft auf, die er sogleich mit den sogenannten Mainstream-Medien im Generellen, denen man immer weniger Glauben schenken könne, verglich. Dagegen forderte Krier mit Blick auf die junge Generation dazu auf, alternative Bildungseinrichtungen zu gründen, an denen klassizistische Architektur nicht mehr nur als Geschichts- sondern als Entwurfsfach gelehrt werden solle. Diesen Vorschlag erläuterte er eindrücklich anhand der seiner Meinung nach sehr empfehlenswerten, tatsächlich aber antisemitischen und verschwörungstheoretischen Medienplattform KenFM, die ebenfalls eine Alternative zu den klassischen Medien bieten würde.

Daran anknüpfend meldete sich der in diesen Kreisen nicht unbekannte Frankfurter Unternehmer Jürgen Aha und berichtete von seinem Versuch, die Schinkel’sche Bauakademie in Berlin zu einer Kaderschmiede für traditionalistische Architektur auszubauen. Auch er wetterte gegen die etablierten Politiker und Architekten in der Jury, die seinen Vorschlag gleich in der ersten Runde des offenen Wettbewerbs scheitern ließen.

Nicht zuletzt kamen die zahlreich anwesenden Bürgerinitiativen zu Wort, die sich in vielen deutschen Städten für die Erhaltung und Rekonstruktion historischer Gebäude und Stadtstrukturen engagieren. Sie wurden nicht müde, ihren unideologischen und unpolitischen Ansatz zu betonen und allein für die Schönheit deutscher Städte zu kämpfen. Wie unideologisch und unpolitisch dieses „bürgerliche“ Engagement ist, ließ sich recht eindeutig am Applaus für die jeweiligen Referenten ausmachen – bei Krier und Wolfschlag wurde es im Saal am lautesten.

 

Philipp Krüpe ist Architekt und forscht zum Thema Architektur und Ideologie. Er lebt in Berlin.