Wo bleibt die Demokratie in der Architektur?

Es ging um die ganz große Frage: Ist zeitgenössische Architektur demokratisch? Sind die Bauten der „Star-Architekten“ nicht Luxusgebilde für eine kleine, privilegierte Schicht? Wo bleibt da noch der öffentliche Raum? Debattiert haben kluge Köpfen aus der Archäologie, der New-York-Times-Redaktion und der zeitgenössischen Architekturszene – an einem Ort, wo die Demokratie geboren wurde: in Griechenland. Organisiert hat die Veranstaltung ein großes Luxushotel auf der Peloponnes, Costa Navarino, das einen äußert angenehmen Rahmen für die Veranstaltung bildete – so fand die Debatte auf dem gepflegten Golfrasen im Freien statt.

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Debatte an der Costa Navarino. Von links nach rechts: Petros Themelis, Charles Landry, Paul Krugman, die Moderatorin Farah Nayeri, Roger Cohen und Patrik Schumacher

Ein weiterer Organisator war die „International New York Times“, und so saßen drei Redakteure der Zeitung auf dem Podium: Farah Nayeri, die moderierte, und die Kolumnisten Paul Krugman und Roger Cohen. Dazu kam der britische Publizist Charles Landry, und als einziger Architekt war Patrik Schumacher von Zaha Hadid Architects dabei.

Architektur sei der Natur nach demokratisch, begann Farah Nayeri, weil sie im Gegensatz zur Kunst jeder versteht, ja verstehen muss. Aber seien die Bürger bei den jüngsten Produkten, in New York zum Beispiel, nicht ausgeschlossen, es seien private „Signature Buildings“ von Star-Architekten, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt habe?

Den Auftakt der Statements machte der griechische Archäologe Petros Themelis: Er widersprach sofort der These, früher sei alles besser gewesen. Denn die antike griechische Stadtstruktur sei zwar demokratisch angelegt – mit gleichwertigen Häuserblöcken und einem Parlament in der Form eines klassischen halbrunden Theaters –, die Demokratie betraf allerdings nur eine kleine Schicht der Bevölkerung; Frauen, niedere Stände, Sklaven waren ausgeschlossen.

Da der Großteil des Podiums aus New York kam, so drehte sich von nun an die Debatte schnell in diese Richtung: Ist moderne New Yorker Architektur demokratisch? Paul Krugman
meinte, „New York ist ein großartiger Wohnort – falls man ihn sich leisten kann.“ Seine Redaktionskollege Robert Cohen widersprach ihm, demokratisch seien doch die Plätze, die Cafés und vor allem die Infrastruktur. Krugman erwiderte, dass die Vernachlässigung des öffentlichen Nahverkehrs aber antidemokratisch sei. Außerdem sei ein weiterer Beweis, dass es mit der Demokratie im urbanen Raum bergab ginge, dass sich gute Architektur nur noch ein kleiner exklusiver Zirkel in der Bevölkerung leisten könne.

Spätestens an dieser Stelle wurde die Kluft zwischen Podium und Zuschauern deutlich, zwischen den vorwiegend älteren, amerikanischen Kritikern, die den Verfall des öffentlichen Raums in den USA beklagten, und dem Publikum, zum größten Teil jüngere Europäer, für die Architektur von guten Architekten alltäglich und nicht zwingend eine Sache des Geldes ist. Schließlich entstehen in Europa gute Gebäude auch mit geringem Budget – auch mit Star-Architekten. Zwei Beispiele nur sind eine Schule im Londoner Stadtteil Brixton oder die Hungerburgbahn in Innsbruck, beides von Zaha Hadid Architects. Patrik Schumacher fiel deshalb auf diesem Podium die Rolle des Optimisten zu: Er wurde in eine neoliberale Ecke gedrängt, da er die privaten Investitionen in gute Architektur verteidigen musste. Die Krise, die seit 2008 bestehe, gehe vorbei, meinte er, es werde spürbar besser; er mache eine Neuorientierung aus.

Charles Landry sprach daraufhin von einer dramatischen ökonomischen Veränderung des öffentlichen Raums: „Airb&b ist das größte Hotel ohne eigene Gästezimmer geworden, Uber das größte Taxiunternehmen, ohne eigene Autos zu besitzen und Facebook das wichtigste Medium, ohne ein Medium herzustellen.“ Der demonkratische Raum habe sich im Netz erweitert und verlagert durch „Open data“. Paul Krugman antwortete zynisch, um Architektur gehe es da nicht – er merke ja bei seiner täglichen Zeitungsarbeit, „die Öffentlichkeit interessiert sich eh nicht für Architektur, sondern nur für die großen Themen Essen oder Gesundheit.“

So entstand im Publikum im Laufe der Debatte der Eindruck, dass auf dem Podium ein angelsächsisches Problem verhandelt wurde: Gute Architektur wollen und können sich dort nur noch private Institutionen leisten – und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit; als nichtarchitektonisches Beispiel wurden außerdem die privaten Google-Busse in San Francisco aufgeführt, die eine kleine Elite zum Arbeitsplatz bringt und die von erzürnten Bürgern mit Eiern beworfen werden.
Tatsache ist jedoch auch – abgesehen von der zunehmenden Privatisierung des öffentlichen Raums–, dass sich allerorten die öffentliche Hand von Investitionen in gute Architektur zurückgezogen hat, auch hierzulande. Und dass man nur hoffen kann, dass unsere überschüssigen Steuereinnahmen irgendwann auch in den Bau und die Sanierung öffentlicher Gebäude fließen.

Mehr über die Veranstaltung: www.costanavarino.com