Unterwegs im Hotel Puerta América in Madrid

An der Schnellstraße zwischen Flughafen und Stadtzentrum steht ein bunt schillerndes Hotelhochhaus, das sich mit der Innengestaltung vieler prominenter Architekten schmückt. Unser Autor sucht Zuflucht im zurückhaltenden Ambiente von Arata Isozaki.

Als der spanische Immobilienboom den Investoren noch üppige Renditen sicherte – lange ist’s her –, kam die Hotelkette Silken auf eine kuriose Idee: In Madrid wollte man ein Hotel errichten, das es bislang noch nicht gab. Der Name „Puerta América“, angelehnt an die gleichnamige Schnellstraße im Osten Madrids, klang noch recht konventionell. Außergewöhnlich dagegen war das Konzept eines „Hotels mit 19 Sternen“. Das Ganze hatte weniger mit überzeugender Architektur, aber viel mit einer ausgefallenen Werbeidee zu tun. Die Silken-Manager ließen sich damals von dem Ausspruch eines gewissen Donald Trump betören: „Trendige, von renommierten Architekten entworfene Hotels vermarkten sich besser.“

Black box mit minimalistischem Touch

So wurde das Hotel mit gehörigem Medienrummel eingeweiht. Der Präsident der Hotelgruppe pries das Haus wie die amerikanische Freiheitsstatue – als „Hommage an die Freiheit, an die Verbindung der Völker, Kulturen und Religionen“. Die Völkerverbindung sah er durch die Namen der internationalen Architekten gewährleistet, die er für das Projekt gewinnen konnte – denn neben dem Projektleiter Jean Nouvel wurden eigens Norman Foster, Zaha Hadid, David Chipperfield und Arata Isozaki eingeflogen. Alle diese internationalen Sternchen, zu denen sich natürlich noch etliche weitere hinzugesellten, erhielten die Aufgabe, eine ganze Etage nach eigenem Gusto zu gestalten.

Der große Gästeandrang ließ noch Monate nach Eröffnung allerdings auf sich warten. Der Autor jedenfalls wurde an der Rezeption gefragt, welches Zimmer er bevorzuge – das von Foster, Chipperfield, Nouvel, Hadid oder Isozaki. Die Entscheidung war nicht schwer, denn die Extravaganzen einer Zaha Hadid lagen mir nicht sonderlich, und so wählte ich den meditativen Rückzugsort von Arata Isozaki. Die Wahl erwies sich als goldrichtig, denn für Ruhebedürftige ist das Hotelzimmer des Japaners unübertroffen: Beim Betreten des Hotelzimmers im zehnten Stock denkt man eher an eine „Black box“ mit minimalistischem Touch. Oder an einen schwarzen Schrein, der zum heißen Madrider Sommer den passenden Ausgleich liefert.

Kultisch-meditativer Ort

Marmorfliesen und Oberlicht dominieren das Entree, schwarzer Teppichboden und graue Wände akzentuieren ein Ambiente, das ohne Farbkontraste auskommt und den Gast auf das Zimmer seiner nächtlichen Bleibe einstimmt. Tatsächlich ist das Hotelzimmer die perfekte Ruhezone in dem kunterbunten Potpourri, das dem Gast als Auswahl angeboten wird.

Im Isozaki-Zimmer wird der Blick ins Freie durch einen „Shoji“ gerastert, ein feines Gitter vor der gesamten Fensterfläche, das nur gedämpftes Licht hereinlässt. Am Kopfende des Betts erstrahlen quadergleiche Lichtquellen auf schwarzer Holzwand. Es versteht sich von selbst, dass ebenso die Bettdecke und die Stühle mit filigranen, geschwungenen Rückenlehnen in Schwarz gehalten sind. Gleiches gilt für Fußboden und Tisch. Nur der knallrote Kleiderschrank setzt einen kräftigen Farbkontrast. Sparsame japanische Akzente herrschen lediglich im Bad vor. Die rechteckige Badewanne aus heller, japanischer Hinoki-Zypresse lässt daran denken, dass dieser kleine Raum im lauten Madrid wirklich so etwas wie ein kultisch-meditativer Ort ist. Selbst für Badewannen-Muffel.

Der Beitrag über das Hotel Puerta América ist im Baumeister 06/2020 erschienen.