09.10.2015

Portrait

Mail aus Rotterdam (5)

von Simone Hüttenberend, unterstützt von Graphisoft und der BAU 2017

Praktikanten bei MVRDV

Mein Praktikum bei MVRDV ist nun schon seit knapp einem Monat vorbei und ich bin wieder in Aachen in meinem alten Leben angekommen. Fast so, als wäre ich nie weg gewesen. Natürlich werde ich jetzt ständig gefragt, wie es so war und ob ich denn was gelernt habe. So einfach diese zwei Fragen sind, genauso schwierig sind sie zu beantworten. Wie ist es gewesen? Gut. Was habe ich gelernt? Viel. Ganz gleich wie aufrichtig das „gut“ und das „viel“ gemeint sind, sind sie doch als Antwort gleichermaßen unbefriedigend. Hiermit starte ich einen sicher nicht letzten Versuch, meine Auffassung von gut und viel ein bisschen besser zu erklären.

Praktikanten bei MVRDV
Abschiedsgrillen
Strandtag von Mitarbeitern und Freunden von MVRDV

Gut

Wenn ich sage gut, meine ich eigentlich: ‚Ich denke, das Praktikum war ein voller Erfolg und ich habe ein tolles halbes Jahr verbracht, habe an manchen Tagen viel erlebt und an vielen Tagen eher weniger. Dabei habe ich den erlebnisreichen Tagen noch eine extra Portion Bedeutung beigemischt und diese Bedeutung wird wachsen, bis dass ich mich an die ereignislosen Tage nicht mehr erinnern kann. Das gleiche auf und ab, das ich an jedem Ort erlebe, habe ich auch in Rotterdam erlebt. Ich habe interessante Menschen kennen gelernt und auch weniger interessante. Mit den Menschen verhält es sich wie mit den Tagen, sodass ich mich nach nicht allzu langer Zeit nur noch an die interessanten unter ihnen erinnern kann.‘

All das könnte ich sagen, und doch bleibt es unmöglich ein abschließendes Fazit für ein gesamtes halbes Jahr zu treffen. Blicke ich auf das letzte halbe Jahr zurück, ist es hingegen viel einfacher, ein paar abschließende Fragen zu stellen, auf die es noch Antworten zu finden gilt. Ist es das, was ich gerne mache? Stelle ich mir so meine Zukunft vor? Wenn nein, wie stelle ich mir meine Zukunft vor? Was möchte ich im Leben erreichen, beruflich und privat, und mit welcher Gewichtung? Wie wichtig ist mir der schöpferische Schaffungsprozess und was bin ich dafür zu opfern bereit? Kann ich mich für das, was ich tue schließlich wertschätzen und werde ich wertgeschätzt? Sind diese Fragen unvermeidlich, wenn man sich entschließt, Architekt zu werden und wenn ja, warum noch mal wollte ich überhaupt Architekt werden?

Viel

Wie es mit den meisten Lernprozessen ist, gehen sie schleichend vonstatten und man bemerkt den Vorgang kaum, bis dass man auf ihn zurück schaut. Genau aus diesen Grund ist es auch so schwierig, auf die Frage ‚Was hast du gelernt‘ ehrlich zu antworten. Ehrlich wäre: ‚Ich habe keine Ahnung, aber ich vermute mal eine ganze Menge.‘ oder ‚Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, ganz viel zu lernen, und hoffe einfach, dass mir das auch gelungen ist.‘

Einige meiner Kommilitonen haben parallel zu meinem Praktikum ihren Master-Entwurf gemacht und als ich aus Rotterdam zurückkam, waren sie gerade im Endspurt. Wie es unter Architekturstudenten üblich ist, hilft man sich gegenseitig, da der Entwurf den Studenten immer wieder vor unlösbaren Herausforderungen stellt, vor allem was das Arbeitspensum angeht. Hier habe ich das erste Mal wirklich gemerkt, was ich im Vergleich zu meinen Kommilitonen im letzten halben Jahr für einen Sprung nach Vorne gemacht habe, allein was meine Computer-Kenntnisse angeht. Das ist sicher nicht der wichtigste Aspekt eines Praktikums, aber doch ein recht nützlicher.

Natürlich gehe ich davon aus, dass sich auch meine Englischkenntnisse verbessert haben. Da aber mein Erasmus-Stipendium erst einen Monat vor Schluss bewilligt wurde und ich aus diesem Grund meinen Einstufungs- und meinen Abschluss-Sprachtest in der gleichen Woche absolviert habe, konnte offiziell keine Verbesserung festgestellt werden. Auf dem Papier haben sich meine Sprachkenntnisse innerhalb dieser Woche sogar verschlechtert.

Die weitaus wichtigeren Erfahrungen sind weniger klar zu bemessen. Ich glaube der wirkliche Sinn und Zweck, von zu Hause fortzugehen ist, sich selbst kennenzulernen. Daheim ist es schwieriger, sich kritisch zu hinterfragen, weil jeder dich, deine Stärken und Schwächen schon seit langem zu kennen glaubt. Erst in der Fremde wird man wirklich zu dem, der man ist, anstatt der zu sein, den die Anderen zu kennen glauben. Ausserdem häufen sich plötzlich die Herausforderungen und erst die Art und Weise, wie man diese meistert oder grandios an ihnen scheitert, prägt das Selbstbild. Von dem Vielen, was ich gelernt habe, war das Meiste Wissen darüber, was ich noch lernen muss. Dieses Wissen hat in mir den Ehrgeiz geweckt, an mir zu arbeiten und über mich hinaus zu wachsen. Während des Praktikums und darüber hinaus.

Die Baumeister Academy wird unterstützt von Graphisoft und der BAU 2017

Scroll to Top