08.01.2019

Event

Der Zirkus Karajani und das beschwipste Spiegelei

von Falk Jaeger

Die DZ-Bank am Pariser Platz schräg gegenüber des Brandenburger Tors gilt als das erstaunlichste, weil untypischste Werk des kalifornischen Architekten Frank O. Gehry. Denn hier war er gezwungen – und er ließ sich zwingen – nach den strengen Regeln der Berliner Bauvorschriften zu entwerfen. Baulinie, Traufhöhe, Lochfassade, Steinfassade, das ist normalerweise nicht seine Welt. Doch wie er darauf reagierte – am Pariser Platz rigide, abstrahiert bis zur Karikatur, an der Südseite mit bewegter, pulsierender Fassade die Vorschriften bis zum Bersten ausreizend, nötigte allen Respekt ab.

Frank Gehrys , Walt Disney Concert Hall, Mappenwerk, Holzbox mit Edelstahldeckel, Mixed-Media-Drucke, Tinte auf Japanpapier, 2003, Blätter: 44,5 × 48 cm, Schachtel: 48,3 × 49,8 × 3,5 cm, © Stiftung Brandenburger Tor, Foto: Frank Sperling
Frank Gehry, DZ Bank, finales "Horse Head"-Modell, 1997/1999, Zinn, Linde, Schaumstoffplatte, 124,46 x 41,91 x 47,62 cm, Abbildung bereitgestellt von Gehry Partners, LLP
Frank Gehrys , Museumsinsel, Berlin, Phase I, finales Wettbewerbsmodell, 1994, Linde, Vinyl, Plastik, 231,14 × 120,65 × 30,48 cm, © Stiftung Brandenburger Tor, Foto: Frank Sperling

Scharoun und Ghery

Drei Berliner Arbeiten Gehrys sind derzeit im Max Liebermann Haus just neben dem Brandenburger Tor in einer Ausstellung präsent, gemeinsam mit Werken von Hans Scharoun. Weshalb Scharoun? Frank O. Gehry (geb. 1929) und Hans Scharoun (1893-1972) haben sich ja nie persönlich kennen gelernt. Man kann auch nicht sagen, dass Gehry in frühen Jahren von Scharoun sonderlich beeinflusst gewesen wäre, von ihm gelernt hätte, als ein Nachfolger gelten könnte. Erst als er selbst ein Konzerthaus zu bauen hatte, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, besuchte er die Berliner Philharmonie, wie eigentlich jeder Architekt, der eine solche Aufgabe vor sich hat. An diesem Punkt setzen die Kuratorinnen vom Getty Research Institute an und versuchen, Korrespondenzen, Gemeinsamkeiten, „Zusammenklänge“, wie sie es nennen, im Werk der beiden Baukünstler dingfest zu machen.

Etwas guter Wille

Getty hatte das Archiv von Gehry übernommen, und bei der Sichtung ist den Kuratorinnen wohl die Idee mit Scharoun gekommen. Mit etwas gutem Willen kann man also zum Beispiel eines der wunderbaren Blätter von Scharouns Architekturfantasien aus der Zeit des zweiten Weltkriegs als Vorzeichnung zu Gehrys Konzerthalle lesen. Manchmal muss man freilich ein Auge zudrücken. Scharouns berühmte, vehement, aber mit sicherer Hand aufgetragene „Urskizze“ der Philharmonie hat wenig gemein mit Gehrys Krakel- und Kringel-Methode, sich dem Grundriss und Schnitt eines Konzertsaals zu nähern.

Doch hinreißend und sehenswert sind sie beide, und das macht die Schau aus, die wunderbaren, zum Teil erstmals gezeigten Originale. Große, aufwändige Modelle sind erstmals nach Berlin gekommen. Ein Schwerpunkt liegt auf den Berliner Projekten. Man kann die Genealogie der DZ-Bank nachvollziehen, wie es zum „Pferdekopf“, so der Spitzname des im Atrium schwebenden Sitzungssaals, gekommen ist, oder sich in den großartigen Pierre Boulez Saal, das „beschwipste Spiegelei“, hineinversetzen. Mit dabei ist natürlich auch Gehrys erstaunlicher Entwurf für die Museumsinsel, dem die Museumsleute noch immer nachtrauern.

Das Kulturforum aus dem 3-D Drucker

Mit dabei auch Scharouns städtebauliches Modell des Kulturforums, wie es hätte werden sollen, dazu als Novum ein Schnittmodell der Philharmonie, des „Zirkus Karajani“. Man hat das komplexe Raumkunstwerk von einem 3D-Drucker erstmals als Modell herstellen lassen. Es geht also nicht um ein bislang unbekanntes Kapitel der zeitgenössischen Baugeschichte, sondern um neu entdeckte formale Verwandtschaften, denen auch Gehry nicht widersprechen wollte.

Im gut ausgestatteten Katalog kann man die opulente Schau für 28 Euro nach Hause tragen und in Ruhe noch eine Reihe kluger Texte studieren, die das Werk beider Baukünstler erschließen.

Die Ausstellung ist noch bim zum 20. Januar 2019 im Max Liebermann Haus in Berlin zu sehen. 

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