26.07.2020

Produkt

Reparaturkultur – Vom Wert der Dinge

von Sabine Schneider

B8/20: Reparaturkultur – Vom Wert der Dinge (Foto:Susanna Bier)


Aussichtslose Fälle?

Viel ist die Rede von der Wegwerfgesellschaft und was sich ändern muss; wenig wird umgesetzt. Architektinnen und Architekten dagegen haben die Möglichkeit, etwas zu tun: bei Sanierungsprojekten das Vorgefundene respektieren, das Besondere erkennen, interpretieren, ergänzen. Kurz: reparieren. Redakteurin Sabine Schneider stellt im Editorial den B8/20 vor.

 

Was lässt sich heute noch reparieren? Wer macht sich die Mühe, wo gibt es Ersatzteile? Dinge herzustellen, die schnell kaputt gehen, mag zunächst hohe Margen versprechen, volkswirtschaftlich dagegen wird es uns teuer zu stehen kommen. Erfreulicherweise zeigt sich aber etwa an der Anziehungskraft von Flohmärkten und Repair-Cafés, dass mancher Dinge aussortiert, die ein anderer gerne wieder in Gebrauch nimmt. 

 

 

Mit Silke Langenberg stellen wir in dieser Ausgabe eine Reparaturfachfrau vor. An der Hochschule München entwickelte sie als Professorin für Bauen im Bestand, Denkmalpflege und Bauaufnahme einen Reparaturkurs für Alltagsgegenstände. Ihre Auffassung: Die Studierenden lernen zunächst einmal den Wert älterer Dinge schätzen, dann eine Haltung zur Reparatur, die sie auf Bestandsgebäude übertragen können: etwa sichtbar flicken, im alten Glanz wiederherstellen oder etwas Neues daraus machen.

Wir zeigen im Heft außerdem scheinbar aussichtslose Fälle: ein fenster­loses Lagerhaus voll sperriger Schütttrichter, eine bröckelnde Stadtmauer, eine ausgebrannte Kirche, ein heruntergekommenes Wohnhaus. Die Sanierungsarchitekten ließen sich aber von der jeweiligen Geschichte der Bauwerke einnehmen, fanden teil­weise solides Material vor, haben Gebrauchsspuren erhalten und Neues dazu erfunden. 

 

Reparatur als Gemeinschaftswerk

 

Dabei hilft es, dass der Blick zurück in die Baugeschichte oft verklärt ist. Historische Gebäude geben uns Halt, ein Gefühl der Authentizität, Ruinen erinnern uns in diesen melancholischen Coronazeiten an unsere Vergänglichkeit. Sie zu reparieren bedeutet ein Wiedergutmachen, ein Erbe erhalten und weitergeben. 

Die Debatte um Nachlässe aus Schreckensregimen schafft es auch immer wieder in Zeitungen und soziale Medien. So flackert in Barcelona seit Jahren regelmäßig eine Debatte um das Baudenkmal eines Gefängnisses auf, das nicht erst seit der Franco-Zeit bei vielen Bürgern schlimme Erinnerungen weckt. Der dortige Stadtbaudirektor sieht hier nur einen Weg, das Problem zu lösen: in der Partizipation mit den direkten Anwohnern. Für ihn gilt, Reparatur ist ein Gemeinschaftswerk.

Den B8/20 können Sie im Shop erwerben.

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