Potjomkins Erben

Mehr Schein als Sein: Diese Formel fasst das Konzept des potjemkinschen Dorfes bündig zusammen. Angeblich stammt die Idee vom russischen Feldmarschall Grogori Potjomkin, der mit Kulissenstädten Reichtum und Prosperität im Zarenreich demonstrieren wollte. Dass er bis heute viele Nachahmer findet, zeigt der Bildband „The Potemkin Village“ des Fotografen Gregor Sailer. Wir haben mit ihm über den eigentümlichen Zauber dieser modernen potjemkinschen Dörfer gesprochen.

The Potemkin Village
Carson City VI, Vårgårda, Sweden, 2016. Foto: Gregor Sailer

 

Herr Sailer, wie sind Sie auf die Idee gekommen, in der Gegenwart nach potjemkinschen Dörfern zu suchen?
Im Prinzip begleitet mich das Thema schon lange. Das Interesse an der Künstlichkeit und Kulissenhaftigkeit architektonischer Umgebungen hat mich bereits bei früheren Projekten angetrieben, wo ich sogenannte „Closed Cities“ oder eine unterirdische Messerschmidt-Flugzeugfabrik aus dem Zweiten Weltkrieg fotografiert habe. Dieses Mal ist es jetzt in den Fokus gerückt. Die Recherche hat sich dann als sehr ergiebig erwiesen. Denn es gibt heute erstaunlich viele architektonische Erscheinungen, die sich mit dem Begriff des potjemkinsches Dorfs in Verbindung bringen lassen.

Welche sind das?
Zum einen bin ich auf ganz klassische Beispiele von Kulissenstädten gestoßen, die – wie zu Zeiten Potjomkins – mit fingierten Architekturelementen Reichtum und Prosperität vortäuschen, auch wenn die reale Bebauung eher das Gegenteil verheißt. In Russland etwa war das der Fall. Hier habe ich Gebäude fotografiert, die für ein mediales Großereignis in der Stadt mit großen bedruckten Planen bespannt wurden, um bei den Betrachtern einen besseren Eindruck zu hinterlassen – was auch erstaunlich gut funktioniert. Daneben gibt es aber auch andere Anlässe, aus denen Kulissenarchitektur entstehen kann. Viele Armeen haben in den letzten Jahren zum Beispiel Geisterstädte errichtet, um hier für Auslandseinsätze zu trainieren. In Schweden gibt es Straßen und Häuserzeilen, die als Testgelände für Autos dienen. Und in China werden Altstadtviertel nach europäischem Muster errichtet, die dann als besonders luxuriöse Wohnanlagen an zahlungskräftiges Klientel verkauft werden sollen. Mir war es wichtig, mich möglichst breit und umfassend mit dem Phänomen des potjemkinschen Dorfs auseinanderzusetzen. Deshalb habe ich all diese Varianten in meine Arbeit mit aufgenommen.

„Die Bilder sollen eine politische Aussage transportieren.“

Dabei ist dieser Begriff ja durchaus auch negativ besetzt – immerhin geht es letzten Endes um Fake Towns, also um Kopien und Fälschungen. Was interessiert Sie als Fotograf an Architekturen, die vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind?
Es ist nicht der Täuschungscharakter an sich. Spannend finde ich eher das Zusammenspiel zwischen gelingender und gebrochener Raumillusion. Als Fotograf habe ich ja die Möglichkeit, das Kulissenhafte der Häuserhüllen, mit denen potjemkinsche Dörfer die Illusion eines normalen Ortes erwecken, mit einzufangen und in den Fokus zu rücken. Wenn das gelingt, entstehen durch das Nebeneinander von Täuschung und aufgehobenem Täuschungsversuch sehr spannungsreiche und starke Bilder. Zugleich sollen die Bilder aber auch eine politische Aussage transportieren. Es geht mir darum, den gewaltigen Aufwand bewusst zu machen, der heute betrieben wird, um bestimmte Realitätsausschnitte nachzustellen. Hier wird mit hohen Investitionssummen eine kontrollierte Scheinwelt erzeugt. Das hat für mich etwas Verstörendes.

The Potemkin Village
Russland, Ufa & Suzdal. Foto: Gregor Sailer

 

Wie echt wirkt denn der Schein, der von solchen Architekturkulissen ausgeht?
Ziemlich echt. Gerade die Trainingsstädte der U.S.-Militärs in der Mojave-Wüste, die von einer freien, weiten Landschaft umgeben sind, schaffen es, dem Besucher beim Betreten eine durchaus vertraut-urbane Erfahrung zu vermitteln. Das kann durch bestimmte Kunstgriffe noch verstärkt werden: Die Army etwa beschäftigt hier dauerhaft über 300 Statisten, die das Leben in einer Kleinstadt des Nahen Ostens imitieren sollen. Und dazu kommt noch eine Ausstattung, komplett bis hin zu den Obstattrappen für die Marktstände.

Also kann für den Betrachter die Grenze zwischen einem normalen und einem potjemkinschen Dorf schon mal verschwimmen.
Ja, aber nur punktuell. Letzten Endes schlägt schon durch, dass es sich hier nicht um bewohnte und gewachsene Siedlungen handelt, sondern um – wenn auch kunstvoll ausgeführte – Attrappen. Das bestimmende Gefühl, das mich an diesen Orten überkommt, ist deshalb immer eines der Einsamkeit – und der Leere.

„Ist man fündig geworden, geht es dann darum, sich einen Weg durch das Behördenchaos zu bahnen.“

Viele der Orte, die Sie besucht haben, sind ja auch abgeschottet von der Außenwelt. Militärische Übungsgelände zum Beispiel – wie verschafft man sich als Fotograf Zutritt zu solchen Stätten?
Das ist tatsächlich nicht ganz leicht, deshalb war meine Fotoarbeit bei diesem Projekt auch immer von einer sehr langen Recherche- und Organisationsphase begleitet. Zuerst geht es einmal um die ganz basale Frage, wo solche Anlagen überhaupt zu finden sind. Bei militärisch verwalteten Strukturen ist ja schon hier der öffentliche Informationsgrad nicht besonders hoch. Ist man fündig geworden, geht es dann darum, sich einen Weg durch das Behördenchaos zu bahnen: Wer ist zuständig für das Objekt, wer kann die Genehmigung für einen Besuch erteilen? Oft muss man sich dafür einen profunden Einblick in die Organisationsstruktur einer Armee verschaffen – und hoffen, dass man mit seinem Anliegen bei den entsprechenden Stellen auch nicht auf taube Ohren stößt.

The Potemkin Village
Junction City IV, Fort Irwin, US Army, Mojave Wüste, Kalifornien, USA, 2016. Foto: Gregor Sailer

 

Konnten Sie bei diesen Recherchearbeiten auch in Erfahrung bringen, wer mit den Planungsarbeiten an solch militärisch genutzten Kulissenstädten betraut ist?
Dafür gibt es eigene Militärarchitekten. Sie haben die Aufgabe, Settings zu entwerfen, die die Gegebenheiten an den aktuellen Kriegsschauplätzen so genau wie möglich widerspiegeln. In den letzten Jahrzehnten waren die europäischen Armeen besonders in Konflikte in der Nahost-Region verstrickt. Als Reaktion darauf sind Kulissenstädte entstanden, die die typischen Siedlungsformen dieser Länder nachahmen. Dafür entwerfen die Architekten nach authentischen Vorbildern Straßenzüge, Plätze und markante Gebäude wie Moscheen und Minarette, damit die Soldaten sich unter möglichst realitätsnahen Bedingungen auf ihren Einsatz vorbereiten können. Und die Planung geht zum Teil bis ins Detail. Zum Beispiel bei den Treppenstufen.

„Die Stimmung, die herrscht, ist ziemlich gespenstisch.“

Was muss da berücksichtigt werden?
Treppenstufen haben an vielen Orten Welt andere Maße, als wir sie gewohnt sind, die Stufen sind da zum Beispiel kürzer und die Steigung höher. Im Häuserkampf kann es fatal sein, wenn die Soldaten auf solche Details nicht vorbereitet sind.

Gibt es bei aller Detailversessenheit auch etwas, was sich nicht künstlich herstellen lässt, wenn man Häuser oder Städte plant?
Was ich nie angetroffen habe, ist tatsächlich so etwas wie ein authentisches städtisches Lebensgefühl. Natürlich steht das bei den Mocktwons, die zu militärischen Zwecken dienen, nicht im Fokus. Aber auch dann, wenn versucht wird, mit einem potjemkinschen Architekturansatz echte Wohnstädte zu entwerfen, scheint sich diese Qualität nicht einstellen zu wollen. Sie beruht viel mehr auf sozialen Erfahrungen und Interaktionen als auf einer bestimmten Art von architektonischer Umgebung. In den spärlich besiedelten chinesischen Stadtkopien zum Beispiel können auch die prunkvollsten Häuserfassaden nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Dimension völlig fehlt. Die Stimmung, die hier herrscht, ist dann ziemlich gespenstisch.

Die Fotografien von Gregor Sailer sind bis zum 8. März 2019 in der Freelens Galerie in Hamburg zu sehen.