Die Architektin beim LKA Berlin

„Vernetzt – Sicher – Komfortabel“ – unter den Schlagworten startet die Light + Building am 18. März in Frankfurt am Main. Wir haben die Topthemen der Weltleitmesse für Licht und Gebäudetechnik zum Anlass genommen, ausgewählte Experten der Architekturszene vorab zu treffen und mit ihnen ihre Visionen und Ideen für die Beleuchtung der Zukunft zu diskutieren.

Zweites Thema: Sicher – die Bedeutung von Licht für den öffentlichen Raum.

Im zweiten Teil unserer Interviewreihe anlässlich der Messe Light + Building widmen wir uns dem Thema „Sicherheit“ und der Frage, wie öffentliche Lichtkonzepte aussehen müssen, um ein sicheres Stadtgefüge zu unterstützen. Darüber sprachen wir mit der Architektin Ingrid Hermannsdörfer. Sie arbeitet in Berlin für die Zentralstelle für Prävention des Landeskriminalamts.

IngridHermannsdörfer
Ingrid Hermannsdörfer (Bild: Dawin Meckel/OSTKREUZ)

 

Frau Hermannsdörfer, Sie sind seit sieben Jahren für die städtebauliche Kriminalprävention zuständig. Was dürfen wir uns genau darunter vorstellen?
SKP ist umfassender, als man sich das vielleicht vorstellt. Prinzipiell geht es darum, durch baulich-räumliche Gestaltung – und meist begleitende soziale Maßnahmen – Kriminalität zu verhindern oder zumindest einzudämmen. Wir arbeiten daran, potenziellen Tätern ihr Tun zu erschweren, indem wir dafür sorgen, dass ihr Entdeckungsrisiko und der Aufwand, den sie betreiben müssen, steigen und ihre Aussichten auf Erfolg sinken. Weitere Aspekte sind Vorbeugung gegen Verwahrlosungstendenzen und Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum. Stichpunkte sind unter anderem Übersichtlichkeit, Barrierefreiheit, gute Orientierung, gute Beleuchtung, Generationen-übergreifende Nutzbarkeit. Alles muss stimmen – nur einzelne Aspekte zu bearbeiten, wie zum Beispiel Beleuchtung, reicht nicht aus.

„Licht ist einer von vielen Aspekten kriminalpräventiver Gestaltung.“

Welchen Stellenwert ordnen Sie der Beleuchtung öffentlicher Plätze zu?
Licht ist ein wichtiger Sicherheitsaspekt – er unterstützt die objektive Sicherheit, aber auch die subjektiv empfundene. Die vielerorts vorhandene Tendenz, Beleuchtungsstärken und –zeiten zur Kosteneinsparung angesichts klammer kommunaler Kassen zu reduzieren, ist in punkto Sicherheit – und auch in Bezug auf das Sicherheitsgefühl – nicht gerade förderlich. Dabei gibt es längst innovative Lösungen, wie zum Beispiel Elemente, die Stromerzeugung via Photovoltaik, Beleuchtung und andere Funktionen kostensparend kombinieren. Im Forschungsprojekt PVACCEPT – das lief von 2001 bis 2005 – haben Kollegen und ich unter anderem innovative leuchtende Photovoltaikmodule entwickelt und installiert, die den Strom für ihre Beleuchtung selbst generieren.

Was wird beim Thema Beleuchtung oft falsch gemacht?
Ich stelle immer wieder fest, dass Beleuchtungselemente fehlplatziert werden – zum Beispiel wenn sie in Baumkronen verschwinden. Oder die Elemente sind falsch ausgerichtet, in zu großen Abständen angeordnet oder defekt bzw. schlecht instand gehalten .

„Zur Erkennung von eventuellen Gefahren, ist eine gleichmäßige Beleuchtung wichtig.“

Wie sollte ein Beleuchtungskonzept für sichere Straßen und Wege aussehen?
Es wird eine möglichst gleichmäßige Ausleuchtung ohne einen Wechsel von Hell- und Dunkelbereichen benötigt. Es ist aber auch nicht sinnvoll, einen Weg und damit die Menschen, die sich darauf bewegen, taghell zu erleuchten, so dass man auf dem „Präsentierteller“ ist, während das gesamte Umfeld im Dunkeln liegt. Leuchtenausrichtung und –helligkeit sollten es ermöglichen, dass man Verhalten und Mimik anderer Menschen so frühzeitig erkennen und damit eventuelle Gefahren einschätzen sowie entsprechend reagieren kann. Im Berliner Lichtkonzept wurde hierzu eine Entfernung von mindestens vier Metern definiert.

Gibt es da Standardkonzepte?
Grundsätzlich gilt für das Thema Beleuchtung dasselbe wie für alle anderen kriminalpräventiven Aspekte: Jeder Ort hat spezifische Bedingungen, die konzeptionell berücksichtigt werden müssen, das heißt aus der örtlichen räumlichen oder sozialräumlichen Situation, der Nutzung und dem Kriminalitätslagebild ergeben sich jeweils auch unterschiedliche planerische Lösungen. Beleuchtung kann beispielsweise auch mit künstlerischen Elementen kombiniert werden – wie bei der besseren Ausleuchtung einer Unterführung.

„Die technischen Möglichkeiten, Beleuchtungselemente mit zusätzlichen Funktionen für mehr Sicherheit auszustatten, sind noch lange nicht ausgeschöpft.“

Wagen wir einen Blick nach vorn. Wird es jemals eine sicherheitsfördernde Leuchte geben?
Es gibt gute Beispiele energieeffizienter und „intelligenter“, also beispielsweise sensorgesteuerter, kommunizierender Leuchten. Neuere Entwicklungen mit Blick auf Sicherheit sind beispielsweise vernetzte Leuchten mit Notrufknopf, wobei der Alarm an einer Kontrollstelle registriert und gleichzeitig die Beleuchtungsstärke hochgefahren wird; oder Leuchten wie in den USA, die neben Bewegungs- auch Geräuschsensoren haben und auf Lautstärkensteigerung oder Schussgeräusche reagieren können.

Was wünschen Sie sich für nächstes Jahr?
Dass die Berücksichtigung von kriminalpräventiven Aspekten in der Planerausbildung und Planungspraxis einen höheren Stellenwert bekommt als sie heute hat.

Zusatzinformationen

Vita Ingrid Hermannsdörfer Ingrid Hermannsdörfer hat Studienabschlüsse als Designerin/Innenarchitektin und Architektin und ist als Mediatorin ausgebildet. Ihre beruflichen Schwerpunkte in Praxis und Forschung waren u. a. Planen und Bauen in Entwicklungsländern (mit längeren Auslandsaufenthalten), Wohnungsbau, ökologisches Planen und Bauen, Solarenergie (u. a. Projekt PVACCEPT). 2005 veröffentlichte sie mit C. Rüb das Fachbuch „SolarDesign – Photovoltaik für Altbau, Stadtraum, Landschaft“. Seit Januar 2011 leitet sie bei der Polizei Berlin das Arbeitsgebiet Städtebauliche Kriminalprävention in der Zentralstelle für Prävention des Landeskriminalamts.

Zum ersten Interview zum Thema „Vernetzt – smarte Lichtkonzepte für die Stadt von morgen.“ geht es hier!