Ertrinkende Moderne

In diesem Sommer fand im dänischen Vejle die Ausstellung „Floating Art“ statt, mit Kunstwerken im öffentlichen Raum. Das ist nicht weiter bemerkenswert, interessanter ist schon der Hinweis, dass sämtliche der ausgestellten Werke auf dem Wasser schwammen. Zwar hat das schon die diesjährige Triennale in Brügge mit „Fluid City“ praktiziert, aber in Vejle sind die Skulpturen nicht auf den Grachten, sondern auf dem Fjord zu sehen, zwischen Hafen und der das Meerwasser überquerenden Vejle-Fjord-Brücke.

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Inspiration Wasser

Moderne Künstler haben sich immer wieder vom Wasser inspirieren lassen. Das passierte auch dem Dänen Asmund Havsteen-Mikkelsen, nachdem er 1999 in Le Corbusiers „Fondation Swiss“ in der „Cité Internationale Universitaire de Paris“ gewohnt hatte. Dort erfuhr der Künstler, dass der Schweizer Le Corbusier kurz vor Errichtung der „Fondation“ durch die unweit von Paris gelegene Villa Savoye weltweit bekannt geworden war. Besonders die Fünf Grundsätze für eine Neue Architektur, die Le Corbusier durch die Villa verewigen wollte, hatten es Havsteen-Mikkelsen angetan. Es regten sich grundsätzliche Zweifel: In die Komplexität der Gegenwartsarchitektur passe das in den zwanziger Jahren erhobene Dogma längst nicht mehr, weshalb dem Künstler, nachdem er zur Teilnahme an der „Floating Art“-Ausstellung geladen worden war, die Idee einer „Flooded Modernity“ in den Sinn kam.

Geflutete Moderne

Der Maler Asmund Havsteen-Mikkelsen beschäftigt sich als Maler immer wieder mit der Bauhaus-Architektur. Daher schaffte er das Werk „Flooded Modernity“: Ein Neubau aus weissgestrichenem Holzpaneelen, Plexiglasfenstern und Styropor, den er vor der architektonischen Stadtsilhouette Bølgen in den Fjord versenkte. Das gewählte Sinnbild für die „geflutete Moderne“ ist natürlich ein starkes Motiv.

Die topographischen Umstände, die Havsteen-Mikkelsen nicht erwähnt, helfen da weiter. So ist Vejle in der Tat eine „Fluid City“, mehr noch als Brügge. Denn das jütländische Vejle liegt nicht nur im Fjord-Delta und an zwei Flüssen, sondern auch inmitten eines Sumpfgebietes. Das zeigt bereits ein Stadtplan von 1627: In einer Zeit, als die Niederländer noch davon träumten, die Zuidersee trocken zu legen, kultivierten die Dänen den Sumpf und gründeten Vejle.

Mit dem Wasser leben

In heutigen Tagen ist den Vejlern bewusst, dass sie den Risiken des Wassers auch in Zukunft ausgesetzt bleiben. Die Gemeinde mit 56.000 Einwohnern gehört zu jenen dänischen Küstenstädten, die die Auswirkungen des Klimawandels am stärksten treffen wird. Wolkenbrüche und Sturmfluten werden zum Alltagsszenario gehören. An den Plätzen der Innenstadt sind schon heute Sandsäcke gebunkert. Doch dieses Alltags- ist für die Dänen kein Schreckensszenario. Ebenso wie in Holland hat man in Vejle Vorkehrungen getroffen, die Fluten in Pools, Kanäle und Seen abzuleiten. „Living with the water“ ist auch für die Dänen zum Leitspruch geworden.

Deswegen hat für den Paddler, der seelenruhig an der untergegangenen Villa Savoye vorbeizieht, selbst die „Flooded Modernity“ jegliche Schreckensvision verloren.