Flimser Wasserweg

Die meisten denken bei Flims nur ans Skifahren, an Seilbahnen und Pisten, an eine romantisch verschneite Bergwelt. Verglichen mit dem winterlichen Trubel wirkt das sommerliche Flims beschaulich, verschlafen. Daran wird auch der vor zwei Jahren eröffnete „Trutg dil flem“ (Wanderweg entlang des Flusses Flem) nicht so viel ändern. Aber mindestens für Architekten und Ingenieure ist der Ort dann im Sommer um einiges attraktiver geworden.

Denn es war kein Geringerer als Jürg Conzett, der den in Teilen bereits vorhandenen Weg hinauf zum Segnesboden durch eine Handvoll Brücken und Brücklein erst zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt hat.

Der Weg führt zunächst – alten Pfaden folgend – am Rand von winters als Piste genutzten Wiesen bergauf. Auf einem neu trassierten Abschnitt entlang einer Hangkante taucht er dann in ein dicht bewachsenes Waldstück ab. Geht man im Zickzack den Steilhang herunter, erblickt man die Brücke Muletg 1, die erste der insgesamt sieben neu gebauten Brücken: eine einfache, aber klug durchdachte, baukastenartige Zimmermannskonstruktion, bei der einzelne Bauteile jederzeit ausgewechselt werden können.

Geht man weiter, muss man sehr genau hinschauen, um die nächste Brücke zu entdecken. Die Wasserfallbrücke 2 ist – vom Ingenieurstandpunkt betrachtet – eine der außergewöhnlichsten und kühnsten Brücken schlechthin: 22 Meter Spannweite bei 20 Zentimeter Materialstärke! Das ist – obendrein aus Naturstein gefügt – keine Selbstverständlichkeit. Und wie das gemacht wurde, sieht man, wenn man näher herantritt. Die zu länglich schmalen Quadern gesägten Natursteine werden von zwei Edelstahlbändern vorgespannt. Sichtbar. Nachvollziehbar.

Die nächsten beiden Brücken, Punt da Max 3 und Tarschlims 4 und, queren vergleichsweise ruhig fließendes Wasser. Sie sind geschickt dem Ort angepasste Varianten des Typs „Zimmermannsbrücke“. Den nächsten Höhepunkt in der Gesamtinszenierung bildet die „Brücke beim Pilzfelsen“ 5, die nur zu einem kleinen Teil Brücke ist, zum größeren Teil durch eine beidseits in den begleitenden Fels eingeschnittene Treppe gebildet wird. Hier kommt man den im Frühjahr nach der Schneeschmelze besonders heftig herabstürzenden und in Gletschermühlen herumwirbelnden Wassermassen so nah, dass es auch schon mal nass werden kann.

Die nächste, die „Verweilbrücke“ 6, spreizt sich grazil in etwas größere Höhen hinauf. Hier kann man den lärmend durch die ausgewaschene Felsspalte unter der Brücke hindurch ziehenden Wassern zuschauen und zuhören.

Die letzte, die „Oberste Brücke“ 7, ist die kleinste von allen. Wenn die glatt gewaschenen Felsen auf beiden Seiten nicht so glitschig wären, könnte man dort eigentlich über den Flem springen. Um die Brückenwanderung nicht mit einer Mutprobe enden zu lassen, wurde hier eine ovale Betonplatte eingepasst und im Kiesbett verlegt.

An dieser Stelle enden die Conzett-Brücken, der Weg ist aber noch nicht zu Ende. Es folgt ein ruhiges, von Almwiesen gesäumtes Hochtal mit träge dahin fließendem Wasserlauf, dessen Plätschern hin und wieder von Murmeltier-Pfiffen untermalt wird. Und als Abschluss ein etwas steilerer, schweißtreibender Aufstieg entlang vieler kleiner, kaskadenartig aufeinander folgender Wasserfälle.

Mehr dazu im Baumeister 4/2015

Fotos: Wielfried Dechau