Die Grand Tour der Universitäten – Moskau

Moskau

Universität: Moskauer Architektur Institut (MARCHI)
Ort: Moskau, Russland
Abschluss: Dipl. Arch
Studierende: ca. 1.200 (Universität), ca. 250 (Jahrgang)
Interview mit: Yulia Grantovskikh, 28

Steht man vor dem ehrwürdigen Eingang des ältesten Steingebäudes Moskaus, ist man geneigt zu vergessen, dass es einmal eine Zeit vor dem sowjetischen Klassizismus gab, dass hier schon die VKHUTEMAS den Konstruktivismus manifestierte, lang bevor das Bauhaus in Weimar gegründet wurde. An der MARCHI in Moskau werden jedes Jahr etwa 250 Studierende angenommen: Ist man einer von den Glücklichen, ist man Teil eines Sechsjahresplans, an dessen Ende man sich Architekt nennen darf. Abweichungen gibt es so gut wie keine, denn die Studiengebühren sind hoch und der bürokratische Aufwand noch höher.

Das Studium, wie Yulia es mir schildert, erinnert mich an meine eigene Schulzeit: Jeder Student wird einer Klasse und dem dazugehörigen Klassenraum zugeteilt. Im Foyer hängt ein imposanter Stundenplan, mit vier bis fünf Fächern täglich und den obligatorischen Pausen. Geraucht wird vor dem Hauptgebäude, am Brunnen ohne Wasser. In den ersten zwei Jahren absolvieren die angehenden Architekten das Grundstudium, indem sie noch kaum entwerfen, aber viel zeichnen: Antike Büsten, Historiendetails und Perspektiven. Alles ohne CAAD. Im dritten Jahr kann sich jeder Student bei einem Professor und dessen Lehrstuhl bewerben. Der Jahrgang bearbeitet vier Entwürfe jährlich: Pro Entwurf zwei Monate, acht Betreuungen und ein Kolloquium. Nach vier Jahren Schlafentzug ist der Bachelor geschafft, es folgt die Spezialisierung. Für den Studenten ändert sich dabei kaum etwas, man studiert mit den selben Kommilitonen im selben Raum und wird vom selben Professor betreut. Einzig die Projekte werden nun entsprechend des betreuenden Lehrstuhls gestellt.

Yulia besuchte die Design Klasse, einem Überbleibsel aus der Zeit vor den Historiendetails. Hier lehrt man im Grundstudium statt die klassischen Künste die abstrakte Malerei und Komposition. „5 Linien auf einem Blatt können schon einen Architekten glücklich machen“, sagt sie. Nachdem Yulia zwei Jahre in Wladiwostok, fünf Jahre in Moskau, ein Jahr in Düsseldorf und zwei Jahre in Aachen studiert hat, sind es immer noch diese fünf Linien, die ihr Verständnis von Architektur auf den Punkt bringen.

Dieser Beitrag wird unterstützt von Graphisoft und der BAU 2017