Deutsch-Brasilianische Umarmung

Eigentlich sind Fabriken eher funktional gebaut, weniger schöngeistig. Das galt bislang auch für die eckigen Backsteinhallen der Kirow Werke in Leipzig, ein Spezialist für Eisenbahnkrane und Schlackentransporter. Jetzt entsteht dort aber ein futuristischer Kugelanbau des brasilianischen Stararchitekten Oscar Niemeyer – eine außergewöhnlich runde Überraschung für die eckige Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts.

Wie aber kommt Oscar Niemeyer, Baumeister der brasilianischen Hauptstadt Brasilia, nach Leipzig? Ein weiteres Indiz für die aufstrebende Stadt im Osten, mittlerweile bekannt als „Hypzig“? Der Geschäftsführer der Kirow-Werke Ludwig Koehne – Kunst- und Architekturliebhaber – schrieb 2011 einen Brief an den Architekten: Er wünsche sich einen Anbau für die Kantine seiner Fabrik. Niemeyer, im hohen Alter von 103 Jahren, machte sich kurz darauf an die Arbeit und skizzierte eine weiße Kugel mit den so charakteristischen Niemeyer-Kurven, die das denkmalgeschützte Backsteingebäude liebevoll umarmen. Es sollte einer der letzten Arbeiten sein, die von Niemeyer verwirklicht wird. 2012 starb der brasilianische Architekt.

Jair Valera vollendet Niemeyers Werk

Jair Valera, Niemeyers rechte Hand und Trauzeuge, trägt das kreative Erbe seines besten Freundes nun weiter.* „Wir fragten uns, was ein Unternehmen dieser Größe, das so gewaltige Maschinen herstellt, dazu bewegen könnte, einen Architekten anzufragen, der dafür bekannt ist, eine Architektur zu liefern, die weit entfernt von reiner Funktionalität ist und neue Formen entwickelt … Normalerweise kümmern sich solche Unternehmen nur um Funktionalität und nicht um das Neue und die mögliche Schönheit in der Architektur … Oscar hat immer gesagt, dass die Schönheit im Neuen, in der Diversität, in der Überraschung und im Unerwarteten liegt“, sagte Valera zur Grundsteinlegung der Kugel Ende April 2017 in Leipzig.

Kugel umarmt Backstein

„Architektur ist die beste Werbung. Denn das ist ein Eindruck, der bleibt“, weiß Geschäftsführer Ludwig Koehne. In der Tat wird die Kugel ein Hingucker, vielleicht sogar ein Zuschauermagnet: Sie fasst im Durchmesser zwölf Meter, der Mittelpunkt sitzt auf der Ecke des Backsteingebäudes. Der runde Anbau besteht aus Weißbeton mit Innendämmung und zwei großen Fensterausschnitten aus geodätischen Kuppeln mit schaltbaren Flüssigkristallfenster-Modulen als Lichtschutz. All das ruht auf einem quaderförmigen Schaft aus Beton, dessen Farbe der bestehenden Backsteinfassade angepasst wurde.

Drei Geschosse wird die Kugel tragen: ein unteres „Facility“-Geschoss, wo sich im Wesentlichen die Haustechnik versteckt, eine mittlere Café- bzw. Bar-Ebene und eine obere „Lounge Area“, deren Fußboden sich auf Höhe der Äquator-Ebene der Kugel befindet. In der Lounge wird es eine geflieste Trennwand im Stile der portugiesischen Azulejos geben, die eine Oscar Niemeyer-Zeichnung ziert.

 

Künstlertreff neben Leipziger Baumwollspinnerei

„Die äußeren Sichtbeton-Flächen sind vor Kurzem fertig geworden. Im Frühjahr 2019 soll das Projekt abgeschlossen sein“, sagt Architekt Harald Kern, der die Baustelle vor Ort betreut. Von der futuristischen Kugel erhofft man sich nicht nur eine Kantinen-Erweiterung mit Weitblick, sondern auch einen kreativen Treffpunkt für die benachbarten Künstler, die mit ihren Ateliers eine ehemalige Baumwollspinnerei gleich nebenan beleben. Übrigens: Die haben es schon bewiesen, dass es möglich ist: Fabriken können sehr wohl Bühne sein für die Kunst der Moderne.

 

* Heute firmiert das Büro als  Ana Niemeyer Arquitetura. Ana Elisa Niemeyer ist eine Enkelin von Oscar Niemeyer. Jair Valera hat die Leitung inne.