Das Drama der schwarzen Null – wann folgen die öffentlichen Investitionen?

 

Die Sonne scheint hell im Architektenland. Zumindest nach den aktuellen Ergebnissen der vierteljährlichen ifo-Architektenumfrage. Danach war das Geschäftsklima bei den freischaffenden Architekten zu Beginn des dritten Quartals 2016 so gut wie letztmals Anfang der 90er-Jahre, also wenige Monate nach dem „Mauerfall“. Damals wurden die rechtlichen Rahmenbe­dingungen für großzügige Sonderabschreibungen allerdings erst rund eineinhalb Jahre später geschaffen – im Rahmen des Fördergebietsgesetzes. Die Architekturbüros dürften somit von potenziellen Investoren bereits „auf Vorrat“ mit Aufträgen versorgt worden sein. Auch heute scheinen die Architekten mit ihren Planungen wieder deutlich „voran zu gehen“. Denn sowohl die Genehmigungsstatistik als auch vor allem die Zahl der als fertiggestellt gemeldeten Wohnungen weisen demgegenüber noch eher bescheidene Werte aus.

Beständig aufwärts

Die derzeitige Geschäftssituation wurde von den befragten Architekten nochmals besser als vor einem Vierteljahr eingeschätzt, obwohl bereits damals ein absoluter Spitzenwert erreicht worden war. Damit hat sich die Geschäftslage der Architekten seit rund zwölf Jahren nahezu kontinuierlich verbessert. Lediglich noch jeder neunte Architekt bezeichnete seine aktuelle Auftragssituation als „schlecht“, der Anteil der „gut“-Urteile war mit 54 Prozent fast fünf Mal so hoch. Die zukünftige Entwicklung sehen die Architekten 
bereits seit zweieinhalb Jahren überwiegend optimistisch. 18 Prozent der befragten Architekten erwarteten eine „eher bessere“ Auftragssituation in einem halben Jahr, lediglich neun Prozent eine „eher schlechtere“. Der größte Teil (knapp drei Viertel) ging demzufolge von keiner nachhaltigen Veränderung aus. Unter Berücksichtigung der gleichzeitig überaus positiven Beurteilung der aktuellen Geschäftslage dürfte das gute Geschäftsklima bei den Architekten also noch eine Weile Bestand haben.

Das geschätzte Bauvolumen aus den neu abgeschlossenen Verträgen (Neubauten ohne Planungsleistungen im Bestand) erhöhte sich im Nichtwohnbau um 30 Prozent – allerdings ausgehend von einem deutlich niedrigeren Niveau. Im Wohnungsbau setzte sich dagegen der Aufwärtstrend auf beeindruckende Weise fort.

Wohnen liegt vorn

Man muss sich nochmals daran erinnern, dass die Auftragsvergaben zur Planung von Ein- und Zweifamilienhäusern bis zum Herbst 2006 deutlich rückläufig waren. Seitdem hat sich das durchschnittliche Auftragsvolumen jedoch fast verdreifacht. Die neuen Aufträge zur Planung von Mehrfamiliengebäuden waren im zweiten Quartal 2016 zwar „nur“ um knapp zehn Prozent höher als im vorangegangenen Quartal. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass bereits im Vorquartal ein merklicher Schub an neuen Aufträgen hereingekommen war. Auch im langfristigen Durchschnitt bewegt sich das Ordervolumen in diesem Teilsegment auf einem hohen Niveau.

Im Wirtschaftsbau verzeichneten die befragten Architekten eine Belebung bei den Auftragseingängen. Die Rückgänge in den beiden Vorquartalen konnten damit jedoch – trotz eines Anstiegs um rund ein Fünftel – nicht wieder wettgemacht werden. Insgesamt scheint sich der Ordereingang jedoch auf einem befriedigenden Niveau stabilisiert zu haben. Die Auftragseingänge für Planungen zur Erstellung öffentlicher Hochbauten konnten sich zwar vom ausgesprochen niedrigen Niveau der 3 Vorquartale lösen, dennoch bewegen sich die Ordervolumina der öffentlichen Hand immer noch deutlich unter dem langjährigen Durchschnittswert.

Alles paletti?

Ja, leider mit einer Ausnahme: dem öffentlichen Sektor. Es ist absolut unverständlich, warum das Niveau der öffentlichen Auftragsvolumina nicht deutlich höher ist. Schließlich kann unser Finanzminister mittlerweile quasi kostenlos Kapital an den Finanzmärkten bekommen. Ich möchte selbstverständlich nicht einer ungezügelten Verschuldungssucht das Wort reden. Aber für die Finanzierung langfristig nutzbarer Bauwerke ist es absolut üblich – und auch sinnvoll – einen Kredit mit einer längeren Laufzeit aufzunehmen.

Wenn man dann ein einmaliges Geschenk bekommt, nämlich die Möglichkeit, Geld aufnehmen zu können, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen, dann sollte man diese Gelegenheit auch nutzen und nicht allein auf eine „schwarze Null“ fixiert sein. Für mich heißt das, dass es Sinn machen würde, einen großen Teil der in den nächsten Jahren sowieso „fälligen“ Investitionen, vor allem in die Infrastruktur sowie die energetische Sanierung der kompletten öffentlichen Gebäudesubstanz, soweit möglich, vorzuziehen.

Aber vielleicht ist Herr Schäuble auch ein besonders gutes Exemplar des „cleveren“ Schwaben: Er sieht, wie hell – nach den Umfragen des ifo-Instituts – bereits die Sonne im Architektenland scheint. Deshalb hält er sein Pulver noch trocken, um seine Fördermilliarden für öffentliche Investitionen dann „hervorzuzaubern“, wenn der große Nachfrageboom im Wohnungsbau abgeebbt ist.