Berlin, Hotel Michelberger

Hier wohnen Rockmusiker, Tänzer, Schreiberlinge, Werbefuzzies und Architekten – die viel besungenen jungen Kreativen eben, die sich das Kempi nicht leisten können und denen das Ibis zu spießig ist.

Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer trifft man hier kaum. Solche Hotels erwartet man auch nur in Amsterdam, der Bronx – oder Berlin. Vor der Wende war für uns Wessis hier die Welt zu Ende, vor der für ausreisende Rentner offenen Oberbaumbrücke endete die Linie 1, und gegenüber antwortete der Sehnsucht nur ein unwirtliches, leer geräumtes Industriegelände. Heute halten alle verfügbaren öffentlichen Verkehrsmittel direkt vor dem Hotel Michelberger. Ein urbanes Vorzeigequartier ist hier noch immer nicht entstanden. Aber immerhin ein unverwechselbarer Berliner Kiez.

Eingezogen ist das Hotel in einen ehemaligen Gewerbehof. Dass die Bar neben dem Eingang „Baustelle“ heißt, darf man als Programm lesen und sollte deshalb angesichts der über Türhöhe nur notdürftig verspachtelten Flurwände und -decken nicht fragen, wann das alles fertig wird. Der Architekt Werner Aisslinger hat für die Umgebung, das Haus und auch die Zielgruppe die richtige Atmosphäre eingebaut. 119 Zimmer, und der Laden läuft. Hier wohnen Rockmusiker, Tänzer, Schreiberlinge, Werbefuzzies und Architekten – wir jungen Kreativen eben, die sich das Kempi nicht leisten können und denen das Ibis zu spießig ist.

Sie kommen von überall her, ebenso wie die Mitarbeiter, Englisch hilft. Am runden Empfangstresen sitzt ein Typ mit Wollmütze, es könnte ein DJ sein, im Hintergrund sieht man ein Nebeneinander aus Bücherkäfig, groben Polstern, eine mit schwarz glasierten Industriefliesen verkleidete Bar, Sperrmüllgestühl und Fabrikleuchten. Der seitlich gelegene Frühstücksraum empfängt ebenfalls mit aufgearbeitetem Flohmarktmobiliar. Unter dem Rubrum „Nachhaltigkeit“ kann man das akzeptieren; wenn es nur billiges alternatives Wohnen persiflieren sollte, wäre es geschmacklos.

Die Zimmer entlang der dunklen schmalen Flure sind eine Überraschung. Die bescheidenste Version „Cosy“ ist nur etwas für Sommergäste ohne viel Gepäck. Man kann aber auch zu zweit in das kuschelige Lager zwischen der gläsernen Duschtrennwand und dem großen dreifach verglas-ten Fenster steigen. Dank eines einzigen Ablagebretts, egal für was, und einer an die Wand getackerten Obstkiste bedarf es einer gewissen Wohnmobil-Praxis, um zurecht zu kommen. Aber mit iPad kann man im Liegen arbeiten und beim morgendlichen Yoga die Kontaktlinsen im Knieen einsetzen. Schon das Fensteröffnen verlangt Klettermaxtalent.

Deshalb gleich zu den sehenswerten größeren Zimmern. Die Übernachtung wird übrigens pro Raum berechnet, egal wer hier alles (überraschend) schläft. Das größte Zimmer hat neun Betten. Das romantische Baustellendesign mit rauem Holz, dunklen Multiplexplatten, sichtbar geführten, farbig umsponnenen Lampenkabeln und etwas Budenimprovisation bleibt verbindlich. Dazu kommt eine Prise trivialer Kitsch wie Sofakissen, umhäkelte Kleiderbügel und Hausrat für den Polterabend. Rosemarie Trockel schleppt so was ins Museum.

Endlos aufzuzählen wäre die Innenarchitektur, die Podeste und Galerien, die Betten oder Badewannen direkt am Fenster mit spannendem Ausblick (kein Lärm!). Außer den großen Zimmern (für Rockbands und Frauengruppen, heißt es) kann man auch ein Luxusapartment bekommen. Hier hat vielleicht irgendein Künstler seine Tapete geklebt, es könnte einen Beamer geben, eine Musikanlage, eine lackrote Dusche oder ein mit Karostoff ausgeschlagenes Klo, eine Wand könnte vollständig mit raschelnden Büchern beklebt sein… Nur mit Hosenbügler, Minibar und Rasierspiegel braucht man nicht zu rechnen, Herr Kaiser!

Adresse

Hotel Michelberger
Warschauer Straße 39-40
10243 Berlin
Deutschland
www.michelbergerhotel.com