Das von a+r Architekten entworfene Technische Rathaus in Tübingen ist eine Hommage an die Nachkriegsarchitektur mit ihren einfachen Konstruktionsprinzipien und reduziertem Materialeinsatz. Zugleich transformierten die Architekten das Gebäude in die Gegenwart – und machten daraus ein offenes, bürgernahes Gebäude in ressourcenschonender Bauweise. Das Herz des Ensembles aus Alt- und Neubau bildet ein lichtdurchflutetes Atrium, in dem die ursprüngliche FassadeFassade: Die äußere Hülle eines Gebäudes, die als Witterungsschutz dient und das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt. des Gebäudes aus dem Jahr 1954 erlebbar ist. Mit ihrem kompakten Entwurf ist darüber hinaus gelungen, an der Gebäuderückseite eine wertvolle Freifläche entstehen zu lassen: eine öffentlich zugängliche Grünanlage entlang des Flusses Ammer, die zu einer höheren Aufenthaltsqualität im urbanen Raum beiträgt.
Das Technische Rathaus Tübingen ist eines der wenigen Gebäude aus den 1950er Jahren im Stadtbild der schwäbischen Universitätsstadt. Seit seinem Bau 1954 wurde es nicht mehr renoviert und erfüllte kaum noch die Anforderungen an einen modernen Verwaltungsbau, als im Jahr 2014 seine Generalsanierung und Erweiterung beschlossen wurden. Mit ihrem Entwurf führten a+r Architekten Altbau und Erweiterung zu einem neuen Ganzen zusammen, bei dem der Geist der Aufbaujahre zwar weiterhin spürbar bleibt, die Transformation in die heutige Zeit aber dennoch sichtbar gemacht wird. So platzierten sie den Neubau in Richtung Süden zur Brunnenstraße, wo er sich – dem Schwung der Straße folgend – einladend der Innenstadt zuwendet. Im Norden – auf der Gebäuderückseite – entstand Platz für einen kleinen öffentlichen Park.
Zwischen Alt und Neu: Das Atrium
Neben den Abteilungen des Technischen Rathauses hat nun auch das Baurechtsamt im Gebäudekomplex Platz. Auf dem Niveau der Brunnenstraße entsteht ein attraktiver Eingang, das großzügige Foyer mit integriertem Front-Office führt in das neu geschaffene Atrium zwischen Erweiterungs- und Altbau als Mitte und Herz des Ensembles. In dieser über das Dach mit LichtLicht: Licht bezeichnet elektromagnetische Strahlung im sichtbaren Bereich des Spektrums. In der Architektur wird Licht zur Beleuchtung von Räumen oder als Gestaltungselement eingesetzt. gefluteten Halle kann der Besucher die Fassade des alten Rathauses noch nahezu originalgetreu erleben. „Wie die Architektur der Nachkriegs-Moderne zeichnet sich auch der Neubau durch einen klaren Konstruktionsaufbau und einen reduzierten Einsatz der Materialien aus “, formuliert der Projektleiter Hellmut SchieferSchiefer – metamorpher Gesteinstyp mit spaltbarer Struktur, der als Dacheindeckung oder Fassadenbekleidung verwendet wird den Planungsansatz. Architektonische Qualität wird durch die Rundungen und präzise handwerkliche Details erreicht. So umschließt eine wertige Ziegelfassade das gesamte Gebäude, und im Inneren sind nur wenige, natürliche Materialien wie HolzHolz: Ein natürlicher Werkstoff, der zur Herstellung von Schalungen und Gerüsten genutzt werden kann. Es wird oft für Bauvorhaben im Bereich des Holzbaus verwendet. und Naturstein präsent.
Ein bürgernahes, offenes Gebäude
Insgesamt 220 neue Arbeitsplätze konnten durch die An- und Umbaumaßnahme geschaffen werden, wobei die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander sowie der Austausch mit den Besuchern im Mittelpunkt stehen soll. Blickbeziehungen innerhalb des Gebäudes – teilweise von Büro zu Büro – schaffen dafür die ideale Voraussetzung. Von außen sorgen große, einladende Fensterist eine Öffnung in der Wand eines Gebäudes, die Licht, Luft und Blick nach draußen ermöglicht. Es gibt verschiedene Arten von Fenstern, die sich in Größe, Form und Material unterscheiden können. Das Fenster ist ein wesentlicher Bestandteil der Gebäudearchitektur und hat sowohl funktionale als auch ästhetische Bedeutung. Es ist eine… für eine Architektur der TransparenzTransparenz: Transparenz beschreibt die Durchsichtigkeit von Materialien wie Glas. Eine hohe Transparenz bedeutet, dass das Material für sichtbares Licht durchlässig ist., die gut zu einem bürgernahen, offenen Rathaus passt. Es gibt Kombi- und Großraumbüros, die ihre Erschließungsflure mit in die Fläche einbeziehen, Teeküchen auf jedem Stockwerk und eine Cafeteria in einer dem Altbau aufgesetzten Etage in leichter Holzbauweise. Sie ist über eine Dachterrasse mit dem großen Sitzungssaal verbunden. Durch eine separate Erschließung eignet sich dieser Bereich auch für öffentliche Veranstaltungen.
Ökologisch verantwortlich
Wichtig war den Planungsverantwortlichen der „grünen“ Stadt Tübingen auch der Aspekt NachhaltigkeitNachhaltigkeit: die Fähigkeit, natürliche Ressourcen so zu nutzen, dass sie langfristig erhalten bleiben und keine negativen Auswirkungen auf die Umwelt haben. Nachhaltigkeit in der Architektur – Gebäude, die die Umwelt schützen und gleichzeitig Ästhetik und Funktionalität bieten Nachhaltigkeit und Architektur sind zwei Begriffe, die heute mehr denn je miteinander verbunden…, ein Kernthema von a+r Architekten. Das ressourcenbewusste Planen zeigt sich im Erhalt des Altbaus und damit verbunden einer deutlichen Einsparung sogenannter grauer EnergieEnergie: die Fähigkeit, Arbeit zu verrichten oder Wärme zu erzeugen. von Anfang an. Auch die Konzeption des Gebäudeverbunds mit einem sehr günstigen Oberfläche-zu-Volumen-Verhältnis (A/V-VerhältnisA/V-Verhältnis: das Verhältnis zwischen der oberflächlichen Größe eines Gebäudes im Vergleich zur Menge an Volumen, das es einschließt.) trägt zu einer deutlichen Energieeinsparung bei. Die hoch wärmegedämmte LochfassadeLochfassade: Eine Lochfassade ist eine Fassadenbauweise, bei der sich die Fassadenelemente aus vertikalen oder horizontalen schmalen Elementen zusammensetzen, welche zwischen den Glasflächen sitzen und somit lichtdurchlässig wirken. mit einem Fensteranteil von etwa 50 Prozent kommt sowohl dem winterlichen als auch dem sommerlichen Wärmeschutz entgegen.
Damit erreicht das Gebäude – zwar nicht zertifiziert, aber den Werten nach – PassivhausstandardPassivhausstandard – Die Mindestanforderungen an Heizlast, Gesamtenergieverbrauch und Luftdichtheit gemäß dem Passivhaus-Standard.. Erneuerbare EnergieErneuerbare Energie: Energiequellen, die kontinuierlich erneuert und aus natürlichen Ressourcen wie Sonne, Wind oder Biomasse gewonnen werden. Die Nutzung erneuerbarer Energien in der Architektur hat in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen. Während Gebäude traditionell als Energiekonsumenten angesehen wurden, werden sie heute zunehmend als Energieproduzenten betrachtet. In diesem Artikel… wird über GeothermieGeothermie: die Nutzung von Wärmeenergie aus der Erde als erneuerbare Energiequelle. Die Geothermie ist eine alternative Energieform, die auf der Nutzung der Erdwärme basiert. Dabei wird die in der Erde gespeicherte Wärmeenergie genutzt, um Strom und Wärme zu erzeugen. Die Geothermie ist eine nachhaltige und umweltfreundliche Energiequelle, da sie nahezu… und Solaranlagen gewonnen. Die Erweiterung bedeutet eine nachhaltige und wertstabile Zukunftsinvestition der Stadt in ihre Verwaltung und in die Betreuung ihrer Bürger. In der Architektur findet diese Haltung ihren adäquaten Ausdruck in der Verwendung von Recyclingbeton, den geringen Wartungsaufwand durch die langlebige Ziegelfassade sowie die hohe Flexibilität der Grundrisse.
Entrée in die Innenstadt und urbaner Grünraum
Mit ihrem Entwurf haben die Architekten bewusst eine andere Lösung entwickelt, als im Wettbewerb vorgegeben war. Anders als die Vorgabe, die den Erweiterungsbau mit Haupteingang auf der Rückseite des Bestandsgebäudes im Norden vorsah, platzierten a+r Architekten die Erweiterung auf der Südseite zwischen Bestand und Brunnenstraße. „Uns war es wichtig, dass der Erweiterungsbau dem Bogen der Straße folgt und einen klar definierten Stadtraum bildet. Es entstand ein einladender Haupteingang und eine Gesamtsichtbarkeit zur Innenstadt. Auf der Nordseite haben wir aufgrund unseres kompakten, flächensparenden Baukörper bewusst Raum geschaffen für eine wertvolle Grünfläche entlang der Ammer“, lautet das Resümee des Projektleiters.
Daten + Fakten:
Planungs- und Bauzeit: 2016 – 2019
Planungsbüro: a+r Architekten GmbH
Bauherr: Universitätsstadt Tübingen
Projektadresse: Tübingen
BGF: Bruttogrundfläche des Bestandsgebäudes: 4.975m² . Die Bruttogrundfläche des Anbaus ca. 3.165m²
Über a+r Architekten
a+r Architekten stehen für eine solide, umweltverträgliche und zukunftsorientierte Architektur mit einer überzeugenden Expertise im Bereich des nachhaltigen Bauens – auch im Bestand. Das 1985 von Prof. Gerd Ackermann und Prof. Hellmut Raff gegründete Büro mit Standorten in Stuttgart und Tübingen zählt rund 130 Mitarbeiter und steht heute unter der Leitung von Oliver Braun, Florian Gruner und Alexander Lange. Vorwiegend bauen a+r Architekten für öffentliche Auftraggeber, Industrie und Gewerbe, für kommunale Wohnbauunternehmen sowie für soziale Einrichtungen. Das Büro konzentriert sich auf eine angemessene, ökologische, funktionale und daraus resultierend innovative Bauweise und wurde dafür mit renommierten Preisen ausgezeichnet.
