22.10.2018

Event

Unser Hang zum Petitionismus

von Alexander Gutzmer

Vor ein paar Monaten erlebte ich eine für mich bemerkenswerte Premiere: Ich habe nämlich einen „offenen Brief“ unterzeichnet. Etwas unsicher noch, aber den Tenor des Briefes unterstützte ich, den Initiative schätze ich, also Name drunter und gutes Gefühl rein ins eigene Seelenleben.

Eine Unterschrift bisher – mit dieser Unterzeichnerquote liege ich, zumindest in der architekturdiskursiven Szene, deutlich unter dem Durchschnitt. Jedenfalls vermute ich das. Da wird nämlich recht viel herumdekretiert. Jede Woche geistert eine neue Unterzeichnerinitiative durch die sozialen Medien, mindestens einmal pro Monat herrscht irgendwo die ganz große Aufgeregtheit. Meist haben die Initiatoren inhaltlich irgendwie recht. Oftmals kämpfen sie auch für Forderungen, die sich im Grenzland des Binsenhaften befinden. Letzteres muss auch so sein, denn in der Welt von Facebook und Co. funktioniert das Binsenhafte (also das, was sich in zwei Sätzen ins „Was machst Du gerade“-Feld eintragen lässt) einfach hervorragend. Zusätzlich befeuert wird die Forderungsindustrie durch Plattformen wie Change.org. Die hat die aus Marketingsicht geniale, weil genial vage Obama-Formulierung des „Change“ zum eigenen Markenkern erhoben und daraus ein Lebensgefühl der Unterzeichner konstituiert, das irgendwo zwischen abgeklärtem Kulturpessimismus und aktivistischem Weltverbesserertum changiert.

Aktuell brachte vor einigen Tagen ein neuer offener Brief meine Filter-Bubble zum Brodeln. Es ging, etwas medial-selbstbezüglich, um einen Journalistenpreis für eine Autorin der NZZ. Für ihren Text „No more Frauenghetto, bitte“ hatte Antje Stahl den diesjährigen Kritikerpreis der FAZ (benannt nach dem legendären Filmkritiker Michael Althen) zugesprochen bekommen. Der Text dreht sich um die Ausstellung „Frau Architekt“ im Deutschen Architekturmuseum. Grob gesagt lieferte Stahl die (wenig überraschende) Überlegung, mit einer solchen Ausstellung zementiere man die Männerherrschaft, weil damit weibliche Architektenschaft quasi zu etwas Überraschendem und daher Auszustellendem werde.

Dagegen verwahrten sich nun diverse Kuratorinnen und Kuratoren sowie weitere an der Ausstellung Beteiligte (wohlgemerkt aber nicht das DAM selber). In einem öffentlichen Statement ließen sie wissen: „Wo Fake statt Fakten die Grundlage bildet, wird die Rede von analytischer Schärfe zur Farce. Verantwortlicher Journalismus sieht anders aus. Zu hinterfragen ist nicht nur die Berechtigung dieser Preisverleihung, sondern auch die Urteilsfähigkeit der aus Film- und Theaterschaffenden und einem Schriftsteller zusammengesetzten Jury … In ihr sind angesehene Namen versammelt, die jedoch durch irgendeine Kompetenz in Fragen von Architektur oder Baukultur bisher nicht in Erscheinung getreten sind.“

Mal ganz abgesehen von der „nicht vom Fach“-Binse (zur Erinnerung – dies ist ein Preis über journalistische Qualität, nicht über Gebäude) – geht es nicht auch eine Spur weniger aufgeregt? Man muss die Haltung der prämierten Journalistin ja nicht teilen. Aber deshalb gleich mit emsig gesammelten Unterschriften gegen einen Preis für diese „protestieren“? Ist ein solcher (ja immer etwas ins Pathetische reichende) Protest hier wirklich ein adäquates Mittel der Auseinandersetzung? Reicht ein bloßes „ich find den Text ja nicht so doll“, gerne auch über soziale Medien verbreitet, nicht aus?

Hier scheint mir doch eine ganze Menge persönlicher Befindlichkeiten mitzuschwingen. Man scheint durch die Kritik beleidigt zu sein und artikuliert das mittels der ganz großen Diskurskeule „offener Brief“. Und das ist eben ein Symptom unserer Tage. Es ist nämlich genau diese permanente Fähigkeit, sich persönlich angegriffen zu fühlen, die viele der im Netz herumgeisternden Petitionen, Forderungen, Proteste, offenen Briefe etc. auszeichnet. Und die unserer Zeit etwas grundlegend Hysterisches verleiht. Wir leben in einer Welt der permanenten Hyperventilation. Das tut dem gesellschaftlichen Klima und auch dem Architekturdiskurs nicht unbedingt gut.

Womit dieser Text enden soll. Wobei – reicht es eigentlich, ihn einfach nur online zu stellen und zu hoffen, dass ihn jemand liest? Vielleicht sollte ich … also eine ganz kleine Petition vielleicht? Ist jemand da, der unterzeichnen mag?

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