30.04.2026

Architektur Wohnen

The Architect House Morelia

The Architect House Morelia: Reduzierter Wohnbau in Mexiko mit zentralem Steingarten als architektonischem Mittelpunkt, geprägt von Leere, Licht und japanisch inspirierter Raumkomposition.
Foto: Cesar Bejar

In Morelia entstand mit The Architect House Morelia ein Wohnbau, der sich bewusst gegen architektonische Überhöhung stellt und stattdessen den „leeren Raum“ als zentrales Entwurfsprinzip begreift. Das Projekt von HW Studioreflektiert eine radikal reduzierte Architekturhaltung, die stark von japanischer Ästhetik, Zen-Philosophie und der Idee des Ma – der Bedeutung des Zwischenraums – geprägt ist.


Architektur als bewusste Leere

Im Zentrum des Entwurfs steht nicht das gebaute Objekt, sondern der nicht gebaute Raum. Der Innenhof wird zum eigentlichen Kern des Hauses – ein stiller Steingarten, der nicht dekorativ verstanden wird, sondern als strukturelles und atmosphärisches Zentrum.

Diese Haltung verschiebt die klassische Hierarchie von Architektur: Raum wird nicht durch Wände definiert, sondern durch das Verhältnis von Stille, Licht und Bewegung. Die Leere ist hier kein Mangel, sondern ein aktives architektonisches Element.


Kompakte Form, präzise Organisation

Von außen präsentiert sich das Gebäude als reduzierte, monolithische Volumetrie. Der Baukörper wirkt geschlossen, fast zurückhaltend im urbanen Kontext von Morelia. Erst im Inneren offenbart sich die räumliche Komplexität.

Die Organisation folgt einer klaren Trennung von Funktionen, die sich um den zentralen Hof gruppieren:

  • ein doppelt hoher Küchen- und Essbereich
  • ein kontemplatives Wohnzimmer mit steinernen Inseln
  • ein minimalistischer Schlafraum im oberen Geschoss

Verbindende Flure werden bewusst vermieden. Die Bewegung durch das Haus wird zu einer Abfolge von Übergängen zwischen Offenheit und Intimität.

Cesar Bejar
Cesar Bejar
Gustavo Quiroz
Cesar Bejar
Cesar Bejar
Cesar Bejar
Gustavo Quiroz

Der Hof als strukturelles Zentrum

Der zentrale Steingarten ist das eigentliche räumliche Rückgrat des Hauses. Inspiriert von japanischen Gartenanlagen – insbesondere der Ästhetik der Kyoto-Tempel – wird er nicht als Landschaft im klassischen Sinne verstanden, sondern als kompositorisches System aus Stein, Licht und Leere.

Zwei erhöhte Holzplattformen schweben über dem Kiesbett und schaffen Zonen der Ruhe und Wahrnehmung. Der Garten „organisiert“ das Haus nicht dekorativ, sondern räumlich und atmosphärisch: Alle Funktionen orientieren sich an diesem stillen Zentrum.


Materialität zwischen Reduktion und Bedeutung

Die Materialwahl folgt einer strengen Logik der Reduktion. Beton, Holz, Stein und Papier definieren die architektonische Sprache. Besonders prägend sind die Shoji-Elemente aus Reispapier, die Licht filtern und in eine weiche, zeitliche Dimension überführen.

Licht wird nicht als technisches Phänomen behandelt, sondern als atmosphärisches Material. Schatten ist kein Gegensatz, sondern eine Erweiterung des Lichts.


Architektur ohne Schutzdistanz

Ein bewusst eingesetztes architektonisches Prinzip ist die Aufhebung konventioneller Schutzlogiken. Es gibt keine durchgängigen, geschlossenen Verbindungsgänge zwischen den Bereichen. Wer sich im Haus bewegt, tritt bewusst in Außenräume ein – auch bei Regen.

Diese Entscheidung transformiert die Beziehung zwischen Mensch, Raum und Umwelt. Architektur wird hier nicht als Trennung verstanden, sondern als direkte Erfahrung der Elemente.

Cesar Bejar
Gustavo Quiroz
Cesar Bejar
Cesar Bejar

Eingang als rituelle Bewegung

Bemerkenswert ist auch die räumliche Inszenierung des Zugangs. Der Eingang erfolgt nicht horizontal, sondern über eine absteigende Bewegung. Diese Geste verleiht dem Eintritt eine fast rituelle Qualität – vergleichbar mit dem Durchschreiten eines Torii im japanischen Kontext.

Die Architektur fordert damit eine Haltung: Reduktion von Ego, Aufmerksamkeit für Raum und Umgebung, ein bewusstes Ankommen.


Schlafraum als kontemplativer Abschluss

Im oberen Bereich liegt der Schlafraum als minimaler Rückzugsort. Ein einzelnes rundes Fenster rahmt den Blick auf einen Baum im Innenhof. Dieser gezielte Blickausschnitt ersetzt Panorama durch Fokussierung.

Der Raum wird damit weniger als funktionale Einheit verstanden, sondern als Zustand der Wahrnehmung.


Ein Haus als architektonische Haltung

Mit einer Fläche von nur 95 m² und einem Budget von rund 82.000 USD zeigt The Architect House Morelia, dass architektonische Qualität nicht aus Größe oder Materialaufwand entsteht, sondern aus konzeptioneller Klarheit.

Das Projekt von HW Studio versteht sich als architektonische Selbstreflexion: ein Haus, das nicht nur bewohnt wird, sondern eine Haltung zum Wohnen formuliert.


Projektdaten

  • Projekt: The Architect House Morelia
  • Ort: Morelia, Michoacán, Mexiko
  • Architekt: HW Studio
  • Fertigstellung: 2025
  • Größe: 95 m²
  • Budget: 82.000 USD
  • Struktur: Rogelio Vallejo Bores, Abdiel Nuñez Gaona, Grupo GAPSE


The Architect House Morelia ist ein radikal reduzierter Wohnbau, der Architektur als Beziehung zwischen Leere, Licht und Bewegung neu interpretiert. Statt formaler Überhöhung entsteht ein Raum, der auf Wahrnehmung, Stille und Kontemplation basiert – und damit eine selten konsequente architektonische Haltung formuliert.

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